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22.04.2014

15:01 Uhr

Neue Modelle

Harley-Davidson profitiert von Asien-Wachstum

Der Frühling macht Lust auf Motorradfahren. Eine der Marken, die dabei ganz oben auf der Hitliste steht, ist Harley-Davidson. Nachdem das Unternehmen in der Krise fast zugrunde gegangen war, ist es nun wieder obenauf.

Neue Harley-Davidson Street 750: Das Einsteiger-Bike – teilweise in Indien gefertigt – soll neue Käuferschichten für die Kult-Motorräder erschließen. Reuters

Neue Harley-Davidson Street 750: Das Einsteiger-Bike – teilweise in Indien gefertigt – soll neue Käuferschichten für die Kult-Motorräder erschließen.

MilwaukeeDer gute Lauf von Harley-Davidson hält an. Der US-Hersteller brachte im ersten Quartal mehr als 57.400 seiner Kultmotorräder auf die Straße, was ein Plus von 6 Prozent zum Vorjahreszeitraum war. „Die Verkäufe in der Region Asien-Pazifik sind kräftig gestiegen und das anhaltende Wachstum von Motorradverkäufen in Europa ermutigt uns“, erklärte Firmenchef Keith Wandell am Dienstag.

Die steigenden Verkäufe spülen reichlich Geld in die Kasse. Der Umsatz stieg zu Jahresbeginn um 11 Prozent auf annähernd 1,6 Milliarden Dollar (1,2 Milliarden Euro). Der Gewinn verbesserte sich um 19 Prozent auf unterm Strich 266 Millionen Dollar. Damit übertraf das Traditionsunternehmen aus Milwaukee die Erwartungen der Wall Street. Die Aktie stieg vorbörslich um 7 Prozent.

Harley hat ein beeindruckendes Comeback hinter sich: Die Firma hatte in der Wirtschaftskrise ums Überleben kämpfen müssen, weil die Verkäufe der teuren Maschinen eingebrochen waren. Wandell gab in der Not die Marken MV Agusta und Buell auf, strich Tausende Jobs und modernisierte die Produktion. Heute profitiert der Hersteller von seiner Neuaufstellung, insbesondere von den niedrigeren Kosten.

Der Hersteller verkauft den Großteil seiner Maschinen weiterhin in der Heimat. Hier gehe nach einem „langen, kalten Winter“ nun die Saison los, erläuterte Wandell. Er verwies darauf, dass sich immer mehr Frauen, Afroamerikaner, Latinos und junge Leute für die chromblitzenden Maschinen begeistern könnten. Harleys waren in den USA lange ein Spielzeug für weiße Männer mittleren Alters. Zudem werden die ausländischen Märkte wichtiger, insbesondere Asien und Lateinamerika.

An der Jahresprognose hielt das Management fest: Die Zahl der Motorräder, die an die Händler ausgeliefert werden, soll auf 279.000 bis 284.000 steigen. Das wäre ein Zuwachs von 7 bis 9 Prozent zum vergangenen Jahr. Dazu sollen die neuen Modelle Harley-Davidson Street 750 und 500 beitragen. „In ausgewählten Märkten“ seien die ersten Maschinen bereits ausgeliefert worden, erklärte Firmenchef Wandell.

Die Geschichte von Harley-Davidson

Gründung

1903 beziehen die motorradbegeisterten Freunde William S. "Bill" Harley und Arthur Davidson in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin ihre erste eigene Werkstatt, ein Holzschuppen hinter dem Haus der Familie Davidson in Milwaukee. Dies ist die eigentliche Geburtsstunde der Harley-Davidson Motor Co., die offiziell erst 1907 gegründet wird. Die Brüder William A. Davidson und Walter Davidson kommen hinzu. Heute ist die Company börsennotiert und einer der ältesten Motorradhersteller der Welt, der immer noch produziert. Doch die Geschichte verlief ausgesprochen wechselhaft ...

