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25.09.2015

20:14 Uhr

Liveblog zur VW-Krise

Müller ist gewählt, Blume soll Porsche-Chef werden

Es ist der Tag der Personalentscheidungen bei VW: Die Marathonsitzung des Aufsichtsrats ist nun beendet. Porsche-Chef Müller wird Winterkorn-Nachfolger – doch welche Köpfe werden sonst noch ausgetauscht? Der Liveblog.

Matthias Müller wird neuer Vorstandsvorsitzender von Volkswagen. ap

Der neue Mann am Steuer

Matthias Müller wird neuer Vorstandsvorsitzender von Volkswagen.

WolfsburgDer Volkswagen-Konzern steckt in der größten Vertrauenskrise seiner Geschichte. Der Skandal um manipulierte Abgastests hat Vorstandschef Martin Winterkorn hinweggefegt. Mitten im Strudel des Skandals versucht VW einen personellen Neustart: Der Aufsichtsrat des Konzerns entscheidet in Wolfsburg über die Nachfolge an der Spitze. Nach Handelsblatt-Informationen hat der Aufsichtsrat Porsche-Chef Matthias Müller als Nachfolger gewählt. Doch es gilt auch, weitere Personalentscheidungen zu treffen. Der Tag im Liveblog.

+++ Schweiz will Neuzulassung von VW-Autos verbieten +++
Manipulierte Fahrzeuge des VW-Konzerns sollen in der Schweiz nicht mehr neu zugelassen werden. Das Schweizer Bundesamt für Straßen will den betroffenen Modellen die Typengenehmigung vorsorglich entziehen, bis Klarheit über mögliche Manipulationen besteht, wie die Behörde am Freitag mitteilte. Bereits zugelassene Fahrzeuge dürften jedoch weiterhin auf Schweizer Straßen rollen.

+++ Blume steht als neuer Porsche-Chef schon fest +++
Die Nachfolge des neuen VW-Chefs Matthias Müller beim Sportwagen-Hersteller Porsche ist bereits so gut wie entschieden. Offiziell steht Müller zwar zunächst weiterhin auch an der Spitze von Porsche. Wie die Deutsche Presse-Agentur aus Konzernkreisen erfuhr, steht aber der bisherige Produktionsvorstand Oliver Blume (47) bereits de facto als neuer Firmenlenker fest. Aus formalen Gründen wurde diese Personalie nicht schon am Freitag geklärt, schließlich muss der Aufsichtsrat der VW-Tochter Porsche AG dies beschließen. Dieses Gremium soll in der kommenden Woche in Stuttgart zusammenkommen.

+++ Moody's droht auch Bank- und Leasingsparte von VW +++
Moody's droht auch der Bank- und Leasingsparte von Volkswagen mit einer schlechteren Bonitätsnote. Die Agentur prüfe die Ratings von VW Financial Services und der VW Bank auf eine Herabstufung, teilt Moody's mit. Bereits am Vortag hatte Moody's den Ausblick für die Bonitätsnote des Konzerns gesenkt.

Was der VW-Aufsichtsrat zu Matthias Müller sagt

Müller wird neuer Chef

Porsche-Chef Matthias Müller wird neuer Vorstandsvorsitzender von Volkswagen. Das teilte der VW-Aufsichtsrat nach seiner Krisensitzung am Freitag mit. Die Erklärungen der Beteiligten im Wortlaut.

