Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.09.2016

22:17 Uhr

Monsanto und Bayer

Wette auf Agro

VonSiegfried Hofmann

Mit der Übernahme von Monsanto verlagert Bayer sein Geschäft auf die Agrarmärkte. Das ist Teil der Strategie des Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann – doch sie trägt mehrere Risiken. Ein Kommentar.

Bayer-Monsanto-Übernahme

Färbt Monsantos schlechtes Image auf Bayer ab?

Bayer-Monsanto-Übernahme: Färbt Monsantos schlechtes Image auf Bayer ab?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Es war ein hartes Stück Verhandlungsarbeit, aber am Ende hat es sich ausgezahlt. Sofern die Kartellbehörden nicht doch noch einen Strich durch die Rechnung machen, dürfte die heute unterzeichnete Fusionsvereinbarung mit Monsanto für Bayer den Weg zur Übernahme des amerikanischen Saatgutriesen ebnen. Bayer-Vorstandsvorsitzender Werner Baumann hat sich mit seiner geschickten und disziplinierten Strategie durchgesetzt und ist seinem Ziel, einen führenden integrierten Saatgut- und Pflanzenschutz-Konzern zu schaffen, einen Riesenschritt näher gekommen.

Dass er seine ursprüngliche Offerte von 122 Dollar je Monsanto-Aktie am Ende nur um knapp fünf Prozent aufstocken musste, kann man als klaren Erfolg für den Bayer-Chef werten. Immerhin waren die Befürchtungen anfangs groß, dass er Monsanto nur mit Preisen von deutlich mehr als 130 Dollar erobern könnte und der Gesamtpreis damit die nun vereinbarten rund 66 Milliarden Dollar noch übersteigen würde. Vor diesem Hintergrund ist die Erleichterung bei Investoren durchaus nachvollziehbar.

Milliardendeal mit ungewissem Ausgang

Welche Dimension hat der Deal?

Es ist die größte Übernahme durch einen deutschen Konzern. Mit einer Bewertung von 66 Milliarden Dollar (knapp 59 Milliarden Euro) stellt der Kauf selbst die später wieder aufgelöste „Hochzeit im Himmel“ zwischen den Autobauern Daimler und Chrysler aus dem Jahr 1998 und die Übernahme des US-Telekommunikationsanbieters Voicestream durch die Deutsche Telekom im Jahr 2000 in den Schatten.

Was treibt den deutschen Konzern?

Durch den Zusammenschluss werden die Leverkusener auf einen Schlag zur Nummer eins auf den Märkten für Saatgut und Pflanzenschutz aufsteigen. Bayer sichert sich nicht nur wichtige Schlüsseltechnologien etwa bei genverändertem Saatgut, sondern kann auch von Monsantos führender Rolle beim sogenannten „digital farming“ – der Nutzung digitaler Techniken für die Landwirtschaft – profitieren.

Aber rechtfertigt das den hohen Preis?

Bayer-Chef Werner Baumann glaubt: Ja. Der Manager sieht angesichts der schnell wachsenden Weltbevölkerung enorme Wachstumschancen im Agrarbereich. Schließlich müssten bis 2050 drei Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden. Außerdem müsse die Menschheit die Folgen der Klimaerwärmung auf die Landwirtschaft in den Griff bekommen. Auch hier könnten Bayer und Monsanto zusammen wegweisende Antworten geben.

Und was spricht gegen die Übernahme?

Zum einen das schlechte Image von Monsanto. Der US-Biotechnologiekonzern steht in Europa seit Jahren wegen seiner gentechnisch veränderten Produkte in der Kritik. Außerdem vertreibt Monsanto den Unkrautvernichter Glyphosat, der im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Doch ist Baumann überzeugt, die Reputationsprobleme in den Griff bekommen zu könne. Kritiker monieren außerdem die künftige Marktmacht von Bayer und Monsanto - diese gehe zu Lasten von Landwirten und Verbrauchern.

Welche Risiken beinhaltet die Übernahme sonst noch?

Im Wesentlichen sehen die Experten zwei große Herausforderungen: Zum einen die unterschiedlichen Firmenkulturen. Das Beispiel Daimler-Chrysler hat gezeigt, dass auch mit großen Vorschusslorbeeren versehene transatlantische Firmenbündnisse scheitern können. Zum anderen ist der hohe Kaufpreis eigentlich nur zu rechtfertigen, wenn der zuletzt schwächelnde Markt für Saatgut und Agrarchemikalien in den nächsten Jahren einen kräftigen Aufschwung erlebt. Doch ob dies wirklich zu erwarten ist, darüber sind Branchenkenner durchaus unterschiedlicher Meinung.

