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02.10.2012

14:55 Uhr

Mangelnde Nachfrage

Autoindustrie spielt den Elektro-Blues

VonLukas Bay, Carsten Herz, Mark C. Schneider

Noch vor wenigen Jahren übertrafen sich die Autohersteller mit neuen Elektromobil-Konzepten. Doch nach den Milliardeninvestitionen herrscht Katerstimmung. Die Elektromobilität kommt nicht in die Gänge.

Vorstellung des Elektroautos Toyota „eQ“ in Tokio AFP

Vorstellung des Elektroautos Toyota „eQ“ in Tokio

Paris/Düsseldorf"Die Elektromobilität kommt. Für Autohersteller, die da zögern, wird es verdammt eng werden", prognostizierte BMW-Chef Norbert Reithofer noch vor vier Jahren. Damals, 2008, hatte der Hype um das Elektroauto seinen Höhepunkt erreicht. BMW träumte den Traum vom Megacity Vehicle, einem rein elektrischen Stadtauto. Die Aussicht auf einen emissionsfreien Autoverkehr euphorisierte Politiker wie Automanager.

Diese Zeiten sind vorbei. Auf dem Autosalon in Paris halten sich die Hersteller derzeit mit reinen Elektroneuheiten zurück - stattdessen zeigen sie stolz ihre Hybrid-Fahrzeuge. Und auch der Gipfel für die Elektromobilität im Kanzleramt endete gestern ohne Ergebnis. Kanzlerin Angela Merkel wollte der angereisten Führungsriege der deutschen Autoindustrie keine zusätzlichen Investitionen zusagen.

Stattdessen gab sie nur den vagen Ausblick, dass man das Ziel von einer Million E-Autos bis zum Jahr 2020 "nicht ganz einfach erreichen" werde. Trotzdem wolle man daran festhalten. Man hätte schließlich noch acht Jahre Zeit. Bis Ende 2013 soll die Elektromobilität wie bisher angekündigt mit einer Milliarde Euro zusätzlich gefördert werden. Schon aus dem Konjunkturpaket II hatte die Bundesregierung 500 Millionen Euro zur Förderung der Elektromobilität zur Verfügung gestellt. Auch Steuerbegünstigungen für E-Autos sollen bis Ende des Jahres im Bundestag verabschiedet werden.

Ob das ausreicht, um der Elektromobilität zum Durchbruch zu verhelfen, darf bezweifelt werden: 18 Jahre nach Beginn des Pilotprojekts "Erprobung von Elektrofahrzeugen" sind in Deutschland gerade einmal 4 600 E-Autos unterwegs - das entspricht 0,01 Prozent aller zugelassenen Fahrzeuge. Damit ist die Elektromobilität immer noch ein Randphänomen. Die Nachfrage fehlt. Und die Unsicherheit ist zurück.

Was bedeuten die CO2-Vorschläge der EU-Kommission?

Was bedeuten die Pläne für Autofahrer?

Kritiker warnen vor steigenden Verkaufspreisen, Befürworter werben mit sinkenden Spritkosten. „Das 95-Gramm-Ziel [wird] nicht ohne erhebliche Mehrkosten zu erreichen sein“, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Die EU-Kommission geht davon aus, dass ab dem Jahr 2020 neue Pkw 1100 Euro mehr kosten. Die Einsparungen beim Spritverbrauch lägen jedoch ungleich höher: Zwischen 2900 und 3800 Euro ließen sich über die Betriebsdauer eines Autos an der Tankstelle einsparen. Das Durchschnittsauto hätte laut Greenpeace dann einen Spritverbrauch von 3,7 Liter pro 100 Kilometer.

Werden deutsche Hersteller benachteiligt?

Die Vorgaben verlangen besondere Anstrengungen von den Produzenten schwerer Pkw. In diesem Segment ist Deutschland besonders stark vertreten. Gerade VW ging laut EU-Diplomaten deshalb dagegen an. Im Verhältnis zum Gewicht sollen allerdings alle gleich viel einsparen - und zwar 27 Prozent an Kohlendioxid pro Kilometer mehr als bei der geltenden Vorgabe von 130 Gramm. Die deutsche Autoindustrie hatte schwere Wagen weniger stark belasten wollen.

Was müssen die einzelnen Hersteller erreichen?

Damit die gesamte europäische Pkw-Flotte 2020 auf einen Durchschnittswert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer kommt, müssen die Hersteller noch zulegen. Nach Angaben von EU-Diplomaten müsste Daimler dann auf 98,8 Gramm kommen, BMW auf 100 Gramm und Fiat auf 87 Gramm - vorausgesetzt, das Fahrzeuggewicht ändert sich nicht. Hier ist nach Ansicht von Experten aber auch noch Luft für Einsparungen.

Wie reagieren Umweltverbände auf die Pläne?