Quelle: dpa

Berthold Huber / Geschäftsführender Vorsitzender des Aufsichtsrates

„Matthias Müller ist eine Persönlichkeit von großer strategischer, unternehmerischer und sozialer Kompetenz. Er kennt den Konzern und seine Marken, wird seine neue Aufgabe unmittelbar und mit ganzer Kraft angehen. Dabei schätzen wir ausdrücklich seinen kritischen und konstruktiven Blick.“

Bernd Osterloh / Vorsitzender des Konzernbetriebsrates

„Der Volkswagen Konzern braucht bei der Besetzung der Unternehmensspitze keine Schnellschüsse. Matthias Müller kennen und schätzen wir für seine Entschlossenheit und Durchsetzungskraft. Er ist kein Einzelkämpfer, sondern Teamplayer. Das braucht Volkswagen jetzt.“

Matthias Müller

„Meine vordringlichste Aufgabe wird es sein, Vertrauen für den Volkswagen Konzern zurückzugewinnen - durch schonungslose Aufklärung und maximale Transparenz, aber auch, indem wir die richtigen Lehren aus der aktuellen Situation ziehen. Volkswagen wird unter meiner Führung alles daran setzen, die strengsten Compliance- und Governance-Standards (Verhaltens- und Führungsregeln, Gesetze und Richtlinien, die Red.) der gesamten Branche zu entwickeln und umzusetzen. Wenn uns dies alles gelingt, dann hat der Volkswagen Konzern mit seiner Innovationskraft, seinen starken Marken und vor allem seiner kompetenten, hochmotivierten Mannschaft die Chance, langfristig gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen.“

+++ Großes Stühlerücken im VW-Konzern und bei Marken +++
Mit der Ernennung von Matthias Müller zum neuen Vorstandschef hat der Aufsichtsrat von VW am Freitag eine Reihe weiterer Personalveränderungen beschlossen: Vertriebsvorstand Christian Klingler verlässt das Unternehmen mit sofortiger Wirkung, Müller wird das Ressort zunächst kommissarisch selbst übernehmen. Der Vertrag des Vorstandsmitglieds für Beschaffung, Javier Garcia Sanz, wird um fünf Jahre verlängert. Das derzeit nur kommissarisch geleitete Produktionsressort entfällt. Zu den übrigen Vorstandsposten machte VW keine Angaben. VW-Markenvorstand Herbert Diess ist künftig Vorstandsvorsitzender der Marke Volkswagen. Hinzu kommen weitere Änderungen bei den Marken: Skoda-Chef Winfried Vahland wird Konzernverantwortlicher für Nordamerika. Sein Amt übernimmt der bisherige Porsche-Vertriebsvorstand Bernhard Maier. Neuer Seat-Chef wird Audi-Vertriebschef Luca de Meo. Der bisherige Chef der spanischen Marke Jürgen Stackmann wird Markenvorstand Volkswagen.

+++ Volkswagen-Konzern bekommt neue Struktur +++
Der vom Abgas-Skandal gebeutelte Volkswagen-Konzern wird umgebaut. Der Aufsichtsrat beschloss am Freitag, das Wolfsburger Auto-Imperium mit seinen zwölf Marken in vier Gruppen zu gliedern. Dabei sollen die einzelnen Marken stärker vom Konzernvorstand koordiniert werden und mehr Verantwortung für die Regionen erhalten. Die Hauptmarke VW sowie ihre beiden Schwestern Seat und Skoda sollen jeweils durch einen Vorstandsmitglied in der obersten Konzernführung vertreten werden. Bei VW ist dies der frühere BMW-Manager Herbert Diess. Für die Sportwagen wird eine Gruppe mit Porsche, Bentley und Bugatti gebildet, die vom neu gekürten Konzernchef Matthias Müller geleitet wird. Die von Rupert Stadler geführte Gruppe aus Audi, dem Luxussportwagen Lamborghini und dem italienischen Motorradhersteller Ducati bleibt unverändert. Der Holding für die Lkw-Töchter MAN und Scania steht weiter der von Daimler zu Volkswagen gewechselte Andreas Renschler vor.