Die Übernahme ist also ein Risiko?

Das auf jeden Fall. Aber sie ist auch eine Chance für den Konzern. Denn sie rundet den Umbau von Bayer vom chemisch-pharmazeutischen Mischkonzern zum Spezialisten rund um die Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze ab.

Welche Rolle spielt die Verschuldung?

Die Mega-Übernahme wird die Verschuldung der Leverkusener zumindest kurzfristig kräftig in die Höhe treiben. Angesichts der globalen Niedrigzinsen und eines erwarteten robusten Barmittelzuflusses aus dem laufenden Geschäft erscheint dies vielen Experten aber tragbar.

Ist die milliardenschwere Übernahmen jetzt endgültig unter Dach und Fach?

Noch nicht ganz. Zwar hat die Monsanto-Führung jetzt eine bindende Fusionsvereinbarung unterzeichnet, doch auch die Aktionäre von Monsanto müssen dem Geschäft noch zustimmen und sich bereit erklären, ihre Aktien zum von Bayer gebotenen Preis von 128 Dollar je Aktie zu verkaufen. Allerdings gilt dies als sehr wahrscheinlich. Immerhin bedeutet das Angebot einen Aufschlag von 44 Prozent gegenüber dem Kurs vor Bekanntwerden der Bayer-Übernahmepläne. Außerdem müssen die Kartellbehörden noch grünes Licht geben.

Und was sagen die Behörden?

Trotz der schieren Größe dürfte die geplante Übernahme bei den Kartellbehörden auf vergleichsweise wenig Widerstand stoßen. So ist Monsanto vor allem in Amerika stark, Bayer in Europa und Asien, ein Monopol droht dort daher kaum. Nur bei einzelnen Agrargütern wie Mais könnten Überlappungen die Wettbewerbshüter auf den Plan rufen. Sie dürften aber wohl nur bei einzelnen Produkten Anpassungen verlangen, erwarten Experten.

Bei allem Aufatmen über die Konditionen sollte man indessen nicht übersehen, dass es sich letztlich nur um einen Etappensieg für Baumann und seine Führungscrew handelt – und dies nicht nur, weil die kartellrechtlichen Genehmigungen noch ausstehen.

Erst in den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob Bayer aus der Transaktion tatsächlich die versprochenen operativen und finanziellen Vorteile herausholen kann. Die Integration von Monsanto wird komplexer sein als alles, was Bayer bisher bewältigt hat.

Und noch gravierender erscheint die Frage, ob Bayer damit tatsächlich in die richtige Richtung marschiert. Das Gewicht des Leverkusener Konzerns verlagert sich in Richtung Agrogeschäft. Es wird künftig ähnlich groß sein wie die beiden Gesundheitssparten Pharma und Consumer Health zusammen. Das alles passt zwar im Prinzip zur Lifescience-Strategie, die sich Bayer auf die Fahnen geschrieben hat. Dennoch wird sich der Konzern in seiner Grundausrichtung verändern.

Bayer kauft Monsanto: Der 66-Milliarden-Dollar-Deal ist fix

Bayer kauft Monsanto

Der 66-Milliarden-Dollar-Deal ist fix

Es ist die größte Übernahme, die ein deutsches Unternehmen je getätigt hat: Bayer kauft den US-Saatguthersteller Monsanto für knapp 66 Milliarden Dollar. Was sagen nun die Kartellbehörden?

Dadurch besteht die Gefahr, dass die aufstrebende Pharmasparte von Bayer längerfristig unter dem Agro-Kraftakt leiden wird. Denn zum einen wird die Bayer-Führung in den nächsten Jahren enorm von der Integration des Monsanto-Konzerns beansprucht werden. Das birgt das Risiko, dass sie die Herausforderungen im Pharmabereich vernachlässigt.

Zum anderen steht der Konzern nun vor beachtlichen finanziellen Herausforderungen. Er muss eine Mammut-Kapitalerhöhung im Volumen von fast 17 Milliarden Euro stemmen, und trotzdem wird die Verschuldung durch die Monsanto-Übernahme theoretisch zunächst auf fast 60 Milliarden Euro steigen. Selbst nach dem geplanten Komplettverkauf der Kunststofftochter Covestro dürfte sie noch bei etwa 50 Milliarden Euro liegen.

Zwar dürften die Monsanto-Erträge den erhöhten Zinsaufwand mühelos abdecken. Dennoch wird sich Baumann auf Jahre hinaus stark auf Cash-Generierung konzentrieren müssen. Das engt den strategische Spielraum enorm ein, nötige Investitionen in anderen Segmenten werden womöglich vernachlässigt, weitere Desinvestitionen könnten erforderlich werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×