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11.03.2016

22:15 Uhr

Möglicher Strategieschwenk

Stutzt VW seine Ambitionen in Amerika?

VonThomas Jahn, Astrid Dörner

Die Pläne waren hochfliegend. Doch jetzt überlegt VW offenbar, sich aus dem Massengeschäft in den USA zurückzuziehen. Die Vertragshändler laufen Sturm, der Rücktritt von US-Chef Michael Horn passt ins Bild.

VW überlegt offenbar, aus dem Massengeschäft in den USA auszusteigen. Das sorgt für Unverständnis bei den Vertragshändlern. dpa

VW in den USA

VW überlegt offenbar, aus dem Massengeschäft in den USA auszusteigen. Das sorgt für Unverständnis bei den Vertragshändlern.

New YorkMan hätte eine Stecknadel fallen hören, als VW-Markenchef Herbert Diess vor knapp drei Monaten auf der Detroiter Motorshow einen unerwarteten Vorschlag machte: Muss VW unbedingt eine Massenmarke in Amerika werden? Könne man sich nicht auf gewinnträchtige Modelle wie SUVs konzentrieren?

Als die anwesenden Vertragshändler von VW ihre Sprache wiederfanden, sei die Empörung groß gewesen, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Es wäre eine komplette Umkehr der von Winterkorn ausgegebenen USA-Strategie, die lautete: wachsen, wachsen, wachsen.

Die juristischen Baustellen von VW

Aktionäre fordern Entschädigung

Die VW-Aktie stürzte nach dem Ausbruch der Abgas-Affäre ab, viele Anleger wollen sich ihre Verluste vom Unternehmen erstatten lassen. Ihr Argument: VW hätte deutlich früher über die Probleme informieren müssen, weil Kursabschläge drohten. Mittlerweile haben auch Großanleger entsprechende Klagen lanciert, darunter der größte US-Pensionsfonds Calpers und die Sparkassen-Fondstochter Deka. Der Vermögensverwalter AGI – eine Allianz-Tochter – erwägt die Teilnahme an einer Sammelklage. VW bekräftigte seine Auffassung, alle Pflichten befolgt zu haben.

Klagen einzelner VW-Besitzer

Weltweit wollen VW-Fahrer Schadenersatz einklagen. Das Landgericht Bochum urteilte in einem ersten deutschen Verfahren zwar, dass die Software-Manipulationen keine Pflicht zur Rücknahme der verkauften Autos nach sich ziehen. Manche Anwälte glauben jedoch, dies müsse noch keine Richtungsentscheidung sein. Enttäuschte VW-Kunden machen einen Wertverlust der Fahrzeuge geltend - etwa falls sich Leistungs- oder Verbrauchsdaten durch die notwendigen Umrüstungen verschlechtern. Volkswagen betonte allerdings mehrfach, alle betroffenen Autos seien „technisch sicher und fahrbereit“.

Sammelklagen

Viele Kanzleien buhlen darum, VW-Aktionäre und -Kunden vor Gericht vertreten zu dürfen. In den USA sind Sammelklagen ganz normal, in Deutschland können zumindest Aktionäre ein sogenanntes Musterverfahren beantragen. Dabei wird eine Klage verhandelt, an deren Ausgang sich dann andere Klagen orientieren. VW-Chef Matthias Müller hält das auch für ein Geschäftsmodell von Juristen: „Wir sehen dem ganz gelassen entgegen.“ Viele Autofahrer in Europa versuchen, ihre Verfahren über eine niederländische Stiftung bündeln zu lassen. Der US-Staranwalt Michael Hausfeld kündigte an, im Namen von Kunden und Unternehmen in Deutschland gegen den Konzern vorgehen zu wollen.

Klagen der US-Behörden

Zum Jahresbeginn hat das US-Justizministerium eine Klage gegen VW vorgelegt. Dabei geht es um die Manipulationen an Dieselautos, dem Konzern werden aber auch Tricksereien und Täuschung in der Aufarbeitung der Affäre vorgeworfen. Theoretisch drohen laut der Klageschrift 45 Milliarden Dollar Strafe plus eine möglicherweise milliardenschwere Zahlung im Ermessen des Gerichts. VW will sich mit Verweis auf die laufenden Verfahren nicht dazu äußern. Berichten zufolge weitete das Ministerium seine Ermittlungen nun auf den Verdacht auf Bankbetrug und mögliche Steuergesetzes-Verstöße aus. Volkswagens US-Chef Michael Horn trat überraschend zurück.

