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20.04.2012

15:25 Uhr

Mythos CSR

Zulieferer gefährden den Ruf ihrer Kunden

VonSusanne Bergius

In der EU droht ein Konflikt um Berichtspflichten. Die Bundesregierung sträubt sich gegen Vorschriften für mehr Nachhaltigkeit im Kerngeschäft – viele Ökonomen plädieren dafür.

Die EU-Kommission plant eine Berichtspflicht zu CSR für Firmen ab einer bestimmten Größe. dapd

Die EU-Kommission plant eine Berichtspflicht zu CSR für Firmen ab einer bestimmten Größe.

BerlinDer Klappentext ist widersprüchlich: „Corporate Social Responsibility (CSR) ist zu einer Bewegung geworden“, heißt es zur Einstimmung auf das im vergangenen Jahr erschienene Buch „Deutsche CSR“. Und: „CSR ist eine sehr große Innovation.“ Gleichzeitig steht dort auch: Die CSR-Ausrichtung von Unternehmen sei „eine einzige Baustelle“. Ja was denn nun?

Wer das von einem Wissenschaftsverlag herausgegebene Werk aufschlägt, findet eine Reihe von Selbstdarstellungen. Da schildert etwa eine Hyundai-Importfirma, wie sie bundesweit Straßenfußballturniere startete. Solch bürgerschaftliches Engagement hat aber selbst bei der wenig strengen Definition der Bundesregierung nichts mit CSR zu tun: Das Kürzel stehe für „eine nachhaltige Unternehmensführung im Kerngeschäft ... über gesetzliche Anforderungen hinaus“.

Treffender beschreibt das Buch „Mythos CSR“, wie es um die Unternehmensverantwortung bestellt ist. Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftler schildern Arbeitsbedingungen sowie freiwillige Maßnahmen von Firmen. Demnach sind massive Verletzungen von Sozial- und Umweltstandards in Lieferketten gängig. Auch Apple geriet in schlechtes Licht, als Inspektoren beim Zulieferer Foxconn in China die Arbeitsbedingungen scharf kritisierten. Von einer CSR-Bewegung kann also mitnichten die Rede sein – von einer Baustelle schon eher.

Strategische Defizite

CSR ist keinesfalls üblich, wie es die Staatssekretäre der Bundesministerien für Wirtschaft, für Arbeit und Soziales sowie für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung auf ihrer CSR-Konferenz im Dezember in Berlin behaupteten. Denn erst 500 bis 1000 der 42000 Konzerne in der EU betreiben CSR strategisch, kritisiert Pedro Ortún-Silván, Direktor in der Generaldirektion „Unternehmen und Industrie“ der EU-Kommission.

Fast 60 Prozent der von der unabhängigen Ratingagentur Oekom Research zu Nachhaltigkeitsleistungen analysierten 3100 Unternehmen aus mehr als 50 Staaten sind kaum oder gar nicht aktiv, nur 17 Prozent erfüllen die branchenspezifischen Mindestanforderungen. Selbst bei Unterzeichnern der UN-Initiative Global Compact bestehen derart beträchtliche Defizite, so dass sie gut 3100 Unternehmen ausgeschlossen hat. Derzeit zählt sie 6800 Mitglieder in rund 100 Ländern – davon 200 in Deutschland.

Abschied von der Freiwilligkeit

Viele Schritte sind nötig, damit Firmen ihrer „Verantwortung für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“ gerecht werden – so definiert die EU-Kommission CSR seit Oktober 2011. Sie macht unmissverständlich klar, dass nicht gesellschaftliches Engagement generell gemeint ist, sondern verantwortliches Management des Kerngeschäfts. Die Kommission spricht bewusst nicht mehr von Freiwilligkeit.

Es gilt, CSR strategisch anzupacken. Wie das funktioniert, zeigt die Otto Group. Der Versandhändler hat die Zahl nachhaltig hergestellter Produkte zuletzt um die Hälfte auf knapp 4 500 erhöht und geht Partnerschaften mit Markenherstellern und Händlern ein, die nachhaltige Sortimente anbieten.

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