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20.09.2015

18:32 Uhr

Milliardenstrafe in USA droht

Volkswagen gibt massive Abgas-Manipulation zu

Von wegen „Clean Diesel“: Die US-Umweltbehörde wirft VW vor, die Abgaswerte von Diesel-Wagen manipuliert zu haben. Eine Milliardenstrafe steht im Raum. Jetzt äußert sich Konzernchef Martin Winterkorn.

Skandal in den USA

Abgas-Manipulation bei VW: Was wusste Winterkorn?

Skandal in den USA: Abgas-Manipulation bei VW: Was wusste Winterkorn?

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Washington/WolfsburgDas US-Geschäft ist das große Sorgenkind von Volkswagen – und jetzt auch noch das: VW drohen in den USA Strafen in Milliardenhöhe und ein nicht absehbarer Imageschaden. Und der könnte auch dem Ansehen der deutschen Vorzeigeindustrie insgesamt erhebliche Dellen zufügen. Die US-Umweltbehörde EPA wirft dem Autobauer vor, die Ermittlung von Abgaswerten seiner Diesel-Fahrzeuge manipuliert zu haben.

Für den Konzern könnten sich die Anschuldigungen zu einem ziemlich teuren Albtraum auswachsen. Dabei hatte der mächtige VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh das Geschäft in den USA schon ohne diesen Skandal einst als Katastrophenveranstaltung bezeichnet.

VW soll eine spezielle Software eingesetzt haben, um die Messung des Schadstoffausstoßes zu manipulieren, teilte die Laut EPA am Freitag in Washington mit. Das ermögliche, das Abgas-Kontrollsystem nur bei offiziellen Emissionstests zu aktivieren – und damit bessere Messwerte zu liefern, als sie im Alltag erreicht würden. Der Vorwurf wiegt schwer, am Ende geht es aus Sicht des EPA um Betrug. „Solche Mittel zu benutzen, um die Klimaschutzstandards zu umgehen, ist illegal und eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit“, sagte EPA-Vertreterin Cynthia Giles.

Vermintes Gelände – Volkswagen und die USA

Schwieriges Geschäft

In China, dem wichtigsten Automarkt der Welt, stampft VW ein Werk nach dem anderen aus dem Boden. In den USA zählt Europas Branchenprimus erst eines, vieles läuft dort noch nicht rund. Eine Chronologie.

13. Januar 2013

VW-Chef Martin Winterkorn spricht zur Automesse in Detroit erstmals von einem neuen SUV-Modell speziell für die USA.

2. Mai 2013

Nach 31 Monaten auf steilem Expansionskurs muss Volkswagens Kernmarke für den April 2013 erstmals wieder rückläufige Verkäufe melden. Seitdem finden die Wolfsburger nicht in die Spur.

18. Juni 2013

Im schwelenden Streit um einen Betriebsrat für das einzige US-Werk von Volkswagen in Chattanooga droht der mächtige Konzernbetriebsrat damit, weiteres Wachstum dort zu blockieren.

12. Dezember 2013

Michael Horn löst Jonathan Browning als Chef von Volkswagens US-Sparte ab. Medien spekulieren, Browning müsse wegen der Verkaufszahlen gehen. Volkswagen nennt „persönliche Gründe“.

12. Januar 2014

Winterkorn kündigt das neue SUV-Modell für 2016 an. „Amerika ist der weltweit härteste Automarkt“, räumt er ein. Als mögliche Produktionsorte gehen Chattanooga und Mexiko ins Rennen.

14. Februar 2014

Die VW-Mitarbeiter in Chattanooga votieren gegen den Vorschlag, sich von der US-Autogewerkschaft UAW vertreten zu lassen. Damit kann VW zumindest vorerst nicht die vom Betriebsrat geforderte Arbeitnehmervertretung nach deutschem Vorbild aufbauen.

19. Februar 2014

Betriebsratschef Bernd Osterloh meldet sich zu Wort. Er könne sich „durchaus vorstellen“, dass ein weiterer Standort in den USA „nicht unbedingt wieder in den Süden gehen muss“.

14. Juli 2014

VW teilt mit: Der Cross Blue geht nach Chattanooga.

10. Januar 2015

VW zeigt auf der Messe in Detroit neben dem bereits bekannten großen Geländewagen Cross Blue eine Coupé-Variante. Martin Winterkorn verspricht, in den USA wieder in den Angriffsmodus zurückkehren zu wollen.

18. September 2015

Die Verkäufe gerade der Marke VW fallen nach den beiden schlechten Jahren 2013 und 2014 in den USA noch einmal schlechter aus. Von Januar bis August verkaufte in den USA 238.100 Autos und damit 2,8 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Quelle: dpa, scc

Am Sonntag gab der Konzern die massiven Abgas-Manipulationen zu. Ein Firmensprecher sagte: „Wir haben das gegenüber der Behörde eingeräumt. Der Sachverhalt trifft zu. Wir arbeiten aktiv mit der Behörde zusammen.“ VW-Chef Martin Winterkorn kündigte am Sonntag eine externe Untersuchung der Vorgänge an. „Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben“, erklärte er.

Der größte deutsche Autobauer war zuvor nicht nur wegen der Manipulationen, sondern auch wegen des Umgangs mit dem Fall kritisiert worden. „Da ist etwas fundamental schiefgegangen bei VW“, sagte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Der Autoexperte fordert strukturelle Änderungen beim Wolfsburger Konzern. „VW muss den Fall zum Anlass nehmen, um die internen Prozesse zu überprüfen“, sagte Bratzel.

Es sei sehr verwunderlich, dass die Machenschaften der amerikanischen US-Tochter nicht längst an Wolfsburg gemeldet worden seien und das Durchgreifen der Konzernspitze nach sich gezogen hätte, sagt der Experte. „Das muss jetzt ein Weckruf zur Einhaltung der Compliance-Regeln sein.“

Volkswagen-Spitze: Die Uhr tickt für Winterkorn

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Martin Winterkorn soll bis 2018 Chef von Volkswagen bleiben. Das ist ein wichtiges Zeichen für die Zukunft des Konzerns. Doch Winterkorn muss sein starkes Mandat nun nutzen, um nötige Veränderungen einzuleiten.

Compliance-Regeln legen fest, wie sich Konzerne verhalten müssen, damit ihre Geschäfte im Einklang mit geltendem Recht stehen. Bratzel vermutet, die VW-Tochter in den USA sei mit ihren dortigen Geschäftspraktiken gewissermaßen aus dem Ruder gelaufen. „In Wolfsburg ist man sich doch im Klaren, dass man Regeln nicht einfach aushebeln darf.“

Die Abgas-Affäre wird wohl länger eine Baustelle bleiben – und damit auch eine große Herausforderung für Konzernchef Martin Winterkorn, dessen Vertrag erst kürzlich nach dem Sieg im Machtkampf mit Ferdinand Piëch verlängert worden war. Am Samstag hatte VW lediglich mitgeteilt, der Umweltschutz gehöre zu den strategischen Unternehmenszielen.

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