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17.07.2012

11:35 Uhr

Minus 15 Prozent

Opel-Absatz in Europa bricht ein

Auf den neuen Opel-Chef warten bereits schlechte Nachrichten: Der Absatz in Europa ist deutlich stärker eingebrochen als bei der Konkurrenz. Der Marke mit dem Blitz droht ein Donnerwetter aus Detroit.

Abgesoffen: Opel legt in Europa erneut miserable Verkaufszahlen vor. dpa

Abgesoffen: Opel legt in Europa erneut miserable Verkaufszahlen vor.

Frankfurt/MünchenNoch vor seiner Ernennung hat der neue Opel -Chef eine weitere schlechte Zahl auf dem Tisch: Der Europa-Absatz des taumelnden Autobauers schrumpfte im ersten Halbjahr um 15 Prozent auf 457.630 Fahrzeuge, wie der europäische Herstellerverband ACEA am Dienstag mitteilte. Der Marktanteil ging auf 6,9 Prozent von 7,6 Prozent zurück. Damit zählt die Marke mit dem Blitz zu den größten Verlierern unter den Pkw-Herstellern. Die Absatzkrise in Europa ist eines der drängendsten Probleme, die der neue Opel-Chef in den Griff bekommen muss. Wer die ums Überleben kämpfende Tochter des US-Konzerns General Motors künftig führen wird, will der Aufsichtsrat am Dienstagnachmittag entscheiden. Als Favorit gilt Strategievorstand Thomas Sedran. Der Konzern wollte sich zunächst nicht äußern.

Medienberichten zufolge soll der Sanierungsexperte Sedran, der erst vor gut drei Monaten zu Opel gekommen ist, nur kommissarisch die Leitung übernehmen. Für eine Dauerlösung wolle sich GM bis Jahresende Zeit lassen. Das "Handelsblatt" brachte dafür unter Berufung auf Informationen aus dem Firmenumfeld unterschiedliche Kandidaten ins Spiel: Ex-Daimler -Manager Rainer Schmückle, Karl-Thomas Neumann, der bei Volkswagen bisher das Chinageschäft leitete und bei der jüngsten Vorstandsrochade nicht zum Zuge kam, Herbert Demel vom Zulieferer Magna, der Opel in der Vergangenheit bereits einmal kaufen wollte, und auch den früheren Porsche -Chef Wendelin Wiedeking.

Wer auch immer an die Spitze des Traditionsunternehmens berufen wird, kann auf eine lange Reihe von Vorgängern blicken: Seit der Blütezeit in den 1970er Jahren hat Opel 15 Chefs kommen und gehen sehen. Allein in den vergangenen drei Jahren wurden drei Vorstandsvorsitzende verschlissen. Nach dem abrupten Abgang von Karl-Friedrich Stracke in der vergangenen Woche führt derzeit der Opel-Aufsichtsratschef und GM-Spitzenmanager Stephen Girsky kommissarisch die Geschäfte.

Der Rüsselsheimer Autokonzern leidet wie viele Massenhersteller unter der Absatzflaute im Kernmarkt Europa. In den Schuldenstaaten des Südens trauen sich die Menschen kaum mehr, neue Autos zu kaufen. Im ersten Halbjahr 2012 wurden in der EU 6,64 Millionen Pkw neu zugelassen - das sind 6,8 Prozent weniger als vor Jahresfrist. Der Juni sorgte immerhin für einen kleinen Lichtblick: Die Zahl der Neuzulassungen sackte nur noch um 2,8 Prozent ab; dies war der geringste Rückgang seit acht Monaten. Innerhalb der EU erwiesen sich zwei große Absatzmärkte als recht robust: In Deutschland legten die Neuzulassungen um 0,7 Prozent auf 1,63 Millionen Pkw zu, in Großbritannien kletterten sie um 2,7 Prozent auf 1,06 Millionen Autos.

In Frankreich sackte die Zahl dagegen um 14,4 Prozent auf 1,23 Millionen Fahrzeuge ab. Der französische Opel-Partner PSA Peugeot Citroen bekam die Krise ebenfalls deutlich zu spüren. Die Neuzulassungen des Konzerns, der vergangene Woche den Abbau von 8000 Stellen angekündigt hatte, brachen um 13,9 Prozent auf 808.660 Autos ein. Die Peugeot-Aktie stürzte an der Pariser Börse ab und notierte so niedrig wie zuletzt 1986.

