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11.04.2017

12:14 Uhr

Linde und Praxair

Aktionäre wollen über Fusionsplan abstimmen

Linde will mit dem US-Rivalen Praxair fusionieren. Aktionärsschützer fordern, die Eigentümer über die Pläne auf der Hauptversammlung abstimmen lassen. Doch der Dax-Konzern lässt die Aktionäre abblitzen.

Die Fusion mit dem US-Rivalen Praxair soll per Aktientausch über die Bühne gehen. Reuters, Sascha Rheker

Linde-Zentrale in München

Die Fusion mit dem US-Rivalen Praxair soll per Aktientausch über die Bühne gehen.

MünchenDer Industriegasehersteller Linde will seine Aktionäre auf der kommenden Hauptversammlung weiterhin nicht über die Fusion mit dem US-Rivalen Praxair abstimmen lassen. Die Münchner ließen die Aktionärsvereinigung DSW am Dienstag mit einem entsprechenden Antrag erneut abblitzen. „Diesem Verlangen ist nicht zu entsprechen“, teilte Linde mit. Es gebe dafür keine Rechtsgrundlage.

Komme es zu dem 60 Milliarden Euro schweren Zusammenschluss mit Praxair, dann werde die neue gemeinsame Holdinggesellschaft den Linde-Aktionären ein öffentliches Umtauschangebot unterbreiten. „Auf Grundlage dieses Umtauschangebots kann jeder Linde-Aktionär eigenständig und direkt entscheiden, ob er im Rahmen des geplanten Zusammenschlusses mit Praxair seine Linde-Aktien in Aktien der neuen Holdinggesellschaft tauschen will oder nicht“, begründeten die Juristen. Drei Viertel der Linde-Aktien müssen für den Deal umgetauscht werden.

Linde-Chefaufseher: Kein Insider-Verfahren gegen Reitzle

Linde-Chefaufseher

Kein Insider-Verfahren gegen Reitzle

Wolfgang Reitzle kann erst mal aufatmen: Der Aufsichtsratschef von Linde muss kein Strafverfahren wegen Insiderhandels befürchten. Die Staatsanwaltschaft sieht keinen hinreichenden Verdacht gegen den Manager.

Zuvor hatte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) bereits zum zweiten Mal eine Abstimmung auf dem Eigentümertreffen verlangt. „Wir sind der Ansicht, dass diese Fusion das Unternehmen derart gravierend verändern würde, dass eine solche Entscheidung nicht ohne die Zustimmung der Aktionäre getroffen werden darf“, erklärte DSW-Vizechefin Daniela Bergdolt. „Deshalb haben wir nun einen entsprechenden Antrag auf Erweiterung der Tagesordnung der kommenden Linde-Hauptversammlung gestellt, die am 10. Mai stattfinden wird.“

Die Anwältin stützt sich auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, wonach die Zustimmung der Aktionäre für eine strukturverändernde Maßnahme immer dann einzuholen sei, wenn die Entscheidung eine so intensive Veränderung des Unternehmens nach sich zieht.

Probleme bei der Mega-Fusion von Linde und Praxair

Warum will der Linde-Vorstand überhaupt die Fusion?

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni erwartet Synergien von einer Milliarde Euro jährlich. Zusammen kämen Linde und Praxair auf 28 Milliarden Euro Umsatz, wären Weltmarktführer - und im Gasegeschäft bedeutet Größe auch höhere Gewinnmargen. Die Börse reagiert positiv, die Linde-Aktie hat 17 Prozent zugelegt, die meisten Analysten unterstützen den Plan. Belloni führte außerdem die „hervorragende operative Expertise“ von Praxair-Chef Steve Angel und seines Teams an: Die US-Manager erwirtschaften höhere Profite als die Linde-Manager und sollen den neuen Konzern führen.

Wie soll der neue Konzern aussehen?

Die wichtigsten Vorstände sitzen in den USA. Die Holding wird in Dublin angesiedelt. Das spart Steuern, und die Mitbestimmung fällt weg. Reitzle soll Aufsichtsratschef werden. Die Aktie soll an den Börsen in New York und Frankfurt notiert werden.

Braucht Linde die Fusion?

