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09.05.2017

20:49 Uhr

Linde und Praxair

„Das ist eher eine Sache von Wochen als von Monaten“

Laut Linde-Aufsichtsratschef Reitzle soll der Fusionsvertrag mit Praxair in einigen Wochen unterschriftsreif sein. Am Mittwoch soll der Plan bei der Hauptversammlung diskutiert werden. Es kündigt sich aber Widerstand an.

Linde und Praxair sollen schon bald fusionieren. Bei den Beschäftigten und einigen Aktionären gibt es allerdings Widerstand. dpa

Linde

Linde und Praxair sollen schon bald fusionieren. Bei den Beschäftigten und einigen Aktionären gibt es allerdings Widerstand.

MünchenDer Fusionsvertrag von Linde und Praxair wird nach Einschätzung von Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle bis zum Sommer unterschriftsreif sein. „Das ist eher eine Sache von Wochen als von Monaten“, sagte der Manager am Dienstag im Reuters-Interview. Die geplante Fusion des Münchner Gasekonzerns mit seinem US-Rivalen zum Weltmarkführer stößt auf Widerstand der Arbeitnehmer und ist auch unter Aktionären nicht unumstritten.

Der als Business Combination Agreement bezeichnete Fusionsvertrag war zunächst bereits bis zur Linde-Hauptversammlung an diesem Mittwoch in München erwartet worden. Die Fertigstellung hatte sich jedoch nach Worten eines Insiders verzögert, weil die Juristen mehr Zeit für eine gründliche Ausarbeitung des komplexen Vertragswerks benötigen. Bei dem Aktionärstreffen in München dürfte das rund 60 Milliarden Euro schwere Vorhaben für Diskussionen sorgen.

Probleme bei der Mega-Fusion von Linde und Praxair

Warum will der Linde-Vorstand überhaupt die Fusion?

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni erwartet Synergien von einer Milliarde Euro jährlich. Zusammen kämen Linde und Praxair auf 28 Milliarden Euro Umsatz, wären Weltmarktführer - und im Gasegeschäft bedeutet Größe auch höhere Gewinnmargen. Die Börse reagiert positiv, die Linde-Aktie hat 17 Prozent zugelegt, die meisten Analysten unterstützen den Plan. Belloni führte außerdem die „hervorragende operative Expertise“ von Praxair-Chef Steve Angel und seines Teams an: Die US-Manager erwirtschaften höhere Profite als die Linde-Manager und sollen den neuen Konzern führen.

Wie soll der neue Konzern aussehen?

Die wichtigsten Vorstände sitzen in den USA. Die Holding wird in Dublin angesiedelt. Das spart Steuern, und die Mitbestimmung fällt weg. Reitzle soll Aufsichtsratschef werden. Die Aktie soll an den Börsen in New York und Frankfurt notiert werden.

Braucht Linde die Fusion?

„Nicht dringend“, sagt Belloni. Linde habe allein ein stabiles, wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell und erfolgversprechende Innovationen. Der Dax-Konzern ist führend in Europa und Asien, stark im US-Medizingasegeschäft und mit seinem Anlagenbau auch breiter aufgestellt. Praxair ist führend in Nord- und Südamerika, kämpft aber mit sinkenden Umsätzen. Linde machen Umsatzeinbrüche im Anlagenbau zu schaffen, geplant ist ein Stellenabbau. Bei einer Fusion aber verspricht Linde Kündigungsschutz und Standortgarantien bis 2021.

Warum sind die Betriebsräte und Gewerkschaften trotzdem dagegen?

Sie befürchten einen massiven Stellenabbau, weil die Synergien zulasten der Linde-Beschäftigten gingen. Die Mitbestimmung fällt weg, eine neue Führungskultur halte Einzug. Der Pullacher Betriebsratschef Michael Kipp sagte, es gehe nicht „um einen Zusammenschluss unter Gleichen, sondern um eine Übernahme von Linde durch den deutlich kleineren Wettbewerber Praxair“. Der Europäische Betriebsrat von Linde befürchtet „einen Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird“.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Linde?

