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07.04.2017

10:33 Uhr

Linde-Praxair-Fusion

Gewerkschaft droht mit Protesten

Noch in diesem Monat wollen Linde und Praxair die Fusion zum weltgrößten Gaseanbieter beschließen. Doch der Gegenwind von Arbeitnehmerseite nimmt immer stärker zu. Jetzt ruft die IG Metall zu Protesten auf.

Die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair stehen in der Kritik. Reuters, Sascha Rheker

Linde Group

Die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair stehen in der Kritik.

MünchenDie IG Metall ruft die Linde-Belegschaft zu Protesten gegen die geplante Fusion mit dem Rivalen Praxair auf. Es sei für den 27. April ein europaweiter Aktionstag geplant, sagte ein Gewerkschaftssprecher. Am Tag darauf will der Industriegasekonzern seine Bilanz für das erste Quartal vorlegen. Die Arbeitnehmervertreter wehren sich vehement gegen den geplanten Zusammenschluss. Im Aufsichtsrat wollen sie geschlossen gegen die Fusion stimmen. Die Fronten sind verhärtet: Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle hatte angekündigt, die Fusion zur Not mit seinem doppelten Stimmrecht im Aufsichtsrat durchzusetzen.

Damit läuft es auf einen Showdown in der entscheidenden Sitzung des Aufsichtsrats am 3. Mai hinaus. Reitzle hatte mit seiner Ankündigung, die Fusion auf Biegen und Brechen durchzusetzen, Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler gereizt. Der Gewerkschafter zog den Manager öffentlich in Zweifel. „Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, ist das Gegenteil von Mitbestimmung. Das sollte Herr Reitzle wissen“, hatte Wechsler am Donnerstag erklärt.

Probleme bei der Mega-Fusion von Linde und Praxair

Warum will der Linde-Vorstand überhaupt die Fusion?

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni erwartet Synergien von einer Milliarde Euro jährlich. Zusammen kämen Linde und Praxair auf 28 Milliarden Euro Umsatz, wären Weltmarktführer - und im Gasegeschäft bedeutet Größe auch höhere Gewinnmargen. Die Börse reagiert positiv, die Linde-Aktie hat 17 Prozent zugelegt, die meisten Analysten unterstützen den Plan. Belloni führte außerdem die „hervorragende operative Expertise“ von Praxair-Chef Steve Angel und seines Teams an: Die US-Manager erwirtschaften höhere Profite als die Linde-Manager und sollen den neuen Konzern führen.

Wie soll der neue Konzern aussehen?

Die wichtigsten Vorstände sitzen in den USA. Die Holding wird in Dublin angesiedelt. Das spart Steuern, und die Mitbestimmung fällt weg. Reitzle soll Aufsichtsratschef werden. Die Aktie soll an den Börsen in New York und Frankfurt notiert werden.

Braucht Linde die Fusion?

„Nicht dringend“, sagt Belloni. Linde habe allein ein stabiles, wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell und erfolgversprechende Innovationen. Der Dax-Konzern ist führend in Europa und Asien, stark im US-Medizingasegeschäft und mit seinem Anlagenbau auch breiter aufgestellt. Praxair ist führend in Nord- und Südamerika, kämpft aber mit sinkenden Umsätzen. Linde machen Umsatzeinbrüche im Anlagenbau zu schaffen, geplant ist ein Stellenabbau. Bei einer Fusion aber verspricht Linde Kündigungsschutz und Standortgarantien bis 2021.

Warum sind die Betriebsräte und Gewerkschaften trotzdem dagegen?

Sie befürchten einen massiven Stellenabbau, weil die Synergien zulasten der Linde-Beschäftigten gingen. Die Mitbestimmung fällt weg, eine neue Führungskultur halte Einzug. Der Pullacher Betriebsratschef Michael Kipp sagte, es gehe nicht „um einen Zusammenschluss unter Gleichen, sondern um eine Übernahme von Linde durch den deutlich kleineren Wettbewerber Praxair“. Der Europäische Betriebsrat von Linde befürchtet „einen Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird“.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Linde?

