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18.05.2016

15:02 Uhr

Maschinenbau

Keine Angst vor der Digitalisierung

VonMartin Wocher

Deutschlands Vorzeigebranche rechnet nicht mit menschenleeren Fabrikhallen, sondern will die Zahl der Beschäftigten in den kommenden Jahren mindestens halten – vielleicht sogar noch steigern.

Digitalisierung der Branche: Die deutschen Maschinenbauer sehen keinen Grund zur Besorgnis. dpa

Maschinenbauer in Deutschland

Digitalisierung der Branche: Die deutschen Maschinenbauer sehen keinen Grund zur Besorgnis.

FrankfurtDie Digitalisierung der industriellen Produktion ist derzeit mit manchen Schreckensszenarien verbunden: Menschenleere Fabrikhallen, in denen nur noch autonom wirbelnde Roboter an den Bändern stehen, ist wohl die Vision, die die größte Besorgnis auslöst. Doch die muss noch lange nicht zur Wirklichkeit werden, wie eine am Mittwoch vorgestellte Studie im Auftrag des Maschinenbauverbandes VDMA zeigt.

„Es ist alles nicht super-dramatisch“, sagte Studienleiterin Sabine Pfeiffer von der Universität Hohenheim. „Industrie 4.0 spielt schon heute in 62 Prozent der deutschen Unternehmen in der Aus- und Weiterbildung eine wichtige Rolle. Die Mitarbeiter sind hervorragend qualifiziert, können mit Komplexität umgehen und sind daher für Industrie 4.0 gerüstet.“ Für die Studie wurden über 20.000 Beschäftigte und gut 500 Unternehmen befragt.

So rechnet der VDMA damit, dass selbst bei einer stark zunehmenden Automatisierung der Produktion nicht mehr Stellen wegfallen, als neue entstehen werden. „Das wird ein Null-Summenspiel“, sagte Hartmut Rauen, Vize-Hauptgeschäftsführer des Verbands. „Denn 4.0 wird unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern und damit auch neue Jobs schaffen.“ Mit über einer Million Arbeitsplätzen ist der Maschinenbau Deutschlands größter industrieller Arbeitgeber – deutlich vor der Autoindustrie.

Chancen und Risiken des deutschen Maschinenbaus

Rückgrat der deutschen Wirtschaft

Mit mehr als einer Million Beschäftigten gilt der Maschinen- und Anlagenbau als größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland. Doch die Zeit rasanter Zuwächse scheint für die mittelständisch geprägte Schlüsselindustrie erst einmal vorbei. Die Branche sieht sich einem Mix aus Chancen und Problemen gegenüber.

Quelle: dpa

Bremseffekt China

Die Schwäche wichtiger Märkte wie China bremst die extrem exportorientierten Maschinen- und Anlagenhersteller erheblich, denn das Riesenreich ist ein gewaltiger Absatzmarkt für Maschinen „Made in Germany“. Doch die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sind vorbei. So rechnet der Branchenverband VDMA mit einen Ausfuhr-Rückgang um 6 Prozent auf gut 16 Milliarden Euro im Jahr 2015.

Bremseffekt Russland

Die seit 2014 wirksamen Sanktionen gegen Putins Reich haben in den Bilanzen der deutschen Maschinenbauer deutliche Spuren hinterlassen. 2015 sollte der Maschinen-Export dorthin nach Schätzungen nur noch rund 5 Milliarden Euro betragen, fast 3 Milliarden Euro weniger als zwei Jahre zuvor. In der Tabelle der Exportmärkte fiel Russland von Rang 4 auf Platz 10 zurück.

Entlastung und Risiko Ölpreis (1)

Der Absturz des Ölpreises senkt die Energiekosten bei der Produktion. Zugleich setzt er die Ölindustrie als Kunden der Maschinenbauer unter Druck. Die Folge: Investitionen werden verschoben. Komplizierte und daher teure Förderprojekte werden auf Eis gelegt.

Entlastung und Risiko Ölpreis (2)

Das Wartungsgeschäft entwickle sich dagegen robust, sagte Siemens-Chef Joe Kaeser jüngst. Weil der Verbrauch steige, müsse mehr Öl durch Pipelines gepumpt werden, wovon Siemens mit Ersatzteilen für Pumpen und Kompressoren profitieren könne. Siemens hatte 2014 den US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand gekauft.

Rückenwind Euro

Durch den Kurs-Rückgang der Gemeinschaftswährung werden deutsche Produkte auf dem Weltmarkt tendenziell billiger. Das kann die Nachfrage ankurbeln. Insbesondere auf dem US-Markt sind deutsche Maschinen dadurch preislich im Moment sehr konkurrenzfähig. Auch im Euro-Binnenmarkt lief es zuletzt wegen des Nachholbedarfs besser.

