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16.08.2013

15:19 Uhr

Nach Druck der Regierung

Roche nimmt Patentantrag in Indien zurück

Das indische Patentamt legt dem Pharmakonzern Roche Steine in den Weg: Das Unternehmen rudert nun bei der Markteinführung eines Brustkrebsmedikaments zurück. Die meisten Inder können sich westliche Arznei nicht leisten.

Die Entwicklung eines Krebsmedikaments in Indien ist vorerst auf Eis gelegt. dpa

Die Entwicklung eines Krebsmedikaments in Indien ist vorerst auf Eis gelegt.

ZürichDer Druck der indischen Regierung auf ausländische Pharmakonzerne bei Arznei-Patenten hat auch Folgen für Roche. Der Schweizer Konzern wird einen Patentantrag für das Brustkrebsmedikament Herceptin in Indien nicht weiterverfolgen, wie ein Roche-Sprecher am Freitag erklärte. Ein indisches Patentamt hatte den Roche-Antrag Anfang des Monats mit der Begründung abgelehnt, er sei nicht korrekt eingereicht worden.

Im Frühjahr hatte der Branchenrivale Novartis einen Patentstreit in Indien um sein Krebsmedikament Glivec bis vor das höchste Gericht gezogen und dann verloren. Das Medikament sei keine „Neuheit” im Sinne des indischen Patentgesetzes, urteilte der Oberste Gerichtshof.

Indien gehört mit einem Marktvolumen von schätzungsweise 13 Milliarden Dollar zu den 15 wichtigsten Pharma-Märkten der Welt. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung kann sich westliche Medikamente aber nicht leisten. Die Regierung fördert deshalb billige Nachahmerprodukte (Generika) oder Medikamente, die ähnlich sind (Biosimilars). Das geht aber nur, wenn die Arzneimittel in Indien keinen vollen Patentschutz in Anspruch nehmen können. Ähnlich wie den Schweizern erging es auch schon dem Bayer-Konzern und GlaxoSmithKline. Auch sie mussten Einschränkungen des Patentschutzes hinnehmen.

Pharmabranche an der Patentklippe

Wichtige Patente laufen aus

Die Pharmabranche steht vor schwierigen Zeiten: Nach Einschätzung des Beratungsunternehmens Accenture werden bis zum Jahr 2015 rund 50 Blockbuster ihren Patentschutz verlieren – das sind Arzneien, die für mindestens eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr sorgen. Die Originalprodukte verlieren nach Patentablauf in der Regel massiv Marktanteile an die deutlich preisgünstigeren Nachahmer-Produkte der Generikahersteller.

Cholesterinsenker und Blutverdünner

Betroffen sind die Medikamente etlicher Pharmakonzerne. Etwa der Cholesterinsenker Lipitor, mit dem Pfizer einst mehr als 12 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr machte. Oder der Blutverdünner Plavix, der Sanofi und Bristol-Myers Squibb 2011 mehr als neun Milliarden Dollar in die Kassen spülte. Auch das Asthma-Mittel Singulair von Merck verliert seinen Schutz.

Generikahersteller profitieren

Von Ablauf der Patente profitieren die Hersteller von Generika: Sie dürfen die Arzneien kopieren und zu günstigen Preisen verkaufen. Das dämpft die Kosten – auch die Patienten profitieren davon.

Probleme mit dem Nachschub

Der Pharma-Industrie fällt es immer schwere, neue Blockbuster-Medikamente zu entwickeln. Das hat mit den strikteren Zulassungsbedingungen und den schärferen Kontrollen der Behörden zu tun. Ein Beispiel: Der deutsche Hersteller Merck stoppte das Multiple-Sklerose-Medikament Cladribin, weil es in mehreren Ländern keine Zulassung bekam.

Indien greift in solchen Fällen zu sogenannten Zwangslizenzen. Das bedeutet, dass ein indischer Hersteller ein billige Nachahmerversion eines Medikaments herstellen darf und sechs bis acht Prozent vom Umsatz als Lizenzgebühr abführt. Roche versucht seit dem vergangenen Jahr in Indien einen Mittelweg: Im Zusammenarbeit mit einem örtlichen Produzenten werden Herceptin und andere Medikamente zu reduzierten Preisen angeboten. Die Auswirkungen dieses Programms würden derzeit untersucht, erklärte der Roche-Sprecher weiter. Weltweit nahm Roche mit Herceptin-Verkäufen im ersten Halbjahr mehr als drei Milliarden Franken ein.

Von

rtr

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