Weltweit sind es knapp 60.000, in Deutschland 8.000. Größter Standort ist Pullach mit 3.300 Mitarbeitern, 2.200 weitere Beschäftigte arbeiten in München und dem Vorort Unterschleißheim sowie in Augsburg, Trostberg und anderen bayerischen Standorten. In Leuna, Dresden und in Worms am Rhein arbeiten jeweils mehrere Hundert Beschäftigte.

Wo liegen die Risiken?

Wegen Kartellauflagen müssten Linde und Praxair Firmenteile verkaufen, vor allem in den USA. Das könnte Konkurrenten stärken, sagen Analysten. Kritiker verweisen auch auf das Beispiel DaimlerChrysler und andere gescheiterte Fusionen. Hier betont Belloni aber Lindes Erfahrung mit der Übernahme des großen britischen Konkurrenten BOC, wo der Unterschied in der Firmenkultur viel größer gewesen sei als bei Praxair. Vom Fusionsvertrag bis zum rechtskräftigen Abschluss gäbe es 15 Monate Schwebezustand. Offen ist, welche Folgen Reitzles Aktienkäufe haben.

Worum geht es da?

Der Aufsichtsratschef hatte zwei Monate vor Bekanntgabe der Fusionsgespräche für eine halbe Million Euro Linde-Aktien gekauft und dies auch veröffentlicht. Die Finanzmarktaufsicht Bafin sah dennoch Anhaltspunkte für ein mögliches Insidergeschäft, die Münchner Staatsanwaltschaft prüft jetzt, „ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht“. Ob ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird und wie die strenge US-Börsenaufsicht SEC dann reagieren würde, ist offen.

Wie geht es weiter?

Die meisten Linde-Aktionäre sitzen in den USA und Großbritannien, nur acht Prozent in Deutschland. Jeder dritte Linde-Anteilseigner ist auch Praxair-Aktionär. Bei den Amerikanern entscheidet die Hauptversammlung, bei Linde der Aufsichtsrat. Reitzle will die Fusion gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter bis Anfang Mai durchsetzen. Notfalls werde er von seinem doppelten Stimmrecht als Aufsichtsratschef Gebrauch machen. Die Linde- und die Praxair-Aktionäre sollen je die Hälfte an der neuen Holding halten.

„Wenn Reitzle dazu nicht in der Lage sei, stelle sich die Frage, „ob er der Richtige für Linde ist“, erklärte der Gewerkschafter weiter. „Herr Reitzle scheint zu glauben, dass eine solche Fusion auch gegen die betroffenen Beschäftigten durchgezogen werden kann.“ Die Erfahrung mit fehlgeschlagenen grenzüberschreitenden Transaktionen beweise das Gegenteil. „Bei solch komplexen Zusammenführungen von kulturell sehr unterschiedlichen Unternehmen müssen die Beschäftigten voll mitziehen - dies ist bei Linde nicht gegeben.“

Die Arbeitnehmervertreter fürchten um Arbeitsplätze und die Mitbestimmung auf Konzernebene, wenn der gemeinsame Firmensitz wie geplant ins Ausland verlegt wird. Sie hoffen auf eine Spaltung der Kapitalvertreterseite angesichts des Streits. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die sehr erfahrenen und verdienten Kapitalvertreter im Aufsichtsrat in einer solchen Situation vor den Karren von Herrn Reitzle spannen lassen“, erklärte Wechsler.

Unterstützung hatten die Gewerkschafter und Betriebsräte aus dem Bundeswirtschaftsministerium und von der bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) erhalten. Am Donnerstag sprachen sich fünf Münchner Bundestagsabgeordnete gegen eine Verlegung aus. „Neben dem möglichen Wegfall von Arbeitsplätzen geht es auch um den Erhalt von technologischer Spitzenfähigkeit“, erklärten die CSU-Parlamentarier um Johannes Singhammer. „Im Hinblick auf die geplante Linde-Fusion mit anschließender Verlagerung des Firmensitzes stehen wir daher an der Seite der Arbeitnehmer. Ohne deren Zustimmung soll die Fusion nicht vollzogen werden.“

Von

rtr

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