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16.02.2016

12:31 Uhr

MTU legt zu

A320neo schiebt Geschäft des Triebwerksbauers an

Der Triebwerksbauer MTU macht deutlich mehr Gewinn, auch wenn das Umsatzziel verfehlt wird. Das MDax-Unternehmen profitiert dabei von der Verspätung des neuen Airbus-Mittelstreckenjets A320neo.

Dank des Wartungsgeschäfts steigen die Gewinne. dapd

Triebwerk von MTU

Dank des Wartungsgeschäfts steigen die Gewinne.

MünchenBoomende Geschäfte mit der Wartung ziviler Flugzeugantriebe und der starke Dollar schieben den Triebwerksbauer MTU an. Der Überschuss stieg im vergangenen Jahr mit 21 Prozent auf 307 Millionen Euro stärker als geplant, wie MTU am Dienstag mitteilte. „Umsatz und Gewinn sind höher als je zuvor“, sagte Vorstandschef Reiner Winkler in München. Allerdings blieb das Umsatzwachstum 2015 wegen der Verzögerung bei Triebwerksauslieferungen hinter den Erwartungen zurück. Für das laufende Jahr rechnet Winkler mit einem beschleunigten organischen Wachstum. „Die durchweg positiven Marktindikatoren erlauben es uns, die Messlatte für 2016 wieder ein Stück höher zu legen.“

Der Münchner Konzern profitiert davon, dass die Flugzeugbauer besonders jene Modelle gut verkaufen, an deren Triebwerken MTU beteiligt ist. Darunter sind Großraumflieger wie Airbus A380 und Boeing 787 Dreamliner sowie die Mittelstreckenmaschinen der Reihe A320neo. Zudem wachse der Markt für diejenigen Triebwerke, die MTU bei Kunden instand halte, überdurchschnittlich stark, erklärte Winkler. Das Wartungsgeschäft mit Zivilmaschinen blieb mit einem Umsatzanstieg von 22 Prozent auch 2015 der Wachstumstreiber des Konzerns. Dass die Aufträge in Dollar abgerechnet werden, verlieh MTU in Euro zusätzlichen Schub.

Zugute kam MTU, dass die Auslieferung des A320neo erst 2016 anlief. Triebwerkshersteller verdienen inzwischen vor allem an Ersatzteilen und Wartung und weniger an Triebwerken für neue Flugzeuge.

Chancen und Risiken des deutschen Maschinenbaus

Rückgrat der deutschen Wirtschaft

Mit mehr als einer Million Beschäftigten gilt der Maschinen- und Anlagenbau als größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland. Doch die Zeit rasanter Zuwächse scheint für die mittelständisch geprägte Schlüsselindustrie erst einmal vorbei. Die Branche sieht sich einem Mix aus Chancen und Problemen gegenüber.

Quelle: dpa

Bremseffekt China

Die Schwäche wichtiger Märkte wie China bremst die extrem exportorientierten Maschinen- und Anlagenhersteller erheblich, denn das Riesenreich ist ein gewaltiger Absatzmarkt für Maschinen „Made in Germany“. Doch die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sind vorbei. So rechnet der Branchenverband VDMA mit einen Ausfuhr-Rückgang um 6 Prozent auf gut 16 Milliarden Euro im Jahr 2015.

Bremseffekt Russland

Die seit 2014 wirksamen Sanktionen gegen Putins Reich haben in den Bilanzen der deutschen Maschinenbauer deutliche Spuren hinterlassen. 2015 sollte der Maschinen-Export dorthin nach Schätzungen nur noch rund 5 Milliarden Euro betragen, fast 3 Milliarden Euro weniger als zwei Jahre zuvor. In der Tabelle der Exportmärkte fiel Russland von Rang 4 auf Platz 10 zurück.

Entlastung und Risiko Ölpreis (1)

Der Absturz des Ölpreises senkt die Energiekosten bei der Produktion. Zugleich setzt er die Ölindustrie als Kunden der Maschinenbauer unter Druck. Die Folge: Investitionen werden verschoben. Komplizierte und daher teure Förderprojekte werden auf Eis gelegt.

Entlastung und Risiko Ölpreis (2)

Das Wartungsgeschäft entwickle sich dagegen robust, sagte Siemens-Chef Joe Kaeser jüngst. Weil der Verbrauch steige, müsse mehr Öl durch Pipelines gepumpt werden, wovon Siemens mit Ersatzteilen für Pumpen und Kompressoren profitieren könne. Siemens hatte 2014 den US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand gekauft.

