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17.03.2006

14:59 Uhr

Medikamenten-Test

Die Rätsel von TGN 1412

VonSebastian Großert

Die verheerende Ausgang des Medikamententests von London gibt Fachleuten und Herstellern Rätsel auf: Zwar gab es auch bei der Erprobung anderer Multiple-Sklerose- Präparate aus derselben Stoffklasse schwer wiegende Komplikationen. Doch die Fälle haben so gut wie nichts gemeinsam.

Im Londoner Northwick Park Hospital werden die sechs Medikamententester behandelt. Foto: AP

Im Londoner Northwick Park Hospital werden die sechs Medikamententester behandelt. Foto: AP

HB LONDON. Das in London getestete Medikament der Würzburger Firma Tegenero mit dem Code TGN 1412 gehört zur Gruppe der monoklonalen Antikörper, von der sich die Medizin einen deutlichen Fortschritt bei der Behandlung von Multipler Sklerose (MS) im Vergleich zu den heute gebräuchlichen Interferonen erhofft. Zu dieser Gruppe gehören auch die Medikamente Campath von Schering und Tysabri des US-Hersteller Biogen Idec.

Bei der Erprobung dieser Medikamente gab es nach Angaben der Herstellerfirmen vier Todesfälle. Doch die Bedingungen waren komplett anders als beim Test in einem Londoner Krankenhaus, bei der alle sechs Probanden nach der Einnahme von TGN 1412 kollabierten. Zwei schwebten am Freitag noch in Lebensgefahr, vier waren immerhin wieder zu Bewusstsein gelangt.

Erster Unterschied: In London wurde das Präparat an sechs Gesunden getestet, die jeder 2000 Pfund für die Einnahme bekamen. Die Branche nennt solche Studien Phase-1-Test. Campath und Tysabri wurden dagegen von MS-Kranken eingenommen, die auf Linderung ihrer Leiden hofften. Solche Testreihen heißen Phase II- und Phase III-Studien - je nachdem, ob es sich um wenige oder um viele Erkrankte handelt. Die Campath-Studie umfasste 334 Patienten, die Reihe mit Tysabri sogar 2046 MS-Patienten.

Zweiter Unterschied: In London zeigten sich die Nebenwirkungen nur wenige Minuten nach der Einnahme. Augenzeugen zufolge fielen die Probanden „um wie Dominosteine“, der Kopf eines Patienten schwoll an „wie beim Elefantenmann“. Bei den Tests von Campath und Tysabri vergingen zwischen dem Beginn der Einnahme und dem Auftreten letztlich tödlicher Erkrankungen mehrere Wochen.

Dritter Unterschied: Die Symptome. In London kam es bei den Testpersonen zu einem schockartigen Versagen der inneren Organe, die Ärzte vermuten eine allergische Reaktion. Bei den Opfern der Campath-Studie stellte sich nach Angaben des Herstellers Schering nach und nach eine abnormale Blutungsneigung ein, an deren Folgen einer der Probanden starb. Bei Tysabri stellte sich heraus, dass es den Körper in seiner Fähigkeit schwächt, auf Viren zu reagieren - die drei Patienten starben nach Angaben des Verbands forschender Arzneimittelhersteller an einer seltenen Viruserkrankung.

Sowohl Campath als auch Tysabri durften MS-Patienten seit dem Auftreten der tödlichen Nebenwirkungen nicht verabreicht werden. Schering hat der US-Arzneimittelaufsicht FDA nach Angaben von Sprecherin Claudia Schmitt Vorschläge für erhöhte Sicherheitsvorkehrungen unterbreitet, um seine Studie fortsetzen zu können. Tysabri darf seit Februar wieder getestet werden, wenn die Mediziner sicherstellen, dass die Probanden vorher eingehend auf die Viruserkrankung hin untersucht wurden. Schering-Sprecherin Schmitt räumt ein, dass es sich bei diesen Medikamenten um eine Gratwanderung handelt: Sie seien sehr wirksam und würden MS-Patienten viel besser helfen als Interferone. Da die Präparate aber für die Hersteller Neuland seien, könne man unvermutete Nebenwirkungen nicht ausschließen.

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