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07.10.2015

07:57 Uhr

Matthias Müller

VW-Rückruf wird sich bis Ende 2016 hinziehen

Einmal mehr muss sich am Mittwoch der VW-Aufsichtsrat mit der Aufarbeitung der Abgas-Krise befassen. Konzernchef Müller erklärt unterdessen, die Nachbesserung der Fahrzeuge werde lange Zeit in Anspruch nehmen.

Neuer Chef bei Volkswagen: Matthias Müller. dpa

VW

Neuer Chef bei Volkswagen: Matthias Müller.

BerlinVolkswagen will die vom Abgas-Skandal betroffenen Diesel-Fahrzeuge ab Beginn kommenden Jahres in die Werkstätten zurückrufen. „Wenn alles läuft wie geplant, können wir im Januar den Rückruf starten“, sagte der neue Konzernchef Matthias Müller der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Bis Ende 2016 sollten dann alle Autos in Ordnung sein.“

Zwei mit dem Zeitplan vertraute Personen sagten der Nachrichtenagentur Reuters, Volkswagen wolle die notwendigen Software-Updates bis zur Jahresmitte auf die betroffenen Fahrzeuge der Kunden in Europa aufspielen. „Der Roll-out soll im ersten Halbjahr nächsten Jahres stattfinden“, sagte ein Insider. Bis Ende 2015 müsse die Software erst entwickelt und getestet werden. Nachbesserungen an Hardware-Komponenten der Fahrzeuge dürften sich den Insidern zufolge bis in die zweite Jahreshälfte hinziehen. Eine VW-Sprecherin für die USA sagte, dass die Maßnahmen zuerst mit der Umweltbehörde EPA abgestimmt werden müssten. Sie nannte dafür aber keinen Zeitrahmen.

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Zur Behebung des Schadens habe Volkswagen in dieser Woche dem Kraftfahrt-Bundesamt technische Lösungsvorschläge vorgestellt, sagte Müller. Er fügte hinzu, nach aktuellem Kenntnisstand waren an den Manipulationen nur wenige Entwickler in Wolfsburg beteiligt. Bislang seien vier Mitarbeiter beurlaubt, „davon drei Vorstände, die zu unterschiedlichen Zeiten Verantwortung für die Motorenentwicklung bei Volkswagen hatten“, führte Müller aus. „Andere sind teils schon in Pension.“

Für die Zukunft des Autobauers zeigte sich Müller dennoch optimistisch: „Volkswagen hat unverändert eine starke Substanz und deshalb beste Aussichten, in zwei bis drei Jahren wieder zu glänzen. In dieser Krise steckt die Chance, die Strukturen von Volkswagen zu reformieren“, sagte er. Er wolle das Unternehmen verschlanken und den Marken mehr Verantwortung übertragen. Das solle zu mehr Effizienz und Entscheidungsgeschwindigkeit führen. „Freilich werden wir das evolutionär machen. Ich halte nichts von Revolution.“

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Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Auf die Frage, ob VW im Abgasskandal gegen die Ad-hoc-Veröffentlichungspflicht verstoßen habe, sagte Müller: „Unsere Rechtsauffassung besagt, dass wir rechtzeitig informiert haben“. VW hatte am 3. September 2015 gegenüber der amerikanischen Umweltbehörde die Manipulation eingestanden. Der Kapitalmarkt wurde erst zwei Wochen später informiert.

Am Mittwoch soll der Aufsichtsrat den bisherigen Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch zum Oberaufseher wählen. Zuvor muss Pötsch vom Amtsgericht Braunschweig noch zum Aufsichtsrat ernannt werden. Der 64-jährige Österreicher folgt damit dem Firmenpatriarchen Ferdinand Piëch, der sich nach einem verlorenen Machtkampf mit Winterkorn im April von allen Ämtern im Konzern zurückgezogen hatte.

Der US-Chef von Volkswagen, Michael Horn, soll wegen des Skandals am 8. Oktober vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses aussagen. In den USA verschickte VW Entschuldigungsbriefe an die Kunden.

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