„Nicht dringend“, sagt Belloni. Linde habe allein ein stabiles, wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell und erfolgversprechende Innovationen. Der Dax-Konzern ist führend in Europa und Asien, stark im US-Medizingasegeschäft und mit seinem Anlagenbau auch breiter aufgestellt. Praxair ist führend in Nord- und Südamerika, kämpft aber mit sinkenden Umsätzen. Linde machen Umsatzeinbrüche im Anlagenbau zu schaffen, geplant ist ein Stellenabbau. Bei einer Fusion aber verspricht Linde Kündigungsschutz und Standortgarantien bis 2021.

Warum sind die Betriebsräte und Gewerkschaften trotzdem dagegen?

Sie befürchten einen massiven Stellenabbau, weil die Synergien zulasten der Linde-Beschäftigten gingen. Die Mitbestimmung fällt weg, eine neue Führungskultur halte Einzug. Der Pullacher Betriebsratschef Michael Kipp sagte, es gehe nicht „um einen Zusammenschluss unter Gleichen, sondern um eine Übernahme von Linde durch den deutlich kleineren Wettbewerber Praxair“. Der Europäische Betriebsrat von Linde befürchtet „einen Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird“.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Linde?

Weltweit sind es knapp 60.000, in Deutschland 8.000. Größter Standort ist Pullach mit 3.300 Mitarbeitern, 2.200 weitere Beschäftigte arbeiten in München und dem Vorort Unterschleißheim sowie in Augsburg, Trostberg und anderen bayerischen Standorten. In Leuna, Dresden und in Worms am Rhein arbeiten jeweils mehrere Hundert Beschäftigte.

Wo liegen die Risiken?

Wegen Kartellauflagen müssten Linde und Praxair Firmenteile verkaufen, vor allem in den USA. Das könnte Konkurrenten stärken, sagen Analysten. Kritiker verweisen auch auf das Beispiel DaimlerChrysler und andere gescheiterte Fusionen. Hier betont Belloni aber Lindes Erfahrung mit der Übernahme des großen britischen Konkurrenten BOC, wo der Unterschied in der Firmenkultur viel größer gewesen sei als bei Praxair. Vom Fusionsvertrag bis zum rechtskräftigen Abschluss gäbe es 15 Monate Schwebezustand. Offen ist, welche Folgen Reitzles Aktienkäufe haben.

Worum geht es da?

Der Aufsichtsratschef hatte zwei Monate vor Bekanntgabe der Fusionsgespräche für eine halbe Million Euro Linde-Aktien gekauft und dies auch veröffentlicht. Die Finanzmarktaufsicht Bafin sah dennoch Anhaltspunkte für ein mögliches Insidergeschäft, die Münchner Staatsanwaltschaft prüft jetzt, „ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht“. Ob ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird und wie die strenge US-Börsenaufsicht SEC dann reagieren würde, ist offen.

Wie geht es weiter?

Die meisten Linde-Aktionäre sitzen in den USA und Großbritannien, nur acht Prozent in Deutschland. Jeder dritte Linde-Anteilseigner ist auch Praxair-Aktionär. Bei den Amerikanern entscheidet die Hauptversammlung, bei Linde der Aufsichtsrat. Reitzle will die Fusion gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter bis Anfang Mai durchsetzen. Notfalls werde er von seinem doppelten Stimmrecht als Aufsichtsratschef Gebrauch machen. Die Linde- und die Praxair-Aktionäre sollen je die Hälfte an der neuen Holding halten.

Die DSW sieht die geplante Verlagerung des Holding-Sitzes ins Ausland und die operative Führung aus den USA kritisch. „Diese Holding wird eine völlig andere Governance-Struktur haben als die bisherige Linde AG. Das wird unter anderem dazu führen, dass die Aktionäre mit einem komplett neuen Rechtssystem konfrontiert werden, mit entsprechend erschwerten Möglichkeiten, ihre Aktionärsrechte auszuüben“, erklärte Bergdolt. Zudem gebe es kein Barangebot für die Linde-Eigner.

Die Arbeitnehmervertreter stemmen sich aus ganz ähnlichen Gründen gegen die Fusion mit den Amerikanern. Sie fürchten um die Mitbestimmung. Zudem erwarten sie einen weiteren Stellenabbau auf Kosten der Linde-Belegschaft. Sie haben angekündigt, im Aufsichtsrat geschlossen gegen die Pläne zu stimmen. Die Belegschaft will Ende April groß gegen den Zusammenschluss protestieren, den Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle auf Biegen und Brechen durchsetzen will.

Von

rtr

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