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06.03.2006

16:27 Uhr

Milliardendeal macht Linde zum Global Player

Vom Gejagten zum Jäger

Ein neuer Gasegigant entsteht: Mit der erfolgreichen Übernahme des britischen Wettbewerbers BOC steigt der Wiesbadener Mischkonzern Linde zum weltgrößten Anbieter industrieller und technischer Gase auf. Die wichtigste Akquisition in der Geschichte des Traditionsunternehmens ist vor allem ein Werk von Vorstandschef Wolfgang Reitzle. Er hat in den vergangenen drei Jahren durch Entrümpelung, Sanierung und Verkäufe bei Linde die Voraussetzungen für den Coup geschaffen.

Wolfgang Reitzle ist obenauf. Foto: dpa

Wolfgang Reitzle ist obenauf. Foto: dpa

HB WIESBADEN. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere zeigte sich Reitzle von seiner besten Seite: Locker und charmant präsentierte der Manager, der früher bei BMW schnittige Autos entwickelte, am Montag vor historischer Kulisse des Frankfurter Städel-Museums die Details der rund zwölf Mrd. Euro teuren Übernahme des britischen Konkurrenten BOC. Noch vor ein paar Monaten als mögliches Opfer aggressiver Hedge-Fonds beschrieben, steigt der einst behäbige Wiesbadener Mischkonzern auf einen Schlag zum Global Player bei Industriegasen (Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff) auf. Ein äußert lukrativer Markt, der von wenigen Anbietern dominiert wird und dem glänzende Wachstumsraten prophezeit werden. Analysten feierten die Nachricht als Traumhochzeit, die Linde-Aktie schoss in die Höhe.

„Die Heereszüge Alexanders des Großen“, heißt das monumentale Bild von Anselm Kiefer, vor dem Reitzle an diesem Montagmorgen im Frankfurter Kunstmuseum Städel Platz nimmt. Und ein bisschen spielt Reitzle tatsächlich die Rolle des Makedonenkönigs, dem es gelang, ein weitaus größeres Reich zu erobern. Nicht allein beim Umsatz im Geschäftsbereich Gase, auch beim Börsenwert lag Linde in den vergangenen Jahren stets hinter dem britischen Konkurrenten. Nun schluckt der Kleine den Großen.

In der Branche war seit Jahren über ein Zusammengehen der beiden Konzerne, die schon seit zehn Jahren im Anlagenbau kooperieren, spekuliert worden. Auf keiner Bilanzpressekonferenz fehlte die Frage an Reitzle, ob er nicht mit den Briten fusionieren wolle. Die Antwort war stets dieselbe: Der Gedanke habe seinen Charme, es werde aber nicht verhandelt. Die Profis vom Finanzmarkt ließen sich nicht beirren. Die Deutsche Bank sah angesichts der Konsolidierung in der Industriegas-Branche einen Zusammenschluss beinahe als Naturgesetz: „Die einzig mögliche Fusion auf globaler Ebene ist die zwischen BOC und Linde wegen der sich ergänzenden regionalen Aktivitäten.“

Doch Reitzle, der über 20 Jahre bei BMW gearbeitet hatte, dann zu Ford wechselte und 2003 Linde-Chef wurde, blieb zunächst vorsichtig: Am Börsenwert gemessen waren die Briten lange Zeit eine Nummer zu groß, zudem musste Linde noch die Übernahme der schwedischen Aga verdauen. Und noch eines war für den passionierten Golf-Spieler klar: „Die Rolle des Juniorpartners ist nicht so mein Ding“, erzählte er im kleinen Kreis. Doch vor einigen Monaten begann Reitzle dann mit bärenstarken 2005-Zahlen im Rücken, die Übernahme des weitaus größeren Konkurrenten durchzuspielen.

„Man muss warten, bis die Welle einen trägt“, erklärt Reitzle seine Strategie: „Vor einem Jahr wären wir dazu noch nicht in der Lage gewesen.“ 16 britische Pfund in bar bietet der Wiesbadener Konzern für jede BOC-Aktie. Insgesamt 12,4 Mrd. Euro wendet Linde für die Übernahme auf. Zusammen mit der Übernahme von Altschulden und Pensionsverpflichtungen beläuft sich das Gesamtvolumen der Transaktion auf rund 15 Mrd. Euro.

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