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19.09.2015

14:51 Uhr

Möglicher Rückruf von 500.000 Fahrzeugen

VW soll Schadstoffmessung manipuliert haben

VW steht in den USA vor neuen Problemen: Zur chronischen Absatzschwäche kommt eine Ermittlung der Umweltbehörde wegen Luftverpestung. Es drohen eine große Rückrufaktion und eine Milliardenstrafe.

Die US-Umweltbehörde wirft VW vor, mittels einer speziellen Software Messungen zum Schadstoffausstoß manipuliert zu haben. ap

Schwere Vorwürfe in den USA

Die US-Umweltbehörde wirft VW vor, mittels einer speziellen Software Messungen zum Schadstoffausstoß manipuliert zu haben.

WashingtonVolkswagen drohen in den USA hohe Bußgelder: Die Umweltbehörde EPA wirft dem deutschen Autobauer Verstöße gegen das Klimaschutzgesetz „Clean Air Act“ vor und fordert den Rückruf von 482.000 Diesel-Fahrzeugen in Kalifornien. Betroffen sind nicht nur Autos der Kernmarke VW, sondern auch ein Modell der Konzerntochter Audi.

Das Unternehmen stehe im Verdacht, eine spezielle Software eingesetzt zu haben, um die Messung des Schadstoffausstoßes zu manipulieren, teilte die Environmental Protection Agency (EPA) am Freitag in Washington mit.

Durch das Programm soll es möglich sein, das Abgas-Kontrollsystem nur bei offiziellen Emissionstests zu aktivieren. Folge solcher Manipulationen sei, dass die Autos für den Umweltschutz festgesetzte Emissionslimits um das bis zu 40-Fache übersteigen könnten, so die Behörde. Bislang seien Fahrzeuge der Baujahre 2009 bis 2015 aufgefallen, darunter das wichtigste Modell Jetta, aber auch der Golf, Beetle und der Passat.

„Solche Mittel zu benutzen, um die Klimaschutzstandards zu umgehen, ist illegal und eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit“, sagte EPA-Vertreterin Cynthia Giles. Ihre Behörde werde die Untersuchungen in diesem „sehr ernsten“ Fall fortsetzen. Dabei sei nicht auszuschließen, dass weitere Verdachtsfälle ans Licht kommen.

Volkswagen in Zahlen

Umsatz

108,8 Milliarden Euro im 1. Halbjahr 2015 (+10,1 Prozent)

Auslieferungen an Kunden

5,039 Millionen Fahrzeuge (-0,5 Prozent)

Gewinn nach Steuern

5,663 Milliarden Euro (-0,9 Prozent)

Mitarbeiter

597.800 am 30. Juni 2015 (+0,9 Prozent im Vergleich zum 31. Dezember 2014)

Mitarbeiter im Inland

273.900 (+1,0 Prozent)

Werke

118 (Vorjahr: 106)

VW könnten Strafen von bis zu 37.500 Dollar (gut 33.000 Euro) pro Wagen drohen, also insgesamt über 18 Milliarden Dollar, wenn sich die Vorwürfe bestätigen sollten. Allerdings ist völlig unklar, ob dieses theoretische Höchstmaß ausgeschöpft würde. Die umstrittene Funktion bezeichnet die EPA als Abschalteinrichtung („defeat device“). Schon vor Jahren hatte die EPA andere Autohersteller wegen solcher Verstöße im Visier. Nach Angaben der Behörde aus dem Jahr 1998 endeten Ermittlungen gegen Honda und Ford mit Vergleichszahlungen von 267 Millionen und 7,8 Millionen Dollar.

Nach Einschätzung von Autofachmann Ferdinand Dudenhöffer muss sich VW auf ein teures Nachspiel einstellen. „Das ist äußerst ernst zu nehmen“, sagte Dudenhöffer am Samstag der Deutschen Presse-Agentur.

Neben hohen Kosten drohe Volkswagen in den USA ein enormer Imageschaden. Den ohnehin schlecht laufenden Geschäften der Kernmarke VW werde der Vorgang ebenfalls nicht helfen. Doch dabei bleibe es nicht. „Das betrifft die gesamte deutsche Autoindustrie“, sagte Dudenhöffer. Auch Daimler und BMW hätten in den vergangenen Jahren den Diesel in den USA als saubere Technologie beworben. Die Vorwürfe gegen VW könnten das schlechte Image des Antriebs in den USA weiter verschlechtern. „Das wird ein schwerer Weg.“

Eine VW-Sprecherin erklärte zunächst nur, dass VW bei den Ermittlungen mit den Behörden kooperieren wolle. Die Wolfsburger tun sich auf dem US-Markt ohnehin schwer und kämpfen dort schon lange mit schwachen Verkaufszahlen.

Nach einem kurzen Aufwärtstrend musste der Konzern zuletzt für den Monat August bei seiner Kernmarke VW in den USA ein sattes Minus melden. Die Zahl der verkauften Autos schrumpfte im Jahresvergleich um 8,1 Prozent auf rund 32 300. Beim Jetta Sedan, dem wichtigsten VW-Modell in den USA, brachen die Verkäufe um knapp 18 Prozent auf gut 11.000 Autos ein. Im Gesamtjahr liegt VW mit rund 238.000 verkauften Autos in den USA 2,8 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Bei den VW-Töchtern Audi und Porsche lief es dagegen besser. Audi steigerte die Verkäufe insgesamt um knapp 10 Prozent, vor allem die SUV-Modelle schoben den Absatz an. Porsche legte um 10 Prozent zu.

Auch im gesamten VW-Konzern lief es im August nicht gut. Vor allem die Schwäche im größten Einzelmarkt China macht dem Hersteller zu schaffen. Auch Südamerika und Russland blieben schwach. Wie VW am Freitagabend mitteilte, ging die Zahl der Fahrzeugauslieferungen im August konzernweit um 5,4 Prozent auf 714.400 zurück. In den ersten acht Monaten liegt der Absatz des Zwölf-Marken-Konzerns um 1,5 Prozent tiefer als im Vorjahreszeitraum.

Die Kernmarke VW lieferte im August weltweit 432.000 Autos aus und damit 8,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Auf die ersten acht Monate gerechnet ergibt sich damit ein Rückgang von 4,8 Prozent.

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