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22.09.2016

11:17 Uhr

Mega-Fusion mit Bayer

Wann Monsanto zahlen muss

VonBert Fröndhoff

Bayer und Monsanto haben Details ihrer Fusionsvereinbarung veröffentlicht. Diese zeigt, wie die Konzerne die Kartellwächter überzeugen wollen – und warum auf Monsanto 1,8 Milliarden Dollar Strafe zukommen könnten.

Die Integration von Monsanto sollen gemeinsame Teams vorbereiten. AP

Logo des Bayer-Konzerns

Die Integration von Monsanto sollen gemeinsame Teams vorbereiten.

DüsseldorfDie großen Zahlen liegen bereits auf dem Tisch: 66 Milliarden Dollar zahlt Bayer für den US-Saatguthersteller Monsanto, es entsteht ein neuer Agrochemie-Weltmarktführer mit 23 Milliarden Euro Umsatz. Nun haben die Konzerne bei der US-Börsenaufsicht SEC ihren Fusionsvertrag veröffentlicht, der interessante Details regelt.

In einer Rundmail hat das Management die Monsanto-Belegschaft bereits auf die nächsten zwölf Monate eingestimmt. Rechtlich und operativ bleibt die Firma eigenständig, Sie wird ihren Aktionären eine Dividende zahlen, das Aktienrückkaufprogramm aber einstellen. „Es ist ganz entscheidend, dass wir unsere Ziele für 2017 erreichen“, heißt es in der Mail an die Mitarbeiter.

Milliardendeal mit ungewissem Ausgang

Welche Dimension hat der Deal?

Es ist die größte Übernahme durch einen deutschen Konzern. Mit einer Bewertung von 66 Milliarden Dollar (knapp 59 Milliarden Euro) stellt der Kauf selbst die später wieder aufgelöste „Hochzeit im Himmel“ zwischen den Autobauern Daimler und Chrysler aus dem Jahr 1998 und die Übernahme des US-Telekommunikationsanbieters Voicestream durch die Deutsche Telekom im Jahr 2000 in den Schatten.

Was treibt den deutschen Konzern?

Durch den Zusammenschluss werden die Leverkusener auf einen Schlag zur Nummer eins auf den Märkten für Saatgut und Pflanzenschutz aufsteigen. Bayer sichert sich nicht nur wichtige Schlüsseltechnologien etwa bei genverändertem Saatgut, sondern kann auch von Monsantos führender Rolle beim sogenannten „digital farming“ – der Nutzung digitaler Techniken für die Landwirtschaft – profitieren.

Aber rechtfertigt das den hohen Preis?

Bayer-Chef Werner Baumann glaubt: Ja. Der Manager sieht angesichts der schnell wachsenden Weltbevölkerung enorme Wachstumschancen im Agrarbereich. Schließlich müssten bis 2050 drei Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden. Außerdem müsse die Menschheit die Folgen der Klimaerwärmung auf die Landwirtschaft in den Griff bekommen. Auch hier könnten Bayer und Monsanto zusammen wegweisende Antworten geben.

Und was spricht gegen die Übernahme?

Zum einen das schlechte Image von Monsanto. Der US-Biotechnologiekonzern steht in Europa seit Jahren wegen seiner gentechnisch veränderten Produkte in der Kritik. Außerdem vertreibt Monsanto den Unkrautvernichter Glyphosat, der im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Doch ist Baumann überzeugt, die Reputationsprobleme in den Griff bekommen zu könne. Kritiker monieren außerdem die künftige Marktmacht von Bayer und Monsanto - diese gehe zu Lasten von Landwirten und Verbrauchern.

Welche Risiken beinhaltet die Übernahme sonst noch?

Im Wesentlichen sehen die Experten zwei große Herausforderungen: Zum einen die unterschiedlichen Firmenkulturen. Das Beispiel Daimler-Chrysler hat gezeigt, dass auch mit großen Vorschusslorbeeren versehene transatlantische Firmenbündnisse scheitern können. Zum anderen ist der hohe Kaufpreis eigentlich nur zu rechtfertigen, wenn der zuletzt schwächelnde Markt für Saatgut und Agrarchemikalien in den nächsten Jahren einen kräftigen Aufschwung erlebt. Doch ob dies wirklich zu erwarten ist, darüber sind Branchenkenner durchaus unterschiedlicher Meinung.

Die Übernahme ist also ein Risiko?

Das auf jeden Fall. Aber sie ist auch eine Chance für den Konzern. Denn sie rundet den Umbau von Bayer vom chemisch-pharmazeutischen Mischkonzern zum Spezialisten rund um die Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze ab.

Welche Rolle spielt die Verschuldung?

