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01.03.2013

10:11 Uhr

Neuer Opel-Chef

Dr. Neumann auf die Intensivstation, bitte

VonLukas Bay

Der Zustand ist kritisch, die Ärzte lange zerstritten. Der neue Opel-Chef Neumann betreut ab heute den schwierigsten Patienten der europäischen Autobranche. Welche Operationen der Automanager bewältigen muss.

Karl-Thomas Neumann übernimmt ab heute die Führung des Automobilherstellers Opel. dpa

Karl-Thomas Neumann übernimmt ab heute die Führung des Automobilherstellers Opel.

DüsseldorfWenn ein Patient sich im kritischen Zustand befindet, ist es selten hilfreich, wenn sich die behandelnden Ärzte um die richtige Behandlung streiten.

Im monatelangen Streit um die Sanierung des angeschlagenen Autoherstellers Opel wurde darum ein Waffenstillstand zwischen IG Metall und dem Mutterkonzern General Motors vereinbart, bevor der neue Chef Karl-Thomas Neumann heute sein Amt antritt. Die Einigung ist eine Entlastung, aber keine Entwarnung für Neumann.

Denn der Machtkampf zwischen Gewerkschaften und Mutterkonzern hat Spuren hinterlassen, die Gräben sind unübersehbar. Weiterhin drängen die einen auf eine harte Sanierung, die anderen kämpfen gegen Werksschließungen und für den Zugang zu den Weltmärkten.

Opel: Neumanns unlösbare Aufgabe

Video: Opel: Neumanns unlösbare Aufgabe

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Der ehemalige VW-Chinachef Neumann wird auch weiterhin zwischen den Fronten stehen - und vor einer Herkulesaufhabe: Er muss den Autobauer wieder rentabel machen, ohne dass die Beschäftigten auf die Barrikaden gehen. Eine radikale Sanierung scheint nötig, aber unmöglich. Der promovierte Elektrotechniker ist Opels letzte Hoffnung und seine Aufgabe ist eine Operation am offenen Herzen.

„Ich bin nach Rüsselsheim gekommen, weil ich fest davon überzeugt bin: Wir werden es gemeinsam packen“, rief Neumann den Beschäftigten zu. Der im Herbst 2012 von Interims-Chef Thomas Sedran präsentierte Plan "Drive Opel 2022" sei eine sehr gute Basis: „Ich unterstütze ihn voll und ganz - und werde ihn weiter nach vorne treiben.“

Die Ansage aus Detroit ist deutlich: Bis „Mitte des Jahrzehnts“ will der Mutterkonzern wieder Gewinne in Europa schreiben. Bisher ist Opel allerdings noch ein Milliardengrab. Allein 2012 sind die Verluste in Europa auf 1,8 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro) angewachsen. Die Auslastung der Werke liegt mittlerweile bei 50 Prozent, mit jedem verkauften Auto verliert Opel durchschnittlich 1.000 Euro. Alleine durch Lohnverzicht wird der Autobauer den Weg in die Gewinnzone kaum vollziehen können. Werksschließungen scheinen unumgänglich.

Deutlich wird das auch am sinkenden Absatz. 2012 hat Opel nur noch 1,05 Millionen Fahrzeuge verkauft, der Marktanteil ist auf 8,5 Prozent gesunken. Rückenwind soll nun eine neue Modellpalette liefern. Kaum ein Hersteller hat in den vergangenen soviel Mut zur Innovation gezeigt wie Opel. Mit dem Kleinwagen Adam und dem Mini-SUV Mokka haben die Rüsselsheimer bereits zwei neue Verkaufsschlager im Programm, das zeigen die Vorbestellungen. Auf dem Automobilsalon in Genf werden weitere Varianten der Erfolgsmodelle präsentiert. Mit dem Van Zafira Tourer stellt das Unternehmen den saubersten Dieselmotor der Unternehmensgeschichte vor. Die Hauptrolle wird das neue viersitzige Cabrio Cascada spielen.

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Auch wenn General Motors über die Verluste mit Opel klagt: das Drama um den deutschen Patienten hausgemacht. Die US-Konzernmutter hat sechs Kardinalsfehler zu verantworten.

Allerdings bestehen auch auf der Modellseite weiter Risiken, dass der Mutterkonzern die Lust an der Investition verlieren könnte. GM-Vize Stephen Girsky, Neumanns Vorgesetzter, schreckte zuletzt auch nicht davor zurück, bei den Neuentwicklungen zu sparen: Die Neuauflage der Mittelklasselimousine Insignia soll bis 2017 verschoben worden sein, auch Kleinwagen Corsa kommt wahrscheinlich später.

Selbst vom wichtigsten Kompaktwagen des Konzerns gibt es schlechte Nachrichten. Der Astra war zuletzt beim Kundentest durchgefallen, meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung. In der "Car Clinic", wie der Test branchenintern genannt wird, befanden die Testkunden, dass das Modell zu eng sei. Nun muss nachgebessert werden. Der Produktionsbeginn, der für Anfang 2015 eingeplant war, soll sich verschieben.

Welche Autostandorte kostengünstig produzieren

Quelle

In der Studie „European Automotive Survey 2013“ haben die Wirtschaftsprüfer von Ernst&Young 300 europäische Unternehmen der Automotive-Branche befragt, wie sie die Produktionskosten der Automobilstandorte bewerten.

Platz 18

England

Obwohl Großbritannien als Vorreiter für liberalisierte Arbeitsmärkte gilt, werden die Produktionskosten in keinem europäischen Land schlechter bewertet. Nur fünf Prozent halten die Briten in dieser Kategorie für sehr wettbewerbsfähig, immerhin 13 Prozent noch für eher wettbewerbsfähig. Das sind 21 Prozentpunkte weniger als noch 2011.

