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16.02.2017

13:31 Uhr

Motoren-Werk

Siemens streicht viele Jobs in Tübingen

Siemens will in Tübingen mehr als die Hälfte der Jobs streichen. Die Montage von Motoren wird dabei komplett nach Tschechien verlagert. Die Belegschaft steht unter Schock, spontan kam es zu einer Kundgebung.

Der Konzern reduziert die Zahl der Mitarbeiter in Tübingen bis Frühjahr 2020 von derzeit 580 auf 250. dpa

Siemens

Der Konzern reduziert die Zahl der Mitarbeiter in Tübingen bis Frühjahr 2020 von derzeit 580 auf 250.

TübingenDer Elektrokonzern Siemens will an seinem Standort in Tübingen mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze streichen. Die Montage von Motoren soll komplett nach Tschechien verlagert, ein Teilbereich an Zulieferer gegeben werden. Das Getriebemotorengeschäft schreibe seit längerem deutliche Verluste, hieß es vom Konzern am Donnerstag zur Begründung. Der Bereich habe mit Größennachteilen gegenüber Wettbewerbern wie etwa SEW Eurodrive in Bruchsal zu kämpfen. Die Zahl der Mitarbeiter soll deshalb bis Frühjahr 2020 von derzeit 580 auf 250 reduziert werden.

Die Belegschaft war am Donnerstag informiert worden. Die Mitarbeiter reagierten nach Gewerkschaftsangaben schockiert. Bei der Mitarbeiterversammlung hätten einige Tränen in den Augen gehabt, spontan hätten sie sich zu einer Kundgebung vor dem Werk versammelt.

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Siemens schließt sein Werk im dänischen Engesvang. Der Dax-Konzern hat dort bisher Rotorblätter für Windturbinen hergestellt. Der Standort kann aber nicht für den Bau größerer Flügel erweitert werden.

Die erste Bevollmächtigte der IG Metall Reutlingen-Tübingen, Tanja Grzesch, reagierte mit Unverständnis auf die Ankündigung. Betriebsräte und Gewerkschaft hätten in der Vergangenheit immer wieder auf erhebliches Verbesserungspotenzial für den Bereich hingewiesen und sich gesprächsbereit gezeigt. Obwohl der Konzern betonte, der Standort werde nicht geschlossen, macht sich Grzesch Sorgen um die Zukunft des Werks in Tübingen.

Die Sparte, die derzeit leistungsstarke Motoren für die Rohstoffindustrie und Fabrikautomatisierung herstellt, soll sich stärker auf die Fördertechnik ausrichten, die in der Autoindustrie und im Maschinenbau zu Einsatz kommt. Das traditionsreiche Werk war erst 2005 von Siemens übernommen worden. Das Getriebemotorengeschäft gehört eigentlich zur zukunftsträchtigen Sparte Digitale Fabrik von Siemens, kämpft aber bereits seit Jahren mit roten Zahlen. Der Wettbewerbs- und Preisdruck habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft, hieß es vom Unternehmen.

Der Betriebsrat will den Stellenabbau allerdings nicht kampflos schlucken. Der Betriebsratsvorsitzende Ismayil Arslan will versuchen, den Verlust von Arbeitsplätzen in den Verhandlungen abzumildern. Siemens will nach eigenen Angaben einen Interessensausgleich und Sozialplan verhandeln. Möglichkeiten seien Altersteilzeit-Regelungen, Versetzungen innerhalb des Konzerns, aber auch freiwillige Aufhebungsverträge und Weiterbildung. Die Verhandlungen sollen zeitnah beginnen.

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.

Unter Führung von Konzernchef Joe Kaeser hat Siemens in den vergangenen Jahren einen radikalen Wandel durchlaufen, bei dem auch Tausende Jobs wegfielen. Kaeser hatte den Umbau zwar für abgeschlossen erklärt, zugleich aber deutlich gemacht, dass das Unternehmen reagieren müsse, wenn es in einzelnen Geschäften Handlungsbedarf gebe.

Zuletzt strich Siemens in der Sparte Prozessindustrie und Antriebe an mehreren deutschen Standorten - vor allem in Bayern - rund 1700 Stellen. Diese baut etwa Getriebe, Motoren, Antriebe und Kupplungen für die Öl-, Gas- und Bergbauindustrie. Die Einschnitte hatte Siemens vor allem mit der Nachfrageflaute in der Öl- und Gasbranche begründet. Der Konzern beschäftigt in Deutschland insgesamt 113.000 Mitarbeiter, davon gut 10.000 in Baden-Württemberg, unter anderem in Stuttgart, Karlsruhe oder Mannheim.

Von

dpa

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