Rückenwind Euro

Durch den Kurs-Rückgang der Gemeinschaftswährung werden deutsche Produkte auf dem Weltmarkt tendenziell billiger. Das kann die Nachfrage ankurbeln. Insbesondere auf dem US-Markt sind deutsche Maschinen dadurch preislich im Moment sehr konkurrenzfähig. Auch im Euro-Binnenmarkt lief es zuletzt wegen des Nachholbedarfs besser.

Hoffnung Iran

Das Land hat nach dem Ende der Sanktionen großen Nachholbedarf, es fehlt überall an modernen Maschinen, Anlagen und Komponenten. Daher hofft die Branche auf steigende Nachfrage aus dem traditionell eng mit der deutschen Wirtschaft verknüpften Land. Wichtig ist dabei aus Sicht der Maschinenbauer ein sicheres Finanzwesen - ohne das Risiko, für am Ende doch nicht erlaubte Geschäfte belangt zu werden, etwa von US-Behörden. Der niedrige Ölpreis limitiert zudem die Finanzen der Islamischen Republik, wo auch Konkurrenten wie Frankreich, Italien und China unterwegs sind.

Hoffnung TTIP (1)

In den Verhandlungen zwischen den USA und der Europäischen Union ist dem Maschinenbau ein eigenes Kapitel vorbehalten. Der VDMA verspricht sich einen deutlich verbesserten Zugang zum US-Markt. Die Zölle für Einfuhren seien zwar prozentual eher niedrig, belaufen sich laut Verbandsschätzung für den Maschinenbau aber trotzdem auf hunderte Millionen Euro im Jahr.

Hoffnung TTIP (2)

Noch wichtiger wäre den Unternehmen der Wegfall anderer Handelshemmnisse, wenn es zum Beispiel um unterschiedliche Normen für Stecker, Kabel oder Gewinde geht. Derzeit verteuere die Umrüstung und notwendige Zertifizierung in den USA die deutschen Produkte um 5 bis 20 Prozent.

Hoffnung Afrika

Der afrikanische Kontinent gilt trotz aller Probleme als wachsender Exportmarkt mit Zukunft. Vor allem Länder südlich der Sahara streben nach VDMA-Einschätzung danach, Technologie für den eigenen wirtschaftlichen Fortschritt und die Etablierung einer verarbeitenden Industrie einzukaufen. Man wolle die eigenen Bodenschätze und Agrarprodukte im Land selbst verarbeiten. Allerdings ist bei den dafür notwendigen Maschinen die Konkurrenz groß: Vor allem die Chinesen haben sich große Marktanteile gesichert, aber auch Italien und die USA lagen zuletzt vor den deutschen Anbietern.

Das Umsatzwachstum blieb im abgelaufenen Jahr allerdings hinter den Markterwartungen und auch hinter dem eigenen Ziel zurück. In Aussicht gestellt hatte Winkler noch im Herbst 4,6 Milliarden Euro. Weil sich aber die Auslieferung von Triebwerken verschob, kann MTU einzelne Aufträge erst 2016 abrechnen und fuhr deshalb 2015 lediglich ein Umsatzplus von 13 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro ein. Zur Begründung nannte Winkler logistische Probleme beim Partnerkonzern Pratt & Whitney.

Die Umsatzentwicklung überschattete am Aktienmarkt die ansonsten positiv bewertete Bilanz. Die MTU-Titel brachen um sechs Prozent auf 76 Euro ein und waren damit Schlusslicht im Nebenwerte-Index MDax. Auf den Umsatz werde derzeit besonders geachtet, sagte ein Börsianer. DZ-Bank-Analyst Alexander Hauenstein sprach dagegen von überzeugenden Zahlen. „Wir sehen Aufwärtspotenzial bis zu unserem fairen Wert von 100 Euro.“ Im laufenden Jahr hat die MTU-Aktie ähnlich stark verloren wie der gesamte MDax.

Für 2016 stellte Winkler ein Umsatzwachstum um vier bis sechs Prozent auf 4,6 bis 4,7 Milliarden Euro in Aussicht. Die Gewinne sollten in gleichem Maße steigen. Dem liege ein Kurs von 1,10 Dollar je Euro zugrunde, mit nennenswerten Wechselkurseffekten rechne er nicht mehr, sagte der Vorstandschef. Damit werde das Wachstum aus eigener Kraft im laufenden Jahr stärker ausfallen als bisher. 2015 habe der Konzern vor Währungseinflüssen um zwei bis drei Prozent zugelegt. Der Auftragsbestand kletterte im Schlussquartal nochmals, so dass MTU nun für fast drei Jahre ausgelastet ist.

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