Von der Kooperation mit PSA, dem zweitgrößten europäischen Autobauer nach VW, verspricht sich Opel kräftige Einsparungen. Das Ende Juni verabschiedete Sanierungskonzept der Rüsselsheimer sieht außerdem große Investitionen in neue Modelle vor. Für die vier deutschen Opel-Werke gilt eine Standortgarantie bis Ende 2016. Nach dem Chefwechsel befürchten Arbeitnehmer und Experten jedoch eine Rosskur. Bei GM geht die Geduld mit der seit langem kriselnden und Verluste schreibenden Tochter zu Ende. Außer an der Absatzflaute in Europa - der Zutritt zu Wachstumsmärkten wie China oder Lateinamerika ist den Rüsselsheimern von GM untersagt - leidet Opel an Imageproblemen und auch am Zick-Zack-Kurs seiner Mutterfirma.

Opels bewegte Geschichte

Eine Achterbahnfahrt

Die Firmengeschichte der Adam Opel AG gleicht einem spannenden Roman, den man nicht besser erfinden könnte. Es folgt die aufregende Geschichte des Autobauers.

Die Wurzeln

Alles begann mit Nähmaschinen: Die Wurzeln von Opel reichen bis ins Jahr 1862 zurück. Damals gründete Adam Opel ein Unternehmen zum Nähmaschinen-Bau und legte damit den Grundstein für die spätere Adam Opel AG.

Opel baut Fahrräder

1886 nahm Opel die Produktion von Fahrrädern auf - zunächst mit Hochrädern. 1899 rollte das erste Automobil aus der Fabrik in Rüsselsheim. Seit 1929 gehört Opel zum US-Konzern General Motors (GM).

Der „Laubfrosch“

Als erster deutscher Hersteller führte Opel 1923 die Serienfertigung am Fließband ein. Als Hersteller von preisgünstigen und robusten Gebrauchsfahrzeugen wie dem legendären „Laubfrosch“ wurde Opel populär.

 

Raketenautos

Spektakuläre Experimente mit Raketenautos durch Fritz von Opel trugen zum Image eines modernen Unternehmens bei. Der Marktanteil in Deutschland lag damals bei heute kaum vorstellbaren 26 Prozent, der spätere große Konkurrent Volkswagen war noch nicht einmal gegründet.

Erste Risse

Doch das Fundament von Opel zeigte erste Risse. Für die Einführung der Massenproduktion waren enorme Investitionen notwendig. Wilhelm von Opel, damals der Kopf des Unternehmens, erkannte, dass ein reines Familienunternehmen mit den horrenden Investitions- und Entwicklungskosten in der Autoindustrie auf Dauer überfordert sein würde.

GM fühlt vor

Schon 1926 hatte von Opel bei General Motors vorgefühlt, ob der US-Konzern an einer Beteiligung interessiert sei. Zwei Jahre später nahmen die Firmen den Gesprächsfaden wieder auf.

Übernahmekandidat

Inzwischen war Opel für GM ein interessanter Übernahmekandidat geworden. Die steigenden Zollbarrieren, mit denen die Reichsregierung die deutschen Autohersteller schützen wollte, zwangen GM, über Alternativen zum Import fertiger Fahrzeuge nachzudenken. Es war die Idee von Konzernchef Alfred Sloan, die Produktion für den europäischen Markt nach Deutschland zu verlagern und dazu ein etabliertes Unternehmen zu kaufen.

Opel macht Eindruck

Als eine GM-Delegation 1928 in Europa mehrere Werke besichtigte, machte Opel auf Sloan einen hervorragenden Eindruck: „70 Prozent des Maschinenparks sind in den vergangenen vier Jahren neu angeschafft worden“, notierte Sloan: „Die Werksstruktur ist flexibel und der Fertigung neuer Modelle leicht anzupassen.“ Am 17. März 1929 übernahm der Konzern für 33 Millionen Dollar die Aktienmehrheit an Opel, nach damaligen Maßstäben ein Mega-Deal.

