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07.06.2016

17:25 Uhr

Nach Abgas-Skandal

Fahrplan für VW-Zukunftspakt steht

Der VW-Konzern wird kräftig durchgeschüttelt – nicht nur wegen der direkten Folgen der Abgaskrise. Mehr Effizienz und eine neue Struktur müssen her. Gelingt der Spagat zwischen Spardruck und Innovationen?

Für Volkswagen gilt es, „schlanker, agiler, wettbewerbsfähiger“ zu werden. dpa

Volkswagen in Wolfsburg

Für Volkswagen gilt es, „schlanker, agiler, wettbewerbsfähiger“ zu werden.

WolfsburgBei Volkswagen steht jetzt der vollständige Fahrplan für den Zukunftspakt über Jobsicherheit und künftige Schwerpunkte der einzelnen Werke. Der Betriebsrat und das Unternehmen wollen die Debatte über die Aufstellung der Marke VW-Pkw im Sommer fortführen und bis zur nächsten Budget-Planungsrunde im Herbst abgeschlossen haben. Das teilte VW am Dienstag im Stammwerk Wolfsburg zu einer Betriebsversammlung von rund 20.000 Beschäftigten mit.

Personalvorstand Karlheinz Blessing warnte vor einer problematischen Situation: „Finanzstarke Wettbewerber aus der IT- und Softwarebranche dringen in den Automobilsektor ein, zugleich ist Volkswagen durch die Dieselthematik finanziell belastet und muss massiv in E-Mobilität und Digitalisierung investieren.“

Daher gelte es umso mehr, „schlanker, agiler, wettbewerbsfähiger“ zu werden. „Die Ergebnisentwicklung der Marke Volkswagen reicht für die Bewältigung der anstehenden Aufgaben nicht aus. Wir müssen Produktivität und Profitabilität steigern und Kosten senken“, betonte Blessing.

Die juristischen Baustellen von VW

Aktionäre fordern Entschädigung

Die VW-Aktie stürzte nach dem Ausbruch der Abgas-Affäre ab, viele Anleger wollen sich ihre Verluste vom Unternehmen erstatten lassen. Ihr Argument: VW hätte deutlich früher über die Probleme informieren müssen, weil Kursabschläge drohten. Mittlerweile haben auch Großanleger entsprechende Klagen lanciert, darunter der größte US-Pensionsfonds Calpers und die Sparkassen-Fondstochter Deka. Der Vermögensverwalter AGI – eine Allianz-Tochter – erwägt die Teilnahme an einer Sammelklage. VW bekräftigte seine Auffassung, alle Pflichten befolgt zu haben.

Klagen einzelner VW-Besitzer

Weltweit wollen VW-Fahrer Schadenersatz einklagen. Das Landgericht Bochum urteilte in einem ersten deutschen Verfahren zwar, dass die Software-Manipulationen keine Pflicht zur Rücknahme der verkauften Autos nach sich ziehen. Manche Anwälte glauben jedoch, dies müsse noch keine Richtungsentscheidung sein. Enttäuschte VW-Kunden machen einen Wertverlust der Fahrzeuge geltend - etwa falls sich Leistungs- oder Verbrauchsdaten durch die notwendigen Umrüstungen verschlechtern. Volkswagen betonte allerdings mehrfach, alle betroffenen Autos seien „technisch sicher und fahrbereit“.

Sammelklagen

Viele Kanzleien buhlen darum, VW-Aktionäre und -Kunden vor Gericht vertreten zu dürfen. In den USA sind Sammelklagen ganz normal, in Deutschland können zumindest Aktionäre ein sogenanntes Musterverfahren beantragen. Dabei wird eine Klage verhandelt, an deren Ausgang sich dann andere Klagen orientieren. VW-Chef Matthias Müller hält das auch für ein Geschäftsmodell von Juristen: „Wir sehen dem ganz gelassen entgegen.“ Viele Autofahrer in Europa versuchen, ihre Verfahren über eine niederländische Stiftung bündeln zu lassen. Der US-Staranwalt Michael Hausfeld kündigte an, im Namen von Kunden und Unternehmen in Deutschland gegen den Konzern vorgehen zu wollen.

Klagen der US-Behörden

Zum Jahresbeginn hat das US-Justizministerium eine Klage gegen VW vorgelegt. Dabei geht es um die Manipulationen an Dieselautos, dem Konzern werden aber auch Tricksereien und Täuschung in der Aufarbeitung der Affäre vorgeworfen. Theoretisch drohen laut der Klageschrift 45 Milliarden Dollar Strafe plus eine möglicherweise milliardenschwere Zahlung im Ermessen des Gerichts. VW will sich mit Verweis auf die laufenden Verfahren nicht dazu äußern. Berichten zufolge weitete das Ministerium seine Ermittlungen nun auf den Verdacht auf Bankbetrug und mögliche Steuergesetzes-Verstöße aus. Volkswagens US-Chef Michael Horn trat überraschend zurück.

Betrugsanzeigen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nach den Manipulationen von Stickoxidwerten gegen inzwischen 17 Beschuldigte wegen Verdachts auf Betrug und unlauteren Wettbewerb. Darunter ist nach wie vor kein Vorstandsmitglied. Gegen mindestens fünf Personen wird seit dem Herbst wegen möglicher CO2-Falschangaben ermittelt. Der Vorwurf lautet hier vor allem auf Steuerhinterziehung, weil sich die deutsche Kfz-Steuer stark am CO2-Ausstoß orientiert. Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass es noch länger dauert, bis Ergebnisse vorliegen. VW will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Die Kernmarke um Golf und Passat leidet seit Jahren unter einer im Branchenvergleich schwachen Rendite. Im Schlussquartal 2015 war sie sogar in die Verlustzone gerutscht, im Startquartal 2016 war der Sprung zurück in die schwarzen Zahlen nur knapp geglückt.

VW-Markenchef Herbert Diess sagte der Deutschen Presse-Agentur, man dürfe keine Zeit verlieren. „Wir sind dieser Entwicklung nicht ausgeliefert, noch haben wir unsere Zukunft selbst in der Hand.“ Diess lenkt die Pkw-Kernmarke seit dem vergangenen Sommer. Für den Zukunftspakt wurden nun insgesamt sieben Arbeitsgruppen gebildet.

Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh hob hervor: „Im Zukunftspakt werden wir darauf achten, dass der Wandel nicht zulasten der Beschäftigten geht. Neue Aufgaben werden entstehen, mit ihnen neue Arbeitsplätze. Alte Aufgaben werden dafür entfallen.“ Die Arbeitnehmervertreter erwarteten daher, „dass der Zukunftspakt als wesentlichen Baustein einen umfassenden Qualifizierungsplan enthält“.

So müsse gewährleistet sein, dass die Belegschaften – von Entwicklern über Bandarbeiter bis hin zum Vertrieb und den VW-eigenen Zulieferern – „den Weg in die digitale und elektrische Zukunft gehen können“.

Zudem erwarte der Betriebsrat konkrete Zusagen für Investitionen, Produkte und Stückzahlen, „denn diese Faktoren entscheiden über die Sicherheit der Arbeitsplätze bei Volkswagen“, sagte Osterloh. Die absehbaren Veränderungen in der Autobranche bedeuteten einen riesigen Kraftakt.

Von

dpa

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