Den Umweltverbänden gehen die Vorgaben nicht weit genug. Grüne, WWF, NABU, Greenpeace und Verkehrsclub Deutschland forderten einen strengeren Grenzwert von 80 Gramm pro Kilometer bis 2020. Dies sei technisch machbar, ökologisch geboten und ökonomisch sinnvoll. Zudem wollen sie eine Vorgabe für das Jahr 2025. Unzufrieden sind sie auch mit Ausnahmen für „verbrauchsarme“ Fahrzeuge wie Elektroautos. Hier dürfen sich Hersteller für jedes produzierte Auto 1,3 Wagen anrechnen lassen.

Was ist mit Kleintransportern?

Sie müssen nur einen Zielwert von 147 Gramm CO2 pro Kilometer erreichen. Die EU-Experten sagen, man wolle nicht schon wieder an erst vergangenes Jahr beschlossenen Regeln für leichte Nutzfahrzeuge rütteln. Das könne aber noch einmal überprüft werden.

Wie ist denn die Lage in der Autobranche derzeit?

Unterschiedlich. In der EU ist der Autoabsatz angesichts der Schuldenkrise seit Monaten auf Talfahrt. Vor allem in Spanien, aber auch Frankreich sind die Verkäufe eingebrochen. Der deutsche Automarkt dagegen steht noch gut da. Insgesamt steuert die Branche auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu. Konzerne wie Peugeot-Citroën, Opel, Fiat, die vom schwachen europäischen Markt abhängig sind, stecken in einer tiefen Krise und kämpfen gegen Überkapazitäten. Autoexperten erwarten Werksschließungen.

Können weltweite Exporte die Misere abmildern?

Konzerne, die weltweit gut aufgestellt sind, machen in der Tat die Schwäche in Europa durch das Wachstum vor allem in China und den USA mehr als wett. Unter den europäischen Herstellern zählen dazu neben dem breit aufgestellten VW-Konzern auch die Oberklasse-Hersteller Daimler und BMW. Neben den Klimaschutz-Vorgaben müssen die Hersteller aber Milliarden in neue Antriebstechnologien wie Elektro investieren.

Ist alles schon beschlossene Sache?

Nein. Die Mitglieder der EU-Kommission haben nun eine gemeinsame Position vorgestellt. Über diese verhandeln nun die EU-Länder und das Europaparlament.

In Zeiten sinkender Umsätze in Europa und neuer Sparprogramme wird es für die Hersteller immer schwieriger, die hohen Investitionskosten zu rechtfertigen. 17 Milliarden Euro haben die Unternehmen für ihre Elektroautos in den nächsten Jahren eingeplant. "Die Elektromobilität steht am Scheideweg", sagt auch Carsten Kahner von der Unternehmensberatung Arthur D. Little. Er hat die Elektrostrategien der Hersteller in einer Studie untersucht. Einen kurzfristigen Durchbruch für reine Elektrofahrzeuge erwartet er nicht. Die hohen Investitionen dürften sich erst mittel- bis langfristig auszahlen. Stattdessen könne die Plug-In-Hybridtechnologie künftig eine entscheidende Rolle spielen.

Das Problem der Hersteller: Für die elektrische Mobilität gibt es derzeit noch kein profitables Modell. Die Reichweite der E-Autos ist klein, die Mehrkosten umso größer. Insbesondere die hohen Batteriekosten treiben den Preis in die Höhe. Selbst mit Leasingmodellen fahren die elektrischen nicht wirtschaftlicher als vergleichbare Modelle mit sparsamen Verbrennungsmotoren. Durch die geringeren Wartungskosten von Elektroautos dürften auch die Geschäfte der Händler leiden. Die Motivation zusätzlicher Investitionen in die Elektromobilität sinken.

Kommentare (3)

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AuWei

02.10.2012, 15:48 Uhr

Natürlich Steuergelder für die Automobilindustrie !
Irgendjemand muss natürlich die Tantiemen der Manager und das Gehalt eines H.Winterkorn (16 Mio./Jahr) finanzieren.

Abwrakprämie hatten wir auch schon bezahlt.
Gehts etwas bescheidener auch Ihr sog. Alphatiere ?

Account gelöscht!

02.10.2012, 16:03 Uhr

Da tritt der Wahnsinn wieder zu Tage. Der Bundeshosenanzug verzettelt sich ganz einfach. Alles wird zur "Chefsache" erklärt, aber nichts wird fertig. Und alles was sie anfängt kostet einen großen Haufen nicht vorhandenen Geldes.

manni

02.10.2012, 17:14 Uhr

Das fehlende "Bahnbrechende Konzept" ist ein Preis, der sich rechnet. Ich würde mir einen E-Smart auf den Hof stellen, wenn nicht schon allein die Batteriemiete so hoch wäre, daß sie die monatlichen Spritkosten meines derzeitigen City-Gefährtes erreicht.

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