Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.09.2015

18:20 Uhr

Martin Winterkorn tritt zurück

Showdown in Wolfsburg – ein Protokoll

Martin Winterkorn zieht die Notbremse: Der Vorstandschef von Volkswagen nimmt wegen der Abgas-Affäre seinen Hut. Seine letzten Stunden an der VW-Spitze waren dramatisch. Doch wer führt nun den Konzern?

Der VW-Chef zieht die Konsequenzen aus dem Abgas-Manipulationsskandal. AFP

Winterkorn tritt ab

Der VW-Chef zieht die Konsequenzen aus dem Abgas-Manipulationsskandal.

WolfsburgDer Himmel war bewölkt, als sich am Mittwochmorgen fünf Herren in den fünfstöckigen Backsteinbau BT10 auf dem großen Wolfsburger VW-Gelände einfanden. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, der ehemalige IG-Metall-Chef Berthold Huber, VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, sein Betriebsratskollege Stephan Wolf und der Vertreter der Eigentümerfamilie, Wolfgang Porsche. Den Herren war klar: Ihre Beratung wird sich über Stunden hinziehen, und sie wird mit einem spektakulärern Ergebnis enden.

Es ging um nichts weniger als die Zukunft von Deutschlands größtem Konzern und seinem Spitzenmanager Martin Winterkorn. Sein Vertrag sollte um zwei Jahre verlängert werden, so stand es noch in der Tagesordnung für die reguläre Aufsichtsratssitzung am Freitag. Doch bei aller Hochachtung der Herren für Winterkorn – nicht nur dem Politiker Stephan Weil war klar, dass Winterkorn nicht mehr zu halten sei. Wie hätte der Ministerpräsident und Aufsichtsrat dies einer Öffentlichkeit vermitteln sollen? Entsprechend klar war Weils Meinungs, als die fünf Herren hinter verschlossenen Türen tagten: Winterkorn muss den Weg für einen Neuanfang freimachen.

Rücktritt des VW-Chefs: Das sagen Martin Winterkorn und die VW-Aufseher

Rücktritt des VW-Chefs

Das sagen Martin Winterkorn und die VW-Aufseher

Martin Winterkorn ist als Volkswagen-Chef zurückgetreten. In sehr persönlichen Worten erklärt er seinen Schritt. Wir dokumentieren seine Mitteilung und die Erklärung des Präsidiums des Aufsichtsrats im Wortlaut.

Nach einer kurzen Beratung des Fünfergremiums wurde der Konzernchef in den kleinen Sitzungssaal gebeten, um seine Sicht der Dinge zu erklären. 17 Stunden waren zu diesem Zeitpunkt vergangen, seitdem Winterkorn in einer bewegenden Videobotschaft seine tiefe Betroffenheit über den Skandal einer entsetzten Öffentlichkeit dokumentiert hatte. Danach brach einer der wenigen Abende an, an denen Winterkorn nicht beim Bundesliga-Spitzenspiel der Wolfsburger Mannschaft auf der Ehrentribüne Platz nahm. Stattdessen grübelte Deutschlands bestbezahlter CEO: Auch ihm war klar, dass eine Vertragsverlängerung, wie sie auf der Tagesordnung stand, nicht mehr Wirklichkeit werden würde. Aber sollte er die Situation offen lassen und sich nur mit einer Vertrauenserklärung des Aufsichtsrates zufrieden geben? Sollte er wirklich ohne langfristigen Vertrag weitermachen? Über diese Frage musste Winterkorn nicht einmal eine Nacht lang nachdenken. Für ihn lag die Antwort auf der Hand. Und sie lautete: Nein.

Mit dieser Einstellung in Winterkorn am Mittwochvormittag in das Gespräch mit dem Präsidium seines Konzerns. Die Beratungen, bei denen auch sehr persönliche Worte fielen, zogen sich Stunden hin. Nicht einmal Kaffee, Tee oder Brote wurden von außen gereicht. Beobachtern wurde klar, dass hinter den verschlossenen Türen nicht mehr länger über ein „weiter so“ gesprochen wurde, sondern über den Thronwechsel. Als sich um kurz vor 17 Uhr die Türen öffneten, war klar: Der mächtigste Auto-Mann Deutschlands war Geschichte. „ Mein Leben war, ist und bleibt VW“, sagte Winterkorn.

Nach einer Krisensitzung teilte der Schwabe in einer Erklärung mit: „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen Konzern möglich waren.“ Als Vorstandschef übernehme er die Verantwortung. Er habe daher den Aufsichtsrat um seine Ablösung gebeten: „Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin.“

Der Interimsvorsitzende Huber drückte Betroffenheit über den Skandal um manipulierte Messungen beim Schadstoffausstoß von Dieselmotoren aus, der zu einem schweren Vertrauensverlust geführt habe. Das Präsidium sei entschlossen, „einen glaubwürdigen Neuanfang“ zu machen. Winterkorn habe keine Kenntnis von den Machenschaften gehabt, aber die Verantwortung übernommen. Vorschläge zur personellen Neubesetzung würden am Freitag in der Aufsichtsratsitzung besprochen.

Auch Ministerpräsident Weil würdigte die Verdienste Winterkorns. Er habe dessen Entscheidung mit größter Betroffenheit zur Kenntnis genommen. Die Tragweite des Schadens sei groß. Weil kündigte gegen die Verantwortlichen strafrechtliche Schritte an. „Wir werden durch das Unternehmen auch Strafanzeige erstatten“, sagte der SPD-Politiker. Ein Sonderausschuss werde die Aufklärung vorantreiben und sich dabei auf externe Berater stützen.

Kommentare (33)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr stefan kinlel

23.09.2015, 18:07 Uhr

Perfekt! Der Nichtswisser geht, Piech kommt aus seinem Veuve Clicquot Rausch nicht mehr raus und Hr. Müller läuft sich warm. So geht Krisenmanagement. Leider aber seit April 2015 und damit etwas zu lange..

Herr Norbert Wolter

23.09.2015, 18:08 Uhr

Piech vor! Noch ein Tor!

Account gelöscht!

23.09.2015, 18:16 Uhr

Nachdem Herr Winterkorn endlich die Konsequenzen gezogen hat gehört jetzt einen Echten Macher zu etablieren.

Es sollte niemanden aus dem Hause Porsche sein.

Am Besten man fragt Herr Piech wem er ( unter Berücksichtigung dass es niemanden von Porsche sein sollte ) als am geeigneten für eine solche INTERNATIONALE VERANTWORTUNG sieht.

GLEICH DANACH...muss VW sich um NEUE KOMPETENTE DESIGNER.

Und auch Herr Stadler sollte dem beispiel von Herr Winterkorn folgen.


Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×