Betrugsanzeigen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nach den Manipulationen von Stickoxidwerten gegen inzwischen 17 Beschuldigte wegen Verdachts auf Betrug und unlauteren Wettbewerb. Darunter ist nach wie vor kein Vorstandsmitglied. Gegen mindestens fünf Personen wird seit dem Herbst wegen möglicher CO2-Falschangaben ermittelt. Der Vorwurf lautet hier vor allem auf Steuerhinterziehung, weil sich die deutsche Kfz-Steuer stark am CO2-Ausstoß orientiert. Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass es noch länger dauert, bis Ergebnisse vorliegen. VW will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Schon lange hat sich der Ärger aufgestaut. „Die Preise für die Autos sind zu hoch. Wir sind nicht Audi oder Mercedes“, kritisiert Alan Brown im Gespräch mit dem Handelsblatt. Brown ist der Präsident des amerikanischen Verbandes der VW-Händler und besitzt selbst zwei Autohäuser in Texas. Er fordert von Volkswagen ein Bekenntnis zur Massenmarke – mit niedrigeren Preisen, damit die Händler besser im Konkurrenzkampf gegen Toyota, Honda und Nissan bestehen können.

Der Konflikt dürfte kommende Woche erneut für Spannung sorgen. Am Sonntag fliegt Brown mit gut einem Dutzend anderer VW-Händler in die VW-Zentrale. Dort trifft sich das Dealer Product Council, ein Gremium, das mit dem Autobauer jährlich über die beste Produktstrategie berät. Die Veranstaltung ist so etwas wie eine konzerninterne Automesse, bei der die künftigen Modelle vorgestellt werden. „Wir müssen eine Marke mit hohem Volumen sein, das ist gut für die Händler und für den Hersteller“, stellt der Verbandschef klar.

Vertragshändler in den USA müssen wirtschaftlich unabhängig vom Konzern sein und spielen eine wichtige Rolle für den Autobauer. Die Amerikaner haben zudem eine starke Drohung in der Hinterhand: eine Sammelklage gegen VW. Nach dem Skandal um die Manipulation von Dieselmotoremissionen brach das Geschäft zusammen, die Händler könnten Entschädigung fordern. Brown sieht eine Klage aber als letztes Mittel: „Ich hoffe, dass die neue Führung unsere Bedenken aus dem Weg räumt“.

VW und Dieselgate: Vorstände wussten schon länger von Manipulationen

VW und Dieselgate

Vorstände wussten schon länger von Manipulationen

Francisco Javier Garcia Sanz ist bei VW für die Aufarbeitung der Folgen des Abgasskandals zuständig. Einem Bericht zufolge wusste er schon seit August von den Manipulationen. Er steht nicht alleine im Scheinwerferlicht.

Der Widerstand der 652 Händler gegen einen Strategieschwenk ist verständlich. Sie haben Geld in eine Massenmarke investiert, mit entsprechenden Showrooms und Verkaufsfläche. Aber Diess und andere VW-Manager können die Fakten kaum ignorieren: Vor allem SUVs und Pick-ups verkaufen sich in den USA gut, nicht zuletzt durch den sinkenden Benzinpreis. Konkurrent Fiat Chrysler beispielsweise konzentriert sich nach einer jüngsten Strategieneuausrichtung fast nur noch auf dieses Marktsegment. Es locken anders als bei Mittelklassewagen hohe Gewinnmargen.

In dem Zusammenhang erscheint der Rücktritt von US-Chef Michael Horn am Mittwoch im neuen Licht. Horn hatte großen Rückhalt bei den Vertragshändlern, die sich lautstark über sein Ausscheiden beschweren. Horn habe sich entschieden für die Massenmarkt-Strategie eingesetzt, sagt Brown. Die Marktanteile von VW liegen fast überall in der Welt sehr hoch. Nicht aber in den USA. Dabei ist das Land mit mehr als 17 Millionen verkauften Fahrzeugen nach China der zweitgrößte Automarkt der Welt. Der weiße Fleck auf der VW-Karte sollte ausgefüllt werden, als der ehemalige Vorstandschef Martin Winterkorn vor Jahren ein ambitioniertes Ziel setzte: Die Marke VW sollte 2018 800.000 Fahrzeuge in den USA verkaufen.

Treffen nach Horn-Rücktritt: US-Autohändler machen Druck auf VW

Treffen nach Horn-Rücktritt

US-Autohändler machen Druck auf VW

Nach dem Abgang von US-Chef Michael Horn fordern Autohändler, dass der Konzern schriftlich zu seinen gemachten Zusagen steht. Am Sonntag kommt es zum Aufeinandertreffen in Wolfsburg.

Aber der US-Boom der vergangenen Jahre ging an der Marke VW so gut wie vorbei. Statt einer Verdreifachung des Verkaufsvolumens fiel der Marktanteil aufgrund falscher Modelle, schlechter Preispolitik und dem Skandal um die Manipulation von Dieselmotoremissionen. Der Konzern habe seit Jahren die Preise für VW-Autos etwas unterhalb von Premiummarken wie Audi und Mercedes, aber deutlich über Toyota und Nissan angesetzt. „Doch das hat in den USA nicht funktioniert“, stellt Brown klar. Auch fordern die amerikanischen Kunden schneller neue Modelle.

Die Händler fordern eine schnelle Lösung. Denn während der US-Automarkt wächst und wächst, bewegen sich die Verkaufszahlen für VW nur in eine Richtung: nach unten.

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