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06.08.2013

10:25 Uhr

Mercedes in Frankreich

Eiszeit im Autohaus

VonThomas Hanke

Seit Mitte Juni verweigert Frankreich die Zulassung der Mercedes-Baureihen A, B und SL wegen eines umstrittenen Kühlmittels. Ein Selbstversuch zeigt, wie schlecht potenzielle Mercedes-Kunden informiert werden.

Die Mercedes-Händler in Frankreich stehen vor einem Problem: Mehrere ihrer Modelle werden nicht zugelassen. Reuters

Die Mercedes-Händler in Frankreich stehen vor einem Problem: Mehrere ihrer Modelle werden nicht zugelassen.

ParisIm eindrucksvollen Mercedes-Showroom auf den Champs-Élysées ist auch eine A-Klasse ausgestellt. Doch scheint man sich als Angehöriger der Unterschicht zu outen, wenn man so ein Auto kaufen will. Jedenfalls kostet es den Kundenberater eine gewisse Überwindung, sich mit unserer profanen Frage zu befassen: „Wenn ich eine A-Klasse kaufe, bekomme ich sie dann auch zugelassen?“ Herablassend antwortet er: „Das Auto wird Ihnen frühestens im März 2014 geliefert, so stark ist die Nachfrage.“

Dass ich überhaupt diese Frage stelle hängt mit dem „kalten Krieg“ zusammen. Im Streit um ein Kühlmittel in der Klimaanlage sind Mercedes und die französische Regierung aneinandergerasselt. Tatsächlich dürfen derzeit weder A-, noch B- oder SL-Klasse-Wagen in Frankreich zugelassen werden.

Wissenswertes rund um Autokältemittel

Der komplizierte Name

R1234yf ist ein organsicher, fluorierter Stoff (Summenformel C3H2F4). Die international genormte Bezeichnung des neuen Kältemittels ist R1234yf. Das R steht für den englischen Begriff für Kältemittel (Refrigerant).

Warum neue Kältemittel für Autoklimaanlagen?

Um die Erdatmosphäre zu schonen. Bisher wurde in Fahrzeugklimaanlagen als Kältemittel das fluorierte Treibhausgas Tetrafluorethan (R134a) eingesetzt. Die Richtlinie 2006/40/EG über Emissionen aus Klimaanlagen in Kraftfahrzeugen verbietet den Einsatz dieses Stoffes in neuen Typen von Pkw und Pkw-ähnlichen Nutzfahrzeugen.

Als mögliche alternative Kältemittel  wurden Kohlendioxid (CO2) und ein fluorierter Stoff, 2,3,3,3‑Tetrafluorpropen (R1234yf), von der Automobilindustrie betrachtet. Aus Klimaschutzgründen favorisiert das Umweltbundesamt CO2 als Kältemittel für Automobilklimaanlagen.

Welche Fristen gelten?

Die EU-Kommission gibt vor: Ab 1. Januar 2011 müssen alle neuen Typen bei Pkw- und Pkw- ähnlichen Nutzfahrzeugen mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Ab dem 1. Januar 2017 müssen alle neuzugelassenen Pkw mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Was bedeutet GWP?

GWP steht für global warming potential (deutsch: Treibhauspotential). Ein GWP-Wert von 1430 (wie beim Kältemittel R134a) bedeutet, dass ein Kilogramm R134a eine 1430 mal stärkere Wirkung auf die Erhöhung des Treibhauseffektes hat als ein Kilogramm Kohlendioxid (CO2). Für die Treibhauswirkung von CO2 wurde ein GWP von 1 festgelegt.

1234yf - Eigenschaften

R1234yf ist als Kältemittel ein relativ neuer Stoff. R1234yf ist brennbar bzw. leicht entzündlich und bildet an heißen Oberflächen und beim Verbrennen Fluorwasserstoff. Im Fall eines Fahrzeugbrandes, der in Deutschland etwa 20.000 bis 30.000 mal pro Jahr vorkommt, entsteht aus dem Kältemittel auch Flusssäure, die bei Menschen schwere Verätzungen hervorrufen kann. Die Bildung von anderen sehr giftigen Gasen wie Carbonyldifluorid (COF2) wird vermutet.

R1234yf hat ein für die Erfüllung der EU-Richtlinie ausreichend niedriges Treibhauspotential, das früher mit 4 und mittlerweile mit 1 angegeben wird. Nachteilig ist aber, neben der Brennbarkeit, die technische Möglichkeit, in Fahrzeugklimaanlagen mit 1234yf das klimaschädliche R134a nachzufüllen, warnt das Umweltbundesamt. Außerdem zerfällt R1234yf in der Atmosphäre in die algengiftige und kaum abbaubare Trifluoressigsäure (kurz TFA), die sich in Gewässern anreichert. .