Erst spät rentabel

Verzinst hat sich das Investment lange nicht: Erst verhinderte die Weltwirtschaftskrise, dann die NS-Diktatur eine erfolgreiche transatlantische Zusammenarbeit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Opel für General Motors rentabel. 1954 baute Opel erstmals pro Jahr mehr als 150.000 Fahrzeuge, heute sind es rund 1,2 Millionen.

Die finsteren 80er

Doch ab den 80er Jahren kippte die Entwicklung: Opel verschlief den Wechsel zum Frontantrieb: Der Herausforderer VW-Golf war einfach praktischer als der Rivale Kadett, der noch mit Heckantrieb fuhr. Auch den von VW gestarteten Dieseltrend verschlief Opel.

12Kampf mit VW

In den 90ern prügelte sich Opel vor allem mit VW um seinen ehemaligen Manager José López, der nach Wolfsburg gewechselt war und angeblich Industriespionage begangen hatte. Doch in den López-Jahren hatten bei Opel Qualitätsprobleme begonnen, die das einst lupenreine Image der Marke beschädigten. Und die Mutter GM nutzte das Können der Opel-Ingenieure dann für eigene Projekte in Übersee, wie in Brasilien. Aber nicht für Opel-Autos.

GM behindert Opel

Außerdem verhinderte GM den weltweiten Export von Opel, das zusammen mit den britischen GM-Tochter Vauxhall auf Europa beschränkt bleiben sollte. Während Volkswagen zu einem mächtigen Global Player heranwuchs, wurde Opel von General Motors nur unzulänglich gefördert. Wichtige Märkte wie China sind Opel bis heute versperrt, weil GM hier auf andere Konzernmarken baut.

Die große Krise 2008

Als 2008 die große Autokrise ausbrach, explodierten die Probleme bei Opel: Das Unternehmen hing am Tropf der US-Mutter, die dann aber selbst in die Insolvenz ging. GM wollte Opel schnell verkaufen und wurde sich 2009 handelseinig mit dem Zulieferkonzern Magna.

Der Deal platzt

Doch dann besann sich GM und sagt den Deal ab. „Das ist ein klares Bekenntnis zum europäischen Geschäft, das für GM von entscheidender Bedeutung ist“, sagte der damalige Konzernchef Ed Whitacre im März 2010. Whitacre schickte den hemdsärmeligen Nick Reilly als Sanierer zu Opel: 8.000 Jobs wurde gestrichen, das Werk in Antwerpen geschossen, die Fabrik in Bochum gesundgeschrumpft.

Der Neustart

Jetzt steckt Opel mitten im Neustart: Die Modelle sind neu und schneiden in Tests gut ab. Der kleine Corsa sitzt dem viel teureren VW-Polo bei den Neuzulassungen im Nacken. Bei den Mini-Vans ist der praktische Meriva an der Spitze der Zulassungen und der Astra-Kombi läuft nach Firmenangaben gut an.

 

Der Insignia

Ein Problem hat Opel aber bei den größeren Modell: Der Insignia ist technisch gut, kommt aber beim Absatz nicht in die Nähe des Platzhirsches Passat. Gerade bei den größeren Autos wird aber das große Geld verdient. Und darüber hat Opel gar kein Angebot mehr, weder Rekord, noch Omega, Senator, Diplomat, Admiral oder Kapitän. Und den Manta schon gar nicht.

Die heutigen Verkäufe

Gemeinsam mit der britischen Schwestermarke Vauxhall verkaufte Opel 2010 mehr als 1,1 Millionen Fahrzeuge in Europa, was einem Marktanteil von 6,2 Prozent und Platz fünf im Markt entspricht. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr mehr als 243.000 Wagen verkauft, damit lag Opel auf dem dritten Rang.

Opel International

Das Unternehmen betreibt Werke und Entwicklungszentren in sechs europäischen Ländern und beschäftigt nach eigenen Angaben europaweit 40.500 Mitarbeiter. Opel baut in Deutschland neben dem Hauptstandort in Rüsselsheim Autos in Bochum und Eisenach. In Kaiserslautern werden zusätzlich Motoren und Teile gefertigt.

Von

rtr

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