+++ EZB setzt Kauf von VW-Kreditverbriefungen aus +++
Wegen des Abgas-Skandals kauft die Europäische Zentralbank (EZB) vorerst keine Autokredit-Verbriefungen von Volkswagen mehr. Es gebe zunächst eine Überprüfung, bevor endgültig entschieden werde, ob die VW-Schuldverschreibungen (ABS) aus dem Wertpapier-Ankauf-Programm der EZB ausgeschlossen würden, sagte eine mit der Sache vertraute Person am Freitag. Die Zeitung „Die Welt“ berichtete unter Berufung auf Zentralbankkreise, dass die EZB sich zunächst ein Bild von den Auswirkungen der Affäre um manipulierte Abgaswerte auf die verbrieften Autokredite von VW machen wolle. Die Käufe in einer unübersichtlichen Lage vorübergehend auszusetzen, sei auch unter privatwirtschaftlichen ABS-Investoren ein übliches Vorgehen.

VW-Konkurrenten und die Abgas-Affäre: Wilde Verdächtigungen – und schmutzige Fakten

VW-Konkurrenten und die Abgas-Affäre

Wilde Verdächtigungen – und schmutzige Fakten

Nach der Manipulation von Abgastests durch VW rücken andere Hersteller ins Visier. Doch mehr als wilde Verdächtigungen gibt es kaum. Wo die Ausstöße auffällig sind – und was man den Autobauern vorwerfen kann.

+++ Volkswagen-Vertriebschef Klingler nimmt seinen Hut +++
Vertriebsvorstand Christian Klingler verlässt den VW-Konzern. Der 47-Jährige gehe im Rahmen des bei Europas größtem Autobauer geplanten Umbaus „und aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über die Geschäftsstrategie mit sofortiger Wirkung“, teilte das Unternehmen am Freitag mit. Zuvor hatte der Aufsichtsrat in Wolfsburg über verschiedene Personalien und Strukturfragen beraten. So wird der bisherige Porsche-Chef Matthias Müller nun Vorstandsvorsitzender des Konzerns, zudem sollen die Marken weltweit in den einzelnen Regionen mehr Verantwortung bekommen. Den Vertrieb auf Ebene des Gesamtkonzerns soll Müller zusätzlich „kommissarisch leiten“.

+++ Michael Horn bleibt US-Chef +++
Michael Horn leitet trotz des Abgas-Skandals weiter das US-Geschäft von VW in den USA.

+++ Müller gibt sich optimistisch +++
Der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller will den Autobauer wieder auf Kurs bringen. „Wir können und werden diese Krise bewältigen“, sagte Müller in Wolfsburg.

Der VW-Abgasskandal - eine Chronik

Freitag, 18. September

Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren.

Samstag, 19. September

Die Deutsche Umwelthilfe fordert angesichts der VW-Manipulationsvorwürfe ein Fahrverbot für Dieselautos. Das Problem bestehe nicht nur in den USA, sondern noch stärker in Europa.

Sonntag, 20. September

Winterkorn kündigt eine umfassende Aufklärung an. „Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben“, teilte er mit und erklärt das Thema zur „höchsten Priorität“. Später räumt ein Konzernsprecher ein, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.

Montag, 21. September

Volkswagen stoppt den Verkauf von Dieselwagen mit Vierzylinder-Motoren in den USA. Betroffen sind dort Modelle der Kernmarke VW und der Tochter Audi. Die Vorzugsaktie von VW bricht zeitweise um mehr als ein Fünftel ein. In den USA entschuldigt sich VW-Regionalchef Michael Horn: „Wir haben Mist gebaut.“

Dienstag, 22. September

Auch in Absatzmärkten außerhalb der USA gibt es Forderungen, Klarheit über das Ausmaß der Affäre zu schaffen. VW gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen an. In einem Video bittet Winterkorn um Entschuldigung.

Mittwoch, 23. September

Winterkorn tritt zurück. „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt. Der Aufsichtsrat kündigt eine Entscheidung über die Nachfolge an.

Donnerstag, 24. September

Die Affäre bringt die gesamte Industrie in Bedrängnis. Vorwürfe werden laut, auch andere Hersteller könnten manipuliert haben. Viele dementieren das. Daneben gibt es etliche Personalspekulationen rund um VW. Medien berichten, Porsche-Chef Matthias Müller habe die besten Chancen, Winterkorn zu beerben.

Freitag, 25. September

Der VW-Aufsichtsrat wählt Matthias Müller zum neuen Konzernchef.

Montag, 28. September

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitet Ermittlungen ein.

Dienstag, 29. September

Volkswagen legt einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vor und will fünf Millionen Fahrzeuge der Kernmarke VW in die Werkstätten holen.

Mittwoch, 30. September

Das Präsidium des Aufsichtsrates tagt. Es schlägt vor, die im November geplante außerordentliche Aufsichtsratssitzung abzusagen. Trotz der Affäre soll der langjährige VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch weiterhin neuer Aufsichtsratsvorsitzender werden.

Die VW-Finanztochter verhängt einen Einstellungsstopp bis zum Jahresende, auslaufende Zeitverträge werden nicht verlängert.

Donnerstag, 1. Oktober

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig rudert zurück: Entgegen früheren Angaben führt sie kein formelles Verfahren gegen Winterkorn. Neuer VW-Finanzchef wird nach dem Wechsel von Hans Dieter Pötsch in den Aufsichtsrat der Leiter der Finanzsparte, Frank Witter.

Freitag, 2. Oktober

Der US-Kongress teilt mit, dass sich VW-Landeschef Michael Horn am 8. Oktober den Abgeordneten in einer Befragung stellen muss. Auf speziellen Internetseiten können Kunden von VW und Audi prüfen, ob ihr Wagen die Manipulations-Software verwendet.

Dienstag, 6. Oktober

Betriebsratschef Bernd Osterloh und Müller sprechen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg zur Belegschaft. Osterloh betont, bisher gebe es noch keine Konsequenzen für Jobs - laut Müller stellt die Abgas-Affäre aber bereits geplante Investitionen infrage.

+++ Sitzung des Aufsichtsrats ist beendet +++
Stunden später als geplant ist die Sitzung des VW-Aufsichtsrats zu Ende gegangen. Porsche-Chef Matthias Müller wurde zum neuen Vorstandsvorsitzenden gewählt. (Matthias Müller im Porträt) Der neue Chef werde seine Aufgabe „mit ganzer Kraft angehen“, sagte der Interimsvorsitzende des Kontrollgremiums, Berthold Huber. Müller war bereits vor dem Treffen der Aufseher als Favorit für den Spitzenposten gehandelt worden. Der Aufsichtsrat danke Müller, dass er diese Aufgabe in schwierigen Zeiten für das Unternehmen übernehme, erklärte VW-Aufsichtsratschef Berthold Huber. Am 9. November werde eine außerordentliche Hauptversammlung abgehalten, auf der sich designierte neue Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch zur Wahl stelle. Bis dahin bleibt Pötsch Finanzchef des Konzerns.

+++ Manipulierte VW-Autos auch in der Schweiz +++
Manipulierte Autos von VW sind offenbar auch in der Schweiz verkauft worden. Davon sei mit hoher Wahrscheinlichkeit auszugehen, teilte das Schweizer Bundesamt für Straßen mit.

+++ Abgasmanipulation aus Wolfsburg gesteuert? +++
Volkswagen-Manager in Deutschland haben die wichtigsten Aspekte der gefälschten Emissionstests des Konzerns kontrolliert. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Insider. Kriterien, Ergebnisse und Technik der Autos, die die Abgasziele verfehlten, wurden demnach von Managern in der Wolfsburger Konzernzentrale überwacht. In den USA habe VW keine Ingenieure, die den Betrugs-Mechanismus für die Abgastests konfigurieren oder Emissionsprobleme lösen konnten, zitiert Bloomberg weitere Insider. Mehr dazu im Artikel.

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