Frühe Modelle

Anfang der 1900er-Jahre geht es auch bei den später sehr hubraumstarken Harley-Davidson-Modellen zunächst um kleine Einzylinder mit Riemenantrieb in einem fahrradähnlichen Rahmen. Gezündet wird per Batterie es gibt weder Kupplung noch Getriebe. Die Konstrukteure legten großen Wert auf Stabilität und Qualität, was den Maschinen den Ruf von zuverlässigen Alltagsgeräten einbrachte. Immer größer und erfolgreicher werdende Einzylinder baute Harley bis in die 1960er Jahre.

Der typische V2

Bereits 1909 und parallel zur Produktion der Einzylinder konstruierte Harley-Davidson den kompakt bauenden V2-Zweizylinder im 45-Grad-Winkel. 1914 kam beim Modell 10F erstmals ein 2-Gang-Getriebe sowie bei allen Modellen ein Kickstarter zum Einsatz, 1915 wurde ein 3-Gang-Getriebe (Modell 11F) und die elektrische Beleuchtung eingeführt.

Harley war zu diesem Zeitpunkt bei der US-Polizei und beim Militär schon gut im Geschäft, in den folgenden Jahren wurden die Maschinen auch für Sportfahrer immer interessanter ...

Flathead, Knucklehead, Panhead

1929 stellte Harley-Davidson mit dem Modell D ein neu konstruiertes Motorrad vor wobei die Schwinggabel durch die Springergabel ersetzt und erstmals Trommelbremsen vorne und hinten verbaut wurden. Der V-Motor, der unter der Bezeichnung Flathead bekannt wurde, war eine seitengesteuerte Variante die Harley-Davidson in verschiedenen Variationen - später in großen Stückzahlen für das Militär - bis 1948 produzierte.

1936 wurde der Flathead gründlich überarbeitet und erhielt hängende Ventile (OHV). Die neue Motorenreihe wurde bis 1947 parallel zu den Seitenventilern gebaut. Dieser Motor ist auf Grund seiner charakteristischen Konturen der Kipphebellagerung am Zylinderkopf als Knucklehead („Knöchelkopf“) bekannt. Motorräder mit diesen Motoren gehören heute zu den begehrtesten Oldtimern von Harley-Davidson.

1948 wurde der Knucklehead-Motor stark überarbeitet, Ölleitungen kamen nun nach innen. Auf den Zylinderköpfen befanden sich fortan verchromte, glattflächige Deckel, die dieser Motorengeneration den Namen Panhead („Pfannenkopf“) gaben.

Gabeln, Federn, Stößel

Ab 1952 war der Panhead-Antrieb wahlweise mit zeitgemäßer Handkupplung und Fußschaltung erhältlich. Seit 1948 sorgten wartungsfreie Hydrostößel für einen automatischen Ventilspielausgleich. 1949 wurde bei der Hydra-Glide erstmals eine hydraulische Teleskopgabel bei Harley-Davidson verbaut. Die bislang übliche Springergabel, eine geschobene Kurzschwinge, blieb bei anderen Modellen bis 1953 im Programm. In den 1990er Jahren wurde gegen Aufpreis die Springergabel bei Retro-Modellen angeboten; beim Customizing wird die Springergabel auch heute noch verbaut. 1958 führte Harley-Davidson bei der Duo-Glide erstmals die Hinterradfederung ein, bei den Sportster-Modellen ein Jahr zuvor.

K, Sportster und Shovelhead

1952 stellte Harley-Davidson ein neues sportliches Modell vor. Die ersten K-Motoren waren Flathead-Motoren mit 742 cm³ Hubraum sowie überarbeitetem Zylinderkopf. Die Leistung des seitengesteuerten Motors wurde mit 30 PS angegeben. Bis 1956 blieben die K-Modelle im Programm, sie gelten als Vorläufer der Sportster-Motoren.

1957 wurde der Sportster-Antrieb als kleinerer Motor mit sportlichem Charakter entwickelt, um britischen Herstellern wie Norton, BSA und Triumph Paroli zu bieten. Die Sportster dominierten den US-Bahnsport (Flattrack, Dirt track) und galten als das erste US-amerikanische „Superbike“.

