Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.06.2016

11:30 Uhr

Neue Hoffnung für Elektroautos

Aussicht auf Staatsprämie lockt Käufer

VonStefan Menzel

Das Interesse der Autofahrer am Elektroauto steigt plötzlich wieder. Auslöser dürfte die angekündigte staatliche Kaufprämie sein. Doch noch fließt das Geld nicht.

Die staatliche Prämie scheint erste Wirkung zu zeigen. dpa

Interesse an E-Autos steigt

Die staatliche Prämie scheint erste Wirkung zu zeigen.

DüsseldorfEs ist ein zartes Pflänzchen, das noch deutlich größer werden könnte. Der Beschluss der Bundesregierung, den Kauf von Elektroautos mit einer staatlichen Prämie zu fördern, scheint zumindest erste Wirkung zu zeigen. Autohersteller verzeichnen ein deutlich gesteigertes Kundeninteresse am Elektroauto. Im Mai hatte die Große Koalition in Berlin ein milliardenschweres Förderprogramm für die bislang noch kaum auf deutschen Straßen präsenten Elektrovehikel beschlossen.

„Bei uns im Showroom ist die Hölle los“, sagt Jochen Rudat, der sichtlich erfreute Chef von Tesla Deutschland, zur jüngsten Geschäftsentwicklung. Der deutsche Ableger des amerikanischen Elektroautoherstellers steht mit dieser Auffassung nicht allein. Auch beim japanischen Konzern Nissan hat die neue Prämie dazu geführt, dass sich deutlich mehr Autofahrer für ein E-Auto interessieren. Thomas Hausch, Geschäftsführer des Nissan Center Europe, hält es für möglich, dass er in diesem Jahr doppelt so viele Elektroautos verkaufen kann wie 2015. „Die Nachfrage ist jedenfalls deutlich größer geworden“, bestätigt er.

Trotz des neuen durch die staatliche Prämie geweckten Optimismus steckt das Elektrogeschäft immer noch in den Kinderschuhen. Knapp 30.000 Elektroautos sind im Moment auf Deutschland Straßen zugelassen. Zum Vergleich: Der gesamte Pkw-Bestand in Deutschland – also fast ausschließlich Autos mit Verbrennungsmotoren – kommt auf 45 Millionen.

Autobauer und die Elektromobilität

Elektromobilität in Deutschland

Gesagt wird es häufig: Der Elektromobilität gehört die Zukunft. Getan hingegen wird wenig, E-Autos sind weiterhin kaum präsent auf deutschen Straßen. Der Autobauer VW könnte nun Tempo machen in Sachen Batterieproduktion. Daumen rauf, signalisieren Experten.

Batterien „Made in Germany“

Der Autobauer Volkswagen hat laut Firmenkreisen Pläne für eine riesige deutsche Batteriezellen-Produktion in der Schublade.

Woher kommen die Batteriezellen bisher?

Die Batteriezellen im Elektroantrieb kommen aus Fernost, ob von Panasonic oder Samsung. Bisher nahmen das deutsche Spitzenmanager der Autobranche so hin – das Angebot auf dem Weltmarkt ist groß, der Preis niedrig. Also besser dort einkaufen und als „first follower“ die Sache beobachten, anstatt viel eigenes Geld zu riskieren, sagt ein hochrangiger deutscher Automanager und vertritt damit eine in der Branche weit verbreitete Meinung. Es geht um Zellen, also die Energiespeichermasse – deren Qualität mitentscheidend ist für die Reichweite.

Was ist das Problem?

Dass Elektroautos in deutschen Autohäusern häufig noch Ladenhüter sind oder gar nicht erst angeboten werden, liegt auch an der mauen Kundennachfrage. Die Bundesregierung will das ändern, etwa mit Kaufprämien von bis zu 4.000 Euro pro Fahrzeug. Doch E-Autos sind nicht nur teuer, sie sind auch nur bedingt alltagstauglich – viel weiter als 150 Kilometer kommt man nicht. Bessere Batterien könnten das ändern – doch deren Entwicklung ist teuer, das Risiko von Fehlinvestitionen groß.

Was tun deutsche Autobauer?

Daimler hat bis vor kurzem Batteriezellen hergestellt, doch die Fertigung im sächsischen Kamenz wurde Ende 2015 eingestellt. Ein Sprecher betont dennoch, wie wichtig Daimler das Batteriethema sei, schließlich stelle man Batteriegehäuse weiter her. „Die eigentliche Intelligenz der Batterie steckt nicht in der Zelle, sondern im Gesamtsystem bestehend aus Zellen, Steuerungselektronik, Software, Kühlung und dem auf das Fahrzeug maßgeschneiderten Gehäuse“, so der Sprecher. Diesen Bereich nennt auch ein BMW-Sprecher „Kerneigenleistung“ seines Hauses. „Unsere bisherige Strategie hat sich bewährt“, heißt es von BMW. Soll heißen: Pläne zur eigenen Zellproduktion liegen in München nicht auf dem Tisch.