Hoffnung Iran

Das Land hat nach dem Ende der Sanktionen großen Nachholbedarf, es fehlt überall an modernen Maschinen, Anlagen und Komponenten. Daher hofft die Branche auf steigende Nachfrage aus dem traditionell eng mit der deutschen Wirtschaft verknüpften Land. Wichtig ist dabei aus Sicht der Maschinenbauer ein sicheres Finanzwesen - ohne das Risiko, für am Ende doch nicht erlaubte Geschäfte belangt zu werden, etwa von US-Behörden. Der niedrige Ölpreis limitiert zudem die Finanzen der Islamischen Republik, wo auch Konkurrenten wie Frankreich, Italien und China unterwegs sind.

Hoffnung TTIP (1)

In den Verhandlungen zwischen den USA und der Europäischen Union ist dem Maschinenbau ein eigenes Kapitel vorbehalten. Der VDMA verspricht sich einen deutlich verbesserten Zugang zum US-Markt. Die Zölle für Einfuhren seien zwar prozentual eher niedrig, belaufen sich laut Verbandsschätzung für den Maschinenbau aber trotzdem auf hunderte Millionen Euro im Jahr.

Hoffnung TTIP (2)

Noch wichtiger wäre den Unternehmen der Wegfall anderer Handelshemmnisse, wenn es zum Beispiel um unterschiedliche Normen für Stecker, Kabel oder Gewinde geht. Derzeit verteuere die Umrüstung und notwendige Zertifizierung in den USA die deutschen Produkte um 5 bis 20 Prozent.

Hoffnung Afrika

Der afrikanische Kontinent gilt trotz aller Probleme als wachsender Exportmarkt mit Zukunft. Vor allem Länder südlich der Sahara streben nach VDMA-Einschätzung danach, Technologie für den eigenen wirtschaftlichen Fortschritt und die Etablierung einer verarbeitenden Industrie einzukaufen. Man wolle die eigenen Bodenschätze und Agrarprodukte im Land selbst verarbeiten. Allerdings ist bei den dafür notwendigen Maschinen die Konkurrenz groß: Vor allem die Chinesen haben sich große Marktanteile gesichert, aber auch Italien und die USA lagen zuletzt vor den deutschen Anbietern.

Nun befinden sich die Maschinenbauer in einer ausgesprochen guten Ausgangsposition. Über 96 Prozent haben eine berufliche Ausbildung, gut 40 Prozent sogar mehr als das – Ausbildung und Studium zugleich beispielsweise. Für Pfeiffer eine wichtige Voraussetzung, um sich in der neuen Welt behaupten zu können. „Die Digitalisierung kommt nicht auf in Straße, wenn sie nicht mit der Produktionswelt verbunden werden kann.“

Viele Firmen haben das bereits erkannt und schulen ihre Mitarbeiter, in dem sie sie auf die neuen Anforderungen vorbereiten: Profunde Kenntnisse über das Internet der Dinge, Robotik, 3D-Druck und mobile Geräte wie Tablet und Wearables werden in wenigen Jahren vorausgesetzt, weil sie zur Bewältigung des Arbeitslebens in den Konstruktionsbüros oder Fabrikhallen dazu gehören werden. Dazu gesellt sich der Umgang mit Big Data, also der Analyse von Maschinendaten und das Bewusstsein von Datenschutz. „Interdisziplinäre Zusammenarbeit wird spätestens 2025 im Arbeitsalltag vorausgesetzt“, sagte Pfeiffer.

Dafür braucht es zwar neue Bildungsinhalte, aber keine neuen Institutionen: Die meisten Kenntnisse rund um 4.0 könnten bis auf wenige Ausnahmen von der duale Ausbildung übernommen werden, glaubt Pfeiffer: „Vieles ist in den bisherigen Bereichen umsetzbar.“ Auch seien aktuell keine neuen Berufe gefragt. Bestehende Berufsbilder wie der Mechatroniker oder der Industriemechaniker müsste lediglich an die neuen Erfordernisse angepasst werden. „Wir müssen vor allem die Potenziale nutzen, die unser Berufsbildungssystem bereits heute bietet“, forderte die Leiterin der Studie.

Allerdings zeichnen sich schon jetzt Defizite bei den Berufsschule ab. Die finanzielle und technische Ausstattung der Berufsschulen lasse schon heute vielfach zu wünschen übrig, klagte Pfeiffer. Neue Berufsfelder tauchten nur zaghaft in den Lehrplänen auf. Schon jetzt gebe es zu wenig Lehrer in den Mint-Fächern, viele von diesem würden zudem in den kommenden Jahren in Pension gehen, „das wird ein richtiges Problem.“ Hier seien Bund und Länder gefordert.

Rauen sieht daher die deutschen Maschinenbauer gut gerüstet für die Nähe Zukunft. „Wir stehen in einer Pole-Position.“ Auf andere Branchen seien die Erkenntnisse nur bedingt übertragbar, glaubt auch Pfeiffer. Das liege einmal am hohen Ausbildungsniveau, aber auch an der Bereitschaft, sich permanent einem Wandel zu stellen. So gaben gut 80 Prozent der Maschinenbau-Beschäftigten an, dies gehöre zur täglichen Praxis. In der übrigen Industrie war der Anteil rund zehn Prozentpunkte geringer.

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