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03.03.2016

14:44 Uhr

Machtkampf bei Playmobil

Die letzte Brandstätter-Vertraute muss gehen

Jahrzehntelang hatte Horst Brandstätter die Zügel bei Playmobil fest im Griff. Seit seinem Tod scheint die führende Hand zu fehlen. Im Machtkampf muss nun die Brandstätter-Vertraute Judith Weingart ihren Hut nehmen.

Nach dem Tod von Horst Brandstätter steckt das Unternehmen in einer Führungskrise. dpa

Playmobil

Nach dem Tod von Horst Brandstätter steckt das Unternehmen in einer Führungskrise.

ZirndorfGut ein halbes Jahr nach dem Tod des Playmobil-Alleineigentümers Horst Brandstätter hat ein Streit über den künftigen Kurs den fränkischen Spielwarenhersteller in eine Führungskrise gestürzt. Im Zuge der geplanten Neuausrichtung der Unternehmensgruppe musste nun die frühere Brandstätter-Vertraute Judith Weingart ihren Hut nehmen, teilte die hinter den Marken Playmobil und Lechuza stehende Unternehmensgruppe Geobra Brandstätter am Donnerstag mit.

Als Grund nannte das Unternehmen am Donnerstag auf Anfrage „unterschiedliche Vorstellungen“ bei der geplanten Neuausrichtung des Unternehmens. „Dieser Weg bleibt nicht ohne Konflikte“, heißt es in einer Stellungnahme. Dem bislang dreiköpfigen Vorstand der Geobra Brandstätter Unternehmensstiftung gehören noch der für Personal und Finanzen zuständige René Benker und der Technische Leiter Robert Benker an. Beide sind wie Weingart altgediente Playmobil-Mitarbeiter.

Das ist der deutsche Spielzeugmarkt

Neue Rekorde

Die deutschen Spielwarenhändler erzielten im Jahr 2015 einen Rekordumsatz von knapp drei Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von rund sechs Prozent gegenüber 2014 und ist etwa ein Fünftel mehr als Anfang des Jahrzehnts. Klassisches Spielzeug kommt bei den Kindern gut an, aber auch Elektronik wie Drohnen oder Roboter sind bei den Kids begehrt.

Hohe Hürden

Die Branche leidet unter der starken Fokussierung der Kunden auf die Zeit kurz vor Heiligabend. Fast jeden dritten Euro erwirtschaftet die Industrie in den beiden Wochen vor dem 24. Dezember. Noch vor einigen Jahren hat das für die Anbieter überlebenswichtige Weihnachtsgeschäft bereits im November begonnen. Doch mittlerweile shoppen die Menschen in der Hoffnung, Schnäppchen zu ergattern, erst kurz vor dem Fest.

Großes Risiko

Marken und Händler tun sich schwer, die Nachfrage vorherzusagen. Wenn Ware in einzelnen Läden ausgeht, ist es kurz vor Weihnachten meistens zu spät, um nachzuordern. Ein großer Teil der Spielsachen kommt aus Fernost, der Transport dauert Wochen. So gehen wichtige Umsätze verloren. Händler müssen in Kauf nehmen, auf einem Berg von Teddys, Bauklötzchen oder Modellautos sitzen zu bleiben, falls sie nicht dem Geschmack der Kunden entsprechen. Das ist bitter, denn im Januar lässt sich die Ware erfahrungsgemäß nur mit erheblichen Abschlägen absetzen.

Lego

Die Dänen treffen wie kein anderer Anbieter den Geschmack der Kinder. Fast jeden fünften Euro erwirtschaften die Fachhändler hierzulande mit den bunten Klötzchen aus Dänemark. Das liegt unter anderem daran, dass die Lego-Sets vergleichsweise teuer sind. Aufwendige Bausätze kosten schon einmal 100 Euro und mehr.

Playmobil

Das fränkische Familienunternehmen produziert seine Spielewelten aus Plastik ausschließlich in Europa. Mittlerweile gibt es dem Hersteller aus Zirndorf zufolge mehr als 4600 Varianten der bunten Männchen. Weltweit wohnen etwa 2,8 Milliarden Playmobil-Figuren in Kinderzimmern. 2016 setzt Playmobil anlässlich der Europameisterschaft auf ein neues Fußball-Spiel. Erstmals kommt auch ein Kreuzfahrtschiff der Marke in die Läden.