Wie schneiden deutsche Autobauer im globalen Wettbewerb ab?

Die US-Firma Tesla fährt derzeit voraus in Sachen Elektromobilität, die Reichweite dieser Autos ist mit mehr als 300 Kilometern deutlich höher als bei den Elektromodellen aus den Häusern BMW, VW oder Daimler. Aber sonst? „Deutsche Hersteller sind nicht hinten dran, weil die globale Konkurrenz auch noch nicht weiter ist“, sagt Willi Diez vom Nürtinger Institut für Automobilwirtschaft (Ifa). Die Tesla-Angaben zur Reichweite seien kaum praxistauglich, im realen Fahrbetrieb sei der Abstand zur deutschen Konkurrenz geringer.

Machen die Wolfsburger Pläne Sinn?

Experten sind sich einig: Die Zellfertigung in Deutschland wäre enorm wichtig. „Solange man nur zukauft, ist man bei den Zellen nur auf dem Stand anderer Wettbewerber, aber man fährt nie vorneweg“, sagt ifa-Experte Diez. Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach sagt: „Deutschland kann es sich mittel- und langfristig nicht leisten, einen wichtigen Teil der Wertschöpfung in der Elektromobilität und damit beim Auto der Zukunft im Ausland zu haben.“ Aber packt VW das allein oder geht das nur im Verbund mit anderen deutschen Herstellern, wie es Betriebsräte fordern? Eher gemeinsam, meinen Experten. „Eine konzertierte Aktion ist notwendig, bei der alle deutschen Hersteller mitspielen“, sagt Bratzel.

Über welchen Zeitraum sprechen wir denn?

Klar ist: Fällt alsbald der Startschuss zu einer VW-Batteriezellfertigung, dauert es noch lange bis zur Herstellung und zum Einsatz. Zunächst ist eine lange Entwicklungsphase nötig. Es geht letztlich nicht um die aktuelle Lithium-Ionen-Zellgeneration, sondern um Weiterentwicklungen und gegebenenfalls andere Generationen. „Man muss aber jetzt starten, um in acht oder zehn Jahren damit Geld zu verdienen“, so Bratzel.

Wäre das ein Arbeitsplatz-Motor für Deutschland?

Nur bedingt. Die Herstellungsabläufe sind sehr automatisiert und im Vergleich zum Verbrennungsmotor-Bau simpel – der Personaleinsatz wäre also verhältnismäßig gering. Immerhin müssten Entwicklungsabteilungen deutlich aufgestockt oder neu gegründet werden.

Im Mai – dem Monat mit der Entscheidung für die staatliche Förderprämie – ist die Zahl der neuzugelassenen Elektroautos auf Deutschlands Straßen im Vergleich zum Vorjahr wieder um 2,4 Prozent gestiegen. Doch auch bei den monatlichen Zulassungszahlen gilt der Grundsatz, dass die Elektroautos aus Sicht der Hersteller derzeit noch völlig unbedeutend sind. 588 neue Elektroautos sind im Mai auf die Straßen gekommen. Für eine Branche, die sonst mit sechsstelligen Zahlen jongliert, ist das so gut wie nichts.

Das staatliche Förderprogramm soll nun dafür sorgen, dass etwa neue 300.000 Elektroautos zugelassen werden. Berlin will eine Zeitenwende einläuten. Staat und Autohersteller teilen sich die Kosten, für jedes E-Vehikel soll eine Prämie von insgesamt 4.000 Euro ausgezahlt werden. Ausgelegt ist das Förderprogramm für einen Zeitraum von drei Jahren.

Doch bevor diese Ziele überhaupt erreicht werden können, muss die Autobranche noch etliche Hürden überwinden. Das größte Problem: Das neue staatliche Förderprogramm ist im Moment immer noch ein Plan und nicht endgültig beschlossen. Die Entscheidung darüber fällt in Brüssel. Denn über ein solches Programm kann eine nationale Regierung nicht allein entscheiden, es fehlt also die finale Freigabe der EU-Kommission.

Christian Schlosser, zuständiger Referent im Bundesverkehrsministerium, ist zuversichtlich, dass eine positive Entscheidung nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen werde. Brüssel habe auch ein großes Interesse daran, die Zahl der Elektroautos zu erhöhen. „Die Prämie wird den Weg in Richtung einer Million zu gelassener Elektrofahrzeuge unterstützen“, gibt sich der Regierungsbeamte zuversichtlich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×