Die Mega-Übernahme wird die Verschuldung der Leverkusener zumindest kurzfristig kräftig in die Höhe treiben. Angesichts der globalen Niedrigzinsen und eines erwarteten robusten Barmittelzuflusses aus dem laufenden Geschäft erscheint dies vielen Experten aber tragbar.

Ist die milliardenschwere Übernahmen jetzt endgültig unter Dach und Fach?

Noch nicht ganz. Zwar hat die Monsanto-Führung jetzt eine bindende Fusionsvereinbarung unterzeichnet, doch auch die Aktionäre von Monsanto müssen dem Geschäft noch zustimmen und sich bereit erklären, ihre Aktien zum von Bayer gebotenen Preis von 128 Dollar je Aktie zu verkaufen. Allerdings gilt dies als sehr wahrscheinlich. Immerhin bedeutet das Angebot einen Aufschlag von 44 Prozent gegenüber dem Kurs vor Bekanntwerden der Bayer-Übernahmepläne. Außerdem müssen die Kartellbehörden noch grünes Licht geben.

Und was sagen die Behörden?

Trotz der schieren Größe dürfte die geplante Übernahme bei den Kartellbehörden auf vergleichsweise wenig Widerstand stoßen. So ist Monsanto vor allem in Amerika stark, Bayer in Europa und Asien, ein Monopol droht dort daher kaum. Nur bei einzelnen Agrargütern wie Mais könnten Überlappungen die Wettbewerbshüter auf den Plan rufen. Sie dürften aber wohl nur bei einzelnen Produkten Anpassungen verlangen, erwarten Experten.

Monsanto und Bayer stellen aber schon jetzt Teams zusammen, die einen Plan für die Integration der beiden Unternehmen ausarbeiten sollen. Die Amerikaner sichern zu, offen zu kommunizieren. Bayer-Vorstand Liam Condon sagte auf einem „Town Hall Meeting“ in der Monsanto-Zentrale, man habe sich noch keine Gedanken über die Besetzung wichtiger Positionen gemacht habe. Er sicherte aber zu, dass dies in einem professionellen Verfahren geschehen werde – etwa über Assessment Center, an Manager aus beiden Konzernen teilnehmen.

Monsanto könnte die Vereinbarung mit Bayer wieder auflösen, falls sich ein für das Unternehmen besserer Deal eröffnen würde – sprich, wenn ein anderes Unternehmen mehr als Bayer bietet oder Monsanto plötzlich doch noch einen Zusammenschluss mit einer anderen Firma bevorzugen würde. Dann aber müsste der US-Konzern eine Strafe an die Deutschen zahlen. Die beläuft sich auf 1,85 Milliarden Dollar.

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Die Arzneisparte der Leverkusener soll unter dem Monsanto-Kauf nicht leiden, beteuert der Vorstand um Konzernchef Werner Baumann. Doch Analysten und Mitarbeiter sind skeptisch, ob künftig genug Geld zur Verfügung steht.

Dass dieser Fall eintritt, ist aber unwahrscheinlich. Eine höhere Offerte könnte nur von einem anderen Agrarchemiekonzern kommen. Dow Chemical und Dupont scheiden dafür aus, weil sie selber fusionieren. Syngenta wird vom chinesischen Staatskonzern Chemchina gekauft. Bliebe nur noch BASF: Dass der Ludwigshafener Chemiekonzern mehr als 66 Milliarden Dollar in bar in die Hand nimmt, um Bayer noch zu übertreffen, gilt aus ausgeschlossen.

Die Option besteht für Monsanto ohnehin nur bis zur endgültigen Abstimmung seiner Aktionäre. Sie treffen im Dezember oder Januar zur Hauptversammlung zusammen. Sollten sie überraschend die Fusion mit Bayer ablehnen, müsste Monsanto ebenfalls an Bayer zahlen. Es wären aber nur maximal 150 Millionen Dollar als Ausgleich für die Kosten, die bei Bayer bisher schon durch das Fusionsvorhaben aufgelaufen sind.

Bayer hat bereits zugesagt, zwei Milliarden Dollar als so genannte Break-up Fee an Monsanto zu überweisen, falls der Deal kartellrechtlich scheitert. Im Fusionsvertrag nennt Bayer nun Details zu den anstehenden Verhandlungen mit den Kontrollbehörden. Danach ist der Konzern bereit, ein Umsatzvolumen von rund 1,6 Milliarden Dollar des fusionierten Agrarkonzerns abzugeben.

Aus welchen Segmenten dies kommen soll, wird nicht genannt. Doch es dürfte sich vor allem um Saatgut-Geschäfte vor allem bei Baumwolle und Raps handeln, wo beide eine starke Marktmacht hätten.

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