Ab 1965 kamen auch Harley-Fahrer mit der ersten „Electra Glide“ (noch mit Pan-Motor) in den Genuss eines komfortablen elektrischen Anlassers.

1966 war das Geburtsjahr des „Shovelhead“-Motors, dessen Name wieder auf die Form der Zylinderkopf-Abdeckung zurückging. Er litt unter häufigen Motordefekten durch Lagerschäden, die durch schlampige Verarbeitung und überalterte Fertigungsmaschinen hervorgerufen wurde. Lichtmaschine und Getriebe hatten eine Lebensdauer von 37.000 km, es konnte zu einem Ölverbrauch von einem Liter auf 400 - 700 km kommen. Öleintritt in der Trockenkupplung war „zeitlebens dieser Konstruktion ein Problem“.

Große Krise in den besten Motorradjahren

Technisch waren in den 1960er Jahren weder die italienischen Aermacchi- noch die US-Modelle auf der Höhe der Zeit, die Verkaufszahlen sanken. Die Umwandlung in eine AG (1965) brachte frisches Kapital, aber keine dauerhafte Besserung. Rettung in der Not versprach der Mischkonzern AMF (American Machine and Foundry Company) im Januar 1969, doch Missmanagement durch teils branchenfremde Chefs ließen HD dauerhaft in Turbulenzen bleiben. Der stärker aufkommenden japanischen Motorradindustrie hatte man kaum noch etwas entgegenzusetzen.

Die Belegschaft wurde angesichts des fragwürdigen Managements unzufriedener, die Produktqualität sank, es kam zu Streiks, AMF drohte Schließung. Stattdessen kam es 1981 zu einem Management-Buy-out, doch das einst blühende Unternehmen hatte sich inmitten eines boomenden Motorradmarktes zum Sanierungsfall entwickelt. Hohe Produktionskosten, eine veraltete und nicht marktgerechte Produktpalette und Qualitätsmängel hatten zu einem erheblichen Imageverlust geführt. Demgegenüber verzeichneten die japanischen Motorradhersteller ein kräftiges Wachstum und erzielten Rekordgewinne - sie hatten die Wandlung des Motorrades vom ehemals kostengünstigen „Transportmittel des kleinen Mannes“ hin zum trendigen Lifestyleprodukt gestaltet.

Porsche greift in den Motor ein

1984 stellte Harley-Davidson mit dem Evolution-Motor (kurz: „Evo“) erstmals einen vollständig aus Leichtmetall gefertigten Antrieb vor, der von Porsche in Weissach entwickelt worden war. Der Evolution-Motor war damit seit langer Zeit die erste werkstofftechnisch zeitgemäße Motorenkonstruktion von Harley-Davidson. Der luftgekühlte Zweizylinder-V-Motor mit 1.338 cm³ darf als erster vollgasfester Motor des Hauses gelten.

Marken-Community und Imagewechsel

Die Sanierung dauerte und umfasste neben der Einführung neuer Motoren und Modelle u.a. eine Reorganisation des Managements und den Abbau von 43 Prozent der Arbeitsplätze auf nur noch 2.000 Mitarbeiter. Viele Produktionsmethoden wurden überdacht und strikte Qualitätskontrollen eingeführt. Mit dem stärkeren Wiedereintritt der Familie ins Unternehmen wurde 1983 die Harley Owners Group (H.O.G.) gegründet, der erste unternehmensgeförderte Motorradclub. Man erinnerte sich in Zeiten der Not an den wichtigen Zusammenhalt der Harley-Familie, betonte im Marketing nun fast ausschließlich historische und traditionelle Werte. 1986 ging das Unternehmen an die Börse, um mit neuem Kapital einen wirtschaftlichen Aufschwung herbeizuführen. Die Umsätze stiegen in den Folgejahren durchschnittlich um 18 Prozent jährlich.

Der Weg zur Kultmarke

Statt in den 1980er Jahren mit den Japanern auf dem Gebiet technologischer Fortschritte zu konkurrieren, stellte Harley-Davidson mit seiner neuen Werbestrategie in erster Linie den Charakter und Erlebniswert der Produkte in den Vordergrund. Der Mythos des amerikanischen Traums von Freiheit und Abenteuer und die Zugehörigkeit zur großen „Harley-Davidson-Familie“, wird ergänzt durch eine Produktausweitung auf Motorrad- und Freizeitkleidung, Wohn- und Geschenkartikel und den Individualisierungstrend der Marke, der gezielt durch das Customizing angesprochen wird.

Harley-Davidson wurde gerade weil der Hersteller „Retro-Motorräder“ mit der Technik der 1940er Jahre anbietet, endgültig zur Kultmarke und positioniert seine Produkte im (preislichen) Premium-Sektor. Für Harley-Käufer, deren Durchschnittsalter bei 47 Jahren liegt, sind es nicht einfach nur Motorräder sondern Kunstwerke.

Twin Cam und VRSC

1999 wurde der Evo-Motor der „Big Twins“ durch die neue Motorengeneration Twin Cam 88 abgelöst. Diese war notwendig geworden, da abermals Emissions- und Geräuschgrenzwerte und die darauf folgenden Modifikationen die Leistung der bisherigen Motoren immer weiter reduzierten. Späte Evo-Harleys hatten ab Werk nur noch etwa 50 PS, ein Manko insbesondere angesichts des durchschnittlichen Gewichts von deutlich über 300 Kilo im fahrfertigen Zustand. Zum Modelljahr 2007 brachte Harley-Davidson eine stark überarbeitete Version des Twin-Cam-88-Motors, den Twin Cam 96-Motor, in den Dyna- und Touring-Baureihen auf den Markt.

2002 begründete Harley-Davidson mit dem neu vorgestellten Revolution-Motor die VRSC-Modellreihe (VRSC = V Racing Street Custom); der VRSC-Motor wurde von Porsche entwickelt. Harley und Porsche gründeten für den Motorenbau ein Gemeinschaftsunternehmen, bei dem Porsche 49 Prozent der Anteile erhielt.

Es handelt sich zwar auch hier um einen V2, doch abweichend vom „klassischen“ Harley-Konzept ist er flüssigkeitsgekühlt und weist einen Zylinderwinkel von 60 Grad auf. Ein 1.250 cm³-Motor produziert eine Nennleistung von bis zu 92 kW (125 PS) und ein maximales Drehmoment von 115 Nm.

Buell und MV Agusta

1993 übernahm Harley-Davidson 49% der Geschäftsanteile des Motorradherstellers Buell, der Harley-Motoren hinsichtlich der Leistung weiterentwickelte und diese in eigene sportliche Rahmen einbaute. Das erste gemeinsame Motorrad war die 218 kg leichte Buell S2 mit dem 1.200er Sportster-Motor der 76 PS leistete. Im Oktober 2009 schloss überraschend Harley-Davidson die Motorradfabrikation von Buell.

Auch die andere Beteiligung war kein Erfolg: Harley-Davidson hatte 2008 den italienischen Motorradhersteller MV Agusta für 70 Millionen Euro inklusive der Bankschulden übernommen. Claudio Castiglioni, früherer Besitzer von MV Agusta, kaufte 2010 die Marke zurück. Angeblich für 3 Euro.

Aktuelle Zahlen

Harley-Händler verkauften im ersten Quartal 2013 weltweit 54.300 der Maschinen, das waren 9 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Auf dem wichtigsten Markt USA fiel der Absatz um 13 Prozent. Der Hersteller lieferte 74.200 Stück aus und damit 17 Prozent mehr als vor einem Jahr. Das trieb den Umsatz der Kultmarke aus Milwaukee um 10 Prozent auf 1,6 Milliarden Dollar in die Höhe und sorgte für ein Gewinnplus von 30 Prozent auf unterm Strich 224 Millionen Dollar (171 Millionen Euro).

Von

dpa

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