Platz 17

Italien

Ähnlich schlecht schneiden die Italiener ab. In der Heimat von Ferrari und Fiat kreist der Sparhammer. Nur fünf Prozent halten das Land in punkto Produktionskosten für sehr wettbewerbsfähig, 13 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 16

Frankreich

Auch die Franzosen produzieren nach Ansicht der befragten Unternehmen zu teuer. Mittlerweile halten nur noch fünf Prozent das Land in Sachen Produktionskosten für sehr wettbewerbsfähig, 15Prozent halten die Franzosen für eher wettbewerbsfähig. Das sind insgesamt 19 Prozentpunkte weniger als 2011.

Platz 15

Schweden

Traditionell gehören die Lohnnebenkosten und Steuern in Schweden zu den höchsten in Europa. Das beschert den Skandinaviern einen schlechten Platz im Kostenranking. Sechs Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 16 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 14

Spanien

Spanien steckt in einer der größten Wirtschaftskrisen seiner jüngeren Geschichte. Trotzdem produziert die Autoindustrie des Landes noch zu teuer, meinen die befragten Unternehmen. Vier Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 21 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 13

USA

Die große Konsolidierungswelle ist über die USA hinweggefegt. Doch bei den Produktionskosten kann sich das Land damit immer noch keinen Spitzenplatz sichern. Für fünf Prozent sind die Amerikaner in punkto Produktionskosten sehr wettbewerbsfähig, für 23 Prozent eher wettbewerbsfähig.

Platz 12

Japan

Die Heimat von Toyota, Suzuki und Honda gilt als Geburtsstätte der effizienten Produktion. In zwei Jahren hat das Land in punkto Produktionskosten aber an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Sechs Prozent halten Japan für sehr wettbewerbsfähig, 22 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 11

Deutschland

Während die Deutschen bei Qualität, Produktivität und Innovation den Spitzenplatz belegen, schneiden sie bei den Produktionskosten nur mittelmäßig ab. Acht Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 21 für eher wettbewerbsfähig.

Platz 10

Russland

Ein gemischtes Bild hinterlassen die Russen im Kostenranking. Obwohl nur drei Prozent das Land für sehr wettbewerbsfähig halten, bewerten immerhin 34 Prozent die Russen als eher wettbewerbsfähig.

Platz 9

Türkei

Als Billigstandort der Automobilindustrie hat sich die Türkei etabliert. Allzu groß scheinen die Kostenvorteile allerdings nicht zu sein. Nur fünf Prozent bewerten das Land als sehr wettbewerbsfähig, immerhin 35 Prozent als eher wettbewerbsfähig.

Platz 8

Südkorea

Unter den führenden Autonationen belegen die Südkoreaner einen der oberen Ränge. Auch bei den Kosten reicht es immerhin für die Top Ten. Für acht Prozent aller befragten Automobilunternehmen ist das Land sehr wettbewerbsfähig, für 37 Prozent eher wettbewerbsfähig.

Platz 7

Brasilien

Für die Autokonzerne gilt das Land als Schlüssel zum südamerikanischen Kontinent. Insbesondere die strengen Importbestimmungen des Landes machen den Herstellern das Leben schwer. In punkto Kosten bewerten sechs Prozent das Land als sehr wettbewerbsfähig, 45 Prozent als eher wettbewerbsfähig.

Platz 6

Polen

Unter den günstigsten europäischen Standorten eröffnen die Polen die Spitzengruppe. Sieben Prozent halten das Land bei den Produktionskosten für sehr wettbewerbsfähig, satte 49 Prozent als eher wettbewerbsfähig.

Platz 5

Ungarn

Audi, Daimler und Suzuki haben ihre Werke in Ungarn nicht ohne Grund ausgebaut. Satte 11 Prozent aller befragten Unternehmen halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 46 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 4

Slowakei

Ähnlich gut sieht die Kostenstatistik der Slowaken aus. Für zehn Prozent ist das Land sehr wettbewerbsfähig, für 51 eher wettbewerbsfähig.

Platz 3

Tschechien

Das einzige europäische Land auf dem Treppchen und damit Kostenführer in Europa ist Tschechien. Acht Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 54 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 2

Indien

Unangefochten führend sind allerdings die wichtigsten Absatzmärkte. Für 34 Prozent aller befragten  Automobilunternehmen ist Indien in punkto Produktionskosten sehr wettbewerbsfähig, für 35 Prozent eher wettbewerbsfähig.

Platz 1

China

Mittlerweile wird jedes dritte Auto von Volkswagen in China produziert. Nicht ohne Grund. Kein Land der Welt wird von den Herstellern in punkto Kosten besser bewertet. Für 40 Prozent sind die Chinesen sehr wettbewerbsfähig, für 31 Prozent eher wettbewerbsfähig.

Kommentare (13)

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Supporter

01.03.2013, 10:43 Uhr

Opel´s scheidender Interimsleiter Girsky hat sich bei seiner Verabschiedung herzlich bei allen "Führungspersönlichkeiten" bedankt, die mitgeholfen hätten, die (selbstgemachte) Krise durchzustehen! Damit hat er mind. 2 Dinge offenbart:
1. bei Opel gibt es weiterhin zu viele "Persönlichkeiten" und zu wenig "Fachleute"!
2. Opel steckt mitten in der Krise und es ist nichts gelöst worden!

Neues Opel-Personal kann am Dilemma nichts ändern, weil alle Entscheidungen in Detroit gefällt werden. Es sind schon erstklassige Fachleute gegangen worden, während andere "Persönlichkeiten" weiterhin mitwurschteln durften! Man muß konstatieren, und das wird überdeutlich, dass bei der Firma Opel auch das amerikanisch mutierte Managementsystem grandios scheitert. Dies wