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22.09.2016

11:16 Uhr

Lkw-Boom im Nahen Osten

„Auf unseren Stühlen sitzen die Chinesen“

VonMarkus Fasse

Der Nahe Osten steht nach der Aufhebung der Iran-Sanktionen vor einem Lkw-Boom. Hersteller wie Daimler erwarten kräftiges Wachstum. Doch in ihrer Abwesenheit hat sich bereits ein aggressiver Konkurrent breit gemacht.

Der Iran und seine Nachbarländer brauchen eine effiziente Transportflotte, um die teilweise mehr als 40 Jahre alten Laster abzulösen. Imago

Lkw in der Karakum-Wüste

Der Iran und seine Nachbarländer brauchen eine effiziente Transportflotte, um die teilweise mehr als 40 Jahre alten Laster abzulösen.

MünchenWolfgang Bernhard hatte es sehr eilig. Kaum waren Mitte Januar die Sanktionen gegen den Iran beendet, da flog der Truck-Chef von Daimler schon nach Teheran. „Es ist immer noch alles da, um Lastwagen zu bauen“, berichtete Bernhard. Sehr schnell soll die Lastwagen-Produktion mit dem iranischen Partner Khodro wieder aufgenommen werden.

Aber ein Selbstläufer wird der Markteintritt nach sechs Jahren Abwesenheit nicht. „Auf unseren Stühlen sitzen jetzt die Chinesen“, sagt Bernhard. Die Konkurrenz aus Fernost habe die Abwesenheit der westlichen Anbieter genutzt, um sich starke Positionen aufzubauen.

Der Iran und der gesamte Nahe Osten gelten als die neue Wachstumsregion der Lkw-Hersteller, die in diesen Tagen auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover ihren Branchentreff abhalten. Während Südamerika weiter in der Krise versinkt, dürfte der Markt im Nahen Osten nach einer Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little in den kommenden zehn Jahren um fünfzig Prozent zulegen.

Vor allem die politische Öffnung des Iran, aber auch die wirtschaftliche Modernisierung Saudi-Arabiens könnten im Nahen Osten in den kommenden Jahren zu einem Lastwagen-Boom führen. Demnach wird der Verkauf von mittelschweren und schweren Lastwagen in den kommenden zehn Jahren besonders stark zulegen.

Der Iran und seine Nachbarländer brauchen eine effiziente Transportflotte, um die teilweise mehr als 40 Jahre alten Laster abzulösen. Und das Potenzial in der Region könnte noch größer sein: Ein möglicher Wiederaufbau der heutigen Bürgerkriegsländer Syrien, Irak und Jemen ist in diesen Prognosen noch gar nicht eingerechnet.

Das sind die größten Lkw-Märkte

Platz 10

Osteuropa - 48.100 verkaufte Lkw im Jahr 2014*

Die Transportbranche in Osteuropa gilt als großer Hoffnungsträger für die Branche - und ist nach Ansicht der Unternehmensberater von Deloitte einer der dynamischsten Märkte weltweit. Die Verkäufe soll jährlich um zehn Prozent anziehen.

*Quelle: Deloitte Truck-Studie

Platz 9

Mittelamerika - 65.500 verkaufte Lkw im Jahr 2014

Die Nähe zu den USA lässt die Industrie florieren, die Nachfrage nach Transportdienstleistungen steigt - und damit auch die Lkw-Verkäufe. Bis 2024 soll der Absatz jährlich um fünf Prozent zulegen.

Platz 8

Japan - 77.100 verkaufte Lkw im Jahr 2014

Auf den japanischen Straßen ist der Platz begrenzt, gefragt sind darum vor allem mittelgroße Lkw. Allerdings dürfte sich das Wachstum in Grenzen halten. Prognostiziert wird ein Marktzuwachs von jährlich einem Prozent.

Platz 7

Russland - 116.000 verkaufte Lkw im Jahr 2014

Der russische Markt hat viel Potential, obwohl in Russland viele Güter über die Schiene transportiert werden. Die aktuelle politische Lage verhagelt die Bilanz. Mittelfristig sieht die Perspektive besser aus.