Simba-Dickie

In Deutschland gilt die Simba-Dickie-Gruppe des Unternehmers Michael Sieber als größter Spielwarenanbieter. Der Franke unterhält einen ganzen Markenzoo, vom Bobby-Car-Produzenten Big über die Noris-Spiele bis hin zum Modellbahnhersteller Märklin. An den Schwaben hat Sieber bis jetzt allerdings keine so rechte Freude, 2015 ist der Umsatz mit den Lokomotiven und Waggons aus Göppingen leicht geschrumpft.

Ravensburger

Bekannt für Puzzles ist die Ravensburger AG. Mit dem elektronischen Griffel Tiptoi haben die Schwaben viele Fans dazugewonnen. Anfang 2015 hat das Unternehmen Brio übernommen, den skandinavischen Hersteller von Holzeisenbahnen.

Mattel

Der US-Konzern hat sich zuletzt schwer getan, die Herzen der Kinder zu erobern. So sank der Umsatz 2015 weltweit um fünf Prozent auf 5,7 Milliarden Dollar. Sorgenkind war vor allem Barbie, deren Verkäufe um weitere zehn Prozent zurückgingen. Von 2012 bis 2014 war der Absatz bereits um 20 Prozent gesunken. Allerdings hat Mattel zum Gegenschlag ausgeholt: Neue Varianten der berühmten Puppe, die es nun nicht mehr nur mit ultraschlanker Model-Figur, sondern auch „kurvig“, „groß“ und „klein“ gibt, sollen den 56 Jahre alten Klassiker zurück in die Spur bringen.

Hasbro

Transformers, Monopoly oder Furby: Der amerikanischen Spielwarenkonzern Hasbro hat eine ganze Reihe von bekannten Marken im Portfolio. Im letzten Weihnachtsgeschäft ist der Konzern vor allem mit „Star-Wars“-Figuren gewachsen. In Deutschland sind bei Jungs insbesondere die „Nerf“-Spielzeugpistolen ein Hit.

Weingart gehörte dem Unternehmen seit mehr als 20 Jahren an; im Juni 2015 hatte die frühere Kommunikationschefin des Spielfiguren-Herstellers die Nachfolge als Nachfolgerin der früheren Firmenchefin Andrea Schauer angetreten. Diese war kurz nach dem Tod Brandstätters aus privaten Gründen aus dem Unternehmen ausgeschieden.

In einer Mitteilung kündigte die Unternehmensführung eine grundlegende Neuausrichtung von Playmobil und dem zur Gruppe gehörenden Pflanzengefäß-Hersteller Lechuza an. „Um die Erfolgsgeschichte der Marken Playmobil und Lechuza fortzuschreiben, stellen wir die Strukturen an allen Standorten kritisch auf den Prüfstand und leiten notwendige Veränderungsprozesse ein“, betonte die Unternehmensführung weiter.

Wie aus dem Firmenumfeld zu erfahren ist, hat der Tod von Horst Brandstätter im Juni 2015 zu einer Führungskrise und zur Verunsicherung bei den weltweit mehr als 4100 Mitarbeitern geführt. Zwar hatte Brandstätter die Firma noch vor seinem Tod in eine Firmenstiftung überführt, die von einem dreiköpfigen Vorstand geleitet und einem darüber stehenden Firmenbeirat kontrolliert wird.

Da die Vorstandsmitglieder aber gleichberechtigt sind, „und jeder aufpasst, dass sich der andere nicht zu stark profiliert“, sei das Unternehmen in den vergangenen Monaten gelähmt worden, heißt es im Unternehmensumfeld. Ein Problem sei es auch zuletzt gewesen, dass Führungskräfte nach jahrzehntelanger Arbeit unter der Führung des Patriarchen Horst Brandstätter nicht gelernt hätten, eigenverantwortlich zu handeln.

Für Schlagzeilen hatte die Unternehmensgruppe zuletzt mit einem Streit mit der IG Metall gesorgt. Die Gewerkschaft hatte beim Bundesarbeitsgericht die Betriebsratswahl von 2014 angefochten und recht bekommen; die Wahl muss jetzt wiederholt werden. Daraufhin waren im Betrieb Flugblätter aufgetaucht, die ein unter der IG Metallflagge segelndes sinkendes Unternehmens-Schiff zeigten. Die Firmenleitung hatte sich von dem Schmähflugblatt distanziert.

Von

dpa

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