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08.10.2015

18:21 Uhr

Liveblog zum Abgasskandal

„VW wird für dieses schmutzige Geheimnis bezahlen“

Ein Ausschuss des US-Kongresses nimmt Volkswagen US-Chef Michael Horn ins Kreuzverhör. Kurz zuvor startete die Staatsanwaltschaft Braunschweig eine Razzia im Wolfsburger Werk. Das Liveblog.

Nichts als die Wahrheit – Volkswagen-US-Chef Michael Horn legt den Eid ab. AFP

Anhörung in den USA

Nichts als die Wahrheit – Volkswagen-US-Chef Michael Horn legt den Eid ab.

Im Abgas-Skandal hat es am Donnerstag eine Razzia bei Volkswagen gegeben. Es seien Durchsuchungen in Wolfsburg und anderen Orten durchgeführt worden, teilte die Staatsanwaltschaft Braunschweig mit. Später muss der US-Chef von Volkswagen, Michael Horn, vor dem US-Kongress leisten. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel warnt vor Aktionismus in der Debatte. Das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg prüft indes einen Zeit- und Maßnahmenplan von VW zur Bewältigung der Abgas-Affäre

+++Eine letzte Frage+++

"Haben die deutschen Software-Ingenieure, die von der Manipulation wussten, ihre US-Kollegen darüber informiert, nachdem die hohen Abweichungen bei den Abgaswerten festgestellt wurden", fragt eine Abgeordnete. "Dann hätten wir wohl schon früher hier gesessen", entgegnet Horn. Danach wird die Sitzung unterbrochen. Sie soll später fortgesetzt werden.

+++"Es war der Druck des Systems"+++

Horn wird nach der Motivation für Manipulation gefragt: "Es war der Druck des Systems, eine Lösung zu entwickeln - zusätzlich zu dem gegebenen Kostendruck". Man hätte niemals Profit über die Zufriedenheit der Kunden stellen dürfen. Was er nun unternehme? "Ich schlafe momentan keine Nacht", antwortet Horn.

+++Volle Attacke auf VW+++

Ein Abgeordneter fragt, ob auch in Europa mit der Software betrogen wurde. Horn verweist auf die "aktuellen Untersuchungen der Behörden". Da die Vorgaben allerdings andere seien als in den USA, gehe er davon aus, dass die Software dort nicht betrogen habe. "Glauben Sie wirklich, sie können uns erzählen, dass dies das Werk einiger krimineller Ingenieure war? Das nehme ich VW nicht ab. Dann wäre ihre ganze Organisation inkompetent", entgegnet ein anderer Abgeordneter. "Tragen Sie das weiter an Ihren Vorstand". Ein weiterer pflichtet ihm "VW ist der Lance Armstrong der Autoindustrie." Warum solle man VW noch erlauben, Autos in den USA zu verkaufen?

“Wir haben keine Zugbrücke, die wir hochziehen können“

Video: “Wir haben keine Zugbrücke, die wir hochziehen können“

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+++Eine Warnung aus Texas+++

Der texanische Abgeordnete Burgess gibt VW einen Hinweis: "Nehmen Sie die Interessen ihrer Kunden nicht auf die leichte Schulter." Diese Software sei sicher nicht von einem Entwickler nachts in seinem Zimmer programmiert worden. Er sei selbst auf der Suche, bespreche sich mit dem neuen VW-Markenchef Herbert Diess und dem neuen Konzernchef Matthias Müller. "Haben Sie Ihren direkten Vorgesetzen mal gefragt?", fragt der Abgeordnete. Horn antwortet: "Mein direkter Vorgesetzter, Christian Klingler, ist schon zurückgetreten - aus anderen Gründen"

+++Neußer wurde informiert+++

Horn verrät weitere Details: Am 20. Juli habe er von seinen Ingenieuren erfahren, dass der neue Passat keine Zulassung bekommen würde. Daraufhin habe er sofort den damaligen Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer informiert. Denn der Motor sei in Wolfsburg entwickelt worden - und damit außerhalb von Horns Zuständigkeitsbereichs. Bis heute seien drei Ingenieure suspendiert worden, er könne wegen des deutschen Rechts keine Namen nennen.

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

+++"Es war keine Unternehmensentscheidung"+++

Die Abgeordneten wollen konkretere Angaben zu den Verursachern: "Nach meinem heutigen Kenntnisstand war das keine Unternehmensentscheidung, sondern die einzelner Ingenieure, die diese Software eingebaut haben - warum auch immer", erklärt Horn. Der Abgeordnete hat Zweifel an dieser Version. "Das verstehe ich", entgegnet Horn.

++Reparaturen werden mehrere Jahre dauern+++

Für jede Reparatur werde man nach den bisherigen Erfahrungen fünf bis zehn Stunden brauchen. Daher werde sich die Reparatur nach seinem jetzigen Kenntnisstand ein bis zwei Jahre hinziehen. Man wolle aber keine verkauften Autos zurückkaufen, sondern den Fehler reparieren.

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