Platz 6

Brasilien - 164.700 verkaufte Lkw im Jahr 2014

Die größte Volkswirtschaft Südamerikas hat viel Dynamik eingebüßt. Auch für den Lkw-Absatz sind die Prognosen mau. Der Markt soll bis 2024 jedes Jahr um etwa ein Prozent zulegen.

Platz 5

Südostasien - 168.100 verkaufte Lkw im Jahr 2014

Thailand, Malaysia und Indonesien gelten als Wirtschaftsnationen mit Potential. Und auch die Nachfrage nach schweren Nutzfahrzeugen legt jährlich um fünf Prozent zu.

Platz 4

Indien - 237.300 verkaufte Lkw im Jahr 2014

Noch fristet der indische Lkw-Markt ein Schattendasein. Doch die Potentiale sind gigantisch. Im Jahr 2024, so prognostiziert es die Unternehmensberatung Deloitte, sollen dort 544.400 Lkw verkauft werden. Das jährliche Wachstum beträgt neun Prozent.

Platz 3

EU - 297.000 verkaufte Lkw im Jahr 2014

Noch landet aber Europa, der Heimatmarkt von Daimler, MAN/Scania und Volvo, auf dem dritten Rang. Mit einem jährlichen Wachstum von vier Prozent bis 2024 ist die Entwicklung durchaus positiv.

Platz 2

USA - 377.000 verkaufte Lkw im Jahr 2014

Bis auf Daimler tun sich die europäischen Hersteller noch schwer auf dem US-Markt. Nach Jahren der Konsolidierung sind dort deutlich weniger Wettbewerber im Markt.

Platz 1

China - 985.000 verkaufte Lkw im Jahr 2014

Der größte Lkw-Markt der Welt wird regiert durch die lokalen Hersteller. Die schiere Menge an verkauften Lkw kaschiert, dass es sich dabei vor allem um kleine, günstige Modelle handelt. Auch die Wachstumsprognosen sind nach Ansicht von Deloitte eher bescheiden. Sie gehen von einem jährlichen Wachstum von einem Prozent aus.

Während sich vor Beginn der Sanktionen gegen den Iran westliche Hersteller wie Volvo, Daimler und die VW-Tochter MAN die Region aufteilten, haben die Chinesen die Abwesenheit ihrer Konkurrenten genutzt. Allen voran Dongfeng, aber auch Sinotruck haben im Iran, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten starke Positionen eingenommen.

Waren die Chinesen vor zehn Jahren noch die Billigheimer der Nische, so liegt ihr Anteil in der Region über alle Segmente bei mittlerweile gut 40 Prozent. „Die chinesischen Trucks schaffen es immer besser, die Anforderungen der Kunden in der Region zu bedienen“, stellen die Experten von Arthur D. Little fest. Die neuen Anbieter aus Fernost bieten verlässliche Technik zu fairen Preisen. Und sie beginnen Servicestrukturen aufzubauen, eine wichtige Vorrausetzung für dauerhaften Erfolg im Lkw-Geschäft.

Kommentare (9)

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Herr Toni Ebert

22.09.2016, 11:25 Uhr

Ist doch schön, dass China die Zeiten der westlichen Sanktionen nutzt, um sich dort zu positionieren.

Gestern im IRAN
heute Russland.



Herr Ciller Gurcae

22.09.2016, 11:36 Uhr

Und die Danksagung sollte auch hier direkt an Kanzlerin Merkel gehen.

Herr Thomas Behrends

22.09.2016, 12:19 Uhr

@ Herr Toni Ebert

Das haben wir alles nur dem großen Hegemon, na, Sie dürfen 3 x raten, den USA zu verdanken, die ja so viel Gutes für die Welt tun (Bomben auf den Irak, Afghanistan, Syrien, Lybien ...).

... und obendrein kann man seine "europäischen Partner" auch noch aus den Märkten katapulzieren, um sich selbst dort einzunisten (Ukraine etc.).

Auf solche partnerschaftlichen Avancen kann Europa und die Welt gern verzichten ...

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