Kohlendioxid

Kohlendioxid ist deutlich weniger klimaschädlich als der zuvor benutzte Stoff R134a, es unterbietet ihn sogar um mehr als das Tausendfache. Außerdem ist Kohlendioxid  weder brennbar noch giftig, wenn auch nicht komplett ungefährlich. Und im Gegensatz zu R1234yf, das einzig von den Chemiekonzernen Honeywell und Dupont vertrieben werden darf, ist es preiswert und als industrielles Nebenprodukt leicht verfügbar.

Bei stationären Klimaanlagen wird CO2 bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Im Auto jedoch sind entsprechende Klimaanlagen noch nicht serienreif. Hersteller und Zulieferer arbeiten seit Jahren daran, hatten die Entwicklung nach der Branchenentscheidung für R1234yf jedoch nicht mehr forciert.

Größtes Problem der CO2-Technik ist, dass sie mit höheren Drücken arbeitet als die bisher gängigen Systeme und deshalb neue, daran angepasste Klimaanlagen benötigt. Die Entwicklung und Serieneinführung der Anlage ist für den Hersteller mit höheren Investitionskosten verbunden.

Linkliste

Die Information des Verkäufers soll meine Bedenken über die angespannte Lage wohl plattwalzen, doch sie sind immer noch da: „Und was passiert im März?“ „Bis dahin gibt es keine Probleme mehr.“ Beeindruckend, diese Zuversicht. Stachelt aber auch meine Neugier an: „Wie wird das Problem denn gelöst, ändert Mercedes die Klimaanlage?“ „Keine Sorge mein Herr, bis März 2014 ist alles gelöst“, sagt der Verkäufer mit dem überlegenen Lächeln dessen, der besser Bescheid weiß als ein einfacher Kunde. Ich hake trotzdem nach: „Ich wüsste aber gerne, ob ich wirklich sicher sein kann.“

Der Verkäufer rückt nicht mit Details raus, sondern schraubt seine Überlegenheit noch ein Stück höher: „Das ist nur ein kleines politisches Problem, wir sind gerade dabei, das zu regeln.“ Der Mann hat Nerven! Mercedes bricht gerade in Frankreich der Absatz seiner wichtigsten Modelle weg: 61 Prozent entfallen auf die A- und die B-Klasse. Und das mitten im Steigflug: Um mehr als hundert Prozent konnte Daimler den Absatz der A-Klasse steigern, bis der französische Staat die Zulassung blockierte. Und der Schnösel redet von einem kleinen Problem.  

Kältemittelstreit: Wenn Greenpeace für Mercedes kämpft

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In dem Streit um das neue Kältemittel für Klimaanlagen in Autos bleibt niemand cool. Mercedes-Hersteller Daimler hat sich in einen Bürokratie-Wahnsinn gestürzt – und bekommt Unterstützung von ungewohnter Seite.

Langsam geht er mir auf die Nerven. Nur heiße Luft. „Und wenn es nicht gelöst ist, was für eine Garantie habe ich denn, dass ich mein Auto auch fahren kann?“ Kundengespräche scheinen nicht die Stärke des nur vom Aussehen her smarten Mannes zu sein, denn er antwortet glatt: „Sie haben eine 2-Jahres-Garantie auf das Auto.“ Oh je, das wollte ich nun gar nicht wissen. „Danke, ich meinte welche Garantie habe ich, dass ich das Auto wirklich zulassen kann, wenn es 2014 geliefert wird?“ Mein Gegenüber blickt über mich hinweg auf die Straße und sagt mir unter Überwindung seiner unendlichen Langeweile: „Das Auto wird zugelassen, wenn nicht, finden wir eine Lösung.“

Kommentare (9)

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Axel

06.08.2013, 10:34 Uhr

"Ich muss wohl selbstkritisch einsehen: Als potenzieller Mercedes-Kunde habe ich versagt. Es ist mir nicht gelungen, das Interesse des Verkäufers zu wecken. Die Schuld liegt natürlich bei mir. "

Was hier beschrieben wird ist der Umgang mit Kunden grundsätzlich in Frankreich. Der Kunde hat zu gehorchen! Deswegen und wegen anderer Dinge schaffen es die Franzosen auch nicht zu exportieren .... und versinken insgesamt in ihrem geliebten Sozialismus.

Account gelöscht!

06.08.2013, 11:45 Uhr

Frankreich wollte das Geschäftsflugzeug von mondahu (made in USA) nicht zulassen. Schließlich gibt es einen vergleichbaren Typ französischer Produktion. Nun fliegt es mit Luxemburger Zulassung, denn wir haben ja die EU.

Übertragen hier: Sein Auto im europäischen Ausland zuzulassen, wenn möglich über eine Firma, macht schon auch deshalb Sinn, weil dann 95 % aller Knöllchen (auch wegen 50 km/h zuviel) einfach abprallen.

zottlschach

06.08.2013, 11:57 Uhr

Das eigentliche Problem liegt an den Behörden.

Andere Hersteller, die neue Autos nicht als Neuentwicklung, sondern als Weiterentwicklung bestehender Fahrzeuge deklarieren können die Auto mit dem identischen Kühlmittel zulassen.

Wie schon oft: Bürokratismus und Volksverdummung.

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