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18.01.2012

15:22 Uhr

Massentierhaltung

Keine Pillen für die Hühner

VonCarina Kontio

Die Agrarmesse „Grüne Woche“ inszeniert wieder die alljährliche Show vom glücklichen Landleben. Doch die Wirklichkeit in großen Mastfabriken sieht anders aus. Nun will die Politik eingreifen - mit weitreichenden Folgen.

Glückliche Hühner: Behörden sollen strenger überwachen. dpa

Glückliche Hühner: Behörden sollen strenger überwachen.

Hoch die Tassen - auf die alljährliche Show vom glücklichen Landleben, besser bekannt auch als Grüne Woche. Wenn mehr als 1.600 Aussteller aus gut 60 Ländern in den Hallen unter dem Berliner Funkturm auf der weltgrößten Agrarmesse ihre Visitenkarten zeigen, bedeutet das für die Polit-Prominenz Essen und Trinken ohne Ende. Vor allem Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) ist auf dem Messegelände gefragt.

Hier einen Bio-Käse aus der Region anschneiden, dort ein Häppchen Tafelspitz naschen, dazwischen wird Wein gerochen, geschwenkt und genippt - immer begleitet von Fotojournalisten, die dokumentieren, wie stolz die Ministerin auf deutsche Spitzenware ist.

Während sich in den Hallen etwa 400.000 Besucher neun Tage lang den Bauch vollschlagen, wollen Umweltaktivisten der Veranstaltung draußen mit einer Großdemonstration auch noch einen politischen Touch verpassen. Sie protestieren gegen die dunkle Seite der industriellen Lebensmittelproduktion, gegen Quälerei in der Tiermast und insbesondere den Einsatz von Medikamenten in der Massentierhaltung.

Doch so öffentlichkeitswirksam die Proteste sind, die wahre Bedrohung für die Fleischindustrie kommt aus der Politik. Denn wenn Agrarministerin Aigner sich mit ihren Plänen durchsetzt, ändern sich die Rahmenbedingungen für die Branche dramatisch. Gleich in der ersten Januarwoche hat die CSU-Politikerin einen eiligen Gesetzesentwurf vorgelegt, mit dem sie unter anderem den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung auf ein Minimum beschränken will.

Strengere Regeln und Kontrollen

Überwachungsbehörden

Die Überwachungsbehörden der Bundesländer sollen einen erweiterten Zugriff auf die erfassten Abgabemengen von Antibiotika zu Monitoringzwecken erhalten, der auch eine verbesserte Überwachungsplanung ermöglicht.

Antibiotika für Menschen

Human-Arzneimittel sollen künftig nur noch unter besonderen Voraussetzungen außerhalb der Zulassung in der Tiermedizin eingesetzt werden.

Tierärzte

Tierärzte werden verpflichtet, auf Ersuchen der Überwachungsbehörden der Bundesländer alle Daten zur Abgabe und Anwendung von Antibiotika zusammengefasst zu übermitteln.

Eingesetzte Medikamente

Mitte 2012 sollen erstmals genaue Daten über die Mengen der in Deutschland verabreichten Antibiotika veröffentlicht werden. Diese Daten werden zur Zeit erhoben. Anhand dieser Zahlen sollen die Behörden dann sehen, in welche Bezirke mit welcher Postleitzahl die Arzneimittelhersteller besonders viel Medikamente an die Tierärzte liefern.

Informationen für den Schlachtbetrieb

Der Tierhalter muss den Schlachtbetrieb künftig darüber informieren, welche Medikamente das Tier bekommen hat, und zwar sein ganzes Leben lang. Bisher galt diese Informationspflicht für die letzten sieben Tage vor der Schlachtung, in denen ein Tier gar keine Medikamente bekommen darf.

Keine Extrawurst

Diskutiert werden soll auch, eine Sonderberechtigung für Tierärzte einzuschränken. Sie können Arznei direkt an Bauern verkaufen und sind damit vom sonst geltenden Monopol der Apotheken ausgenommen.

Dass dieses Papier irgendwie im Zusammenhang mit einer aktuellen Untersuchung des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) steht, wonach mehr als die Hälfte aller Geflügelfleischprodukte aus deutschen Supermärkten und Discountern mit antibiotikaresistenten Keimen belastet ist, muss nicht sein, klingt aber logisch. Auch wenn die Umweltschützer keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben: Ihre Untersuchung sorgt derzeit mächtig für Aufregung und hat eine neue Debatte über die Zukunft der Massentierhaltung entfacht.

Kommentare (26)

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atinak

18.01.2012, 17:03 Uhr

Es gibt einen ganz einfachen Weg, diesem mit unseren Steuermitteln aberwitzig subventionierten Wahnsinn ein Ende zu bereiten: Aufhören, diese gesundheitsschädlichen, mit Medikamenten einschließlich Maststoffen und Antibiotika, Pestiziden, Schwermetallen und Bakterien verseuchten Leichenteile zu essen. Der übermäßige Fleischverzehr ist nicht nur für die zunehmende Fettleibikeit, sondern auch für diverse Krebserkrankungen, angefangen mit Darmkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gicht etc. verantwortlich. Fleisch ist für die Ernährung nicht nur überflüssig, sondern auch ungesund. Inzwischen gibt es eine Fülle erstklassiger Alternativen, die nicht nur appetitlicher und leckerer, sondern auch gesünder und kräftigender sind. Dass man "Nutztiere" artgerecht halten kann, ist ein Widerspruch in sich - nicht nur, weil den Massentierhaltern das Elend der Tiere von Herzen schnuppe ist, sondern weil es keine Tierart gibt, deren natürliche Bestimmung in der Folter, Tötung und Verspeisung durch den Menschen besteht. Tiere wurden um ihrer selbst willen, nicht zum Nutzen des Menschen geschaffen. Wer das nicht kapiert, soll ruhig mit entsprechenden Krankheiten bestraft werden. Auch da schlägt die Natur für ihre Vergewaltigung mächtig zurück.

Eingreifer

18.01.2012, 17:15 Uhr

Wie oft wollte die Politik eingreifen? Nur mal eine Frage...

soisses

18.01.2012, 17:21 Uhr

Die tabaklobby ist ein kindergarten im verhältnis zu den ausmaßen dieser indutrie (zumindest meine meinung)

Ausserdem geht den pharma unternehmen auch geld verloren wenn die medikamente nichtmehr gebraucht werden, noch ein interessen konflikt.

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