Weltweit sind es knapp 60.000, in Deutschland 8.000. Größter Standort ist Pullach mit 3.300 Mitarbeitern, 2.200 weitere Beschäftigte arbeiten in München und dem Vorort Unterschleißheim sowie in Augsburg, Trostberg und anderen bayerischen Standorten. In Leuna, Dresden und in Worms am Rhein arbeiten jeweils mehrere Hundert Beschäftigte.

Wo liegen die Risiken?

Wegen Kartellauflagen müssten Linde und Praxair Firmenteile verkaufen, vor allem in den USA. Das könnte Konkurrenten stärken, sagen Analysten. Kritiker verweisen auch auf das Beispiel DaimlerChrysler und andere gescheiterte Fusionen. Hier betont Belloni aber Lindes Erfahrung mit der Übernahme des großen britischen Konkurrenten BOC, wo der Unterschied in der Firmenkultur viel größer gewesen sei als bei Praxair. Vom Fusionsvertrag bis zum rechtskräftigen Abschluss gäbe es 15 Monate Schwebezustand. Offen ist, welche Folgen Reitzles Aktienkäufe haben.

Worum geht es da?

Der Aufsichtsratschef hatte zwei Monate vor Bekanntgabe der Fusionsgespräche für eine halbe Million Euro Linde-Aktien gekauft und dies auch veröffentlicht. Die Finanzmarktaufsicht Bafin sah dennoch Anhaltspunkte für ein mögliches Insidergeschäft, die Münchner Staatsanwaltschaft prüft jetzt, „ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht“. Ob ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird und wie die strenge US-Börsenaufsicht SEC dann reagieren würde, ist offen.

Wie geht es weiter?

Die meisten Linde-Aktionäre sitzen in den USA und Großbritannien, nur acht Prozent in Deutschland. Jeder dritte Linde-Anteilseigner ist auch Praxair-Aktionär. Bei den Amerikanern entscheidet die Hauptversammlung, bei Linde der Aufsichtsrat. Reitzle will die Fusion gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter bis Anfang Mai durchsetzen. Notfalls werde er von seinem doppelten Stimmrecht als Aufsichtsratschef Gebrauch machen. Die Linde- und die Praxair-Aktionäre sollen je die Hälfte an der neuen Holding halten.

Linde-Beschäftigte gehen auf die Barrikaden, weil sie um Arbeitsplätze und Mitbestimmung fürchten. Investoren stehen dem Vorhaben zwar aufgeschlossen gegenüber, aber auch aus ihren Reihen kommt Kritik: Der Hauptversammlung werde eine Abstimmung über das Vorhaben verweigert, mit der geplanten Verlegung des Firmensitzes ins Ausland würden deutsche Aktionäre benachteiligt, der Streit mit Linde-Mitarbeitern wecke Zweifel am Gelingen des Vorhabens.

Reitzle sagte, ein Verlust der Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat sei unausweichlich. „Für eine Fusion unter Gleichen benötigen wir einen Firmensitz in einem neutralen europäischen Land“, sagte der Aufsichtsratschef. „Es gibt kein Land auf der Welt, das das deutsche Mitbestimmungsmodell in dieser Ausprägung übernommen hat – das aber kann man nicht uns vorwerfen.“ Sorgen der Arbeitnehmer vor einem gravierenden Stellenabbau in Deutschland seien unbegründet. Die Jobkürzungen seien mit der Fusion geringer als sie ohne die Fusion wären.

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Der Blick in die Bilanz zeigt, dass Linde im Vergleich zur Konkurrenz einige Schwächen hat – vor allem in puncto Profitabilität. Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle will das durch die Fusion mit Praxair ausmerzen.

Die Arbeitnehmervertreter im paritätisch besetzten Aufsichtsrat haben angekündigt, geschlossen gegen die Fusion zu stimmen. Reitzle erklärte, er wolle eine Kampfabstimmung möglichst vermeiden, in der die Kapitalseite aufgrund seiner doppelten Stimme im Vorteil ist. „Natürlich werde ich mich bemühen, die Zweitstimme nicht einsetzen zu müssen“, sagte der Manager. „Feststellen aber muss man auch, dass ja bei Einführung der Mitbestimmung genau für so einen Fall die Zweitstimme vom Gesetzgeber eingeführt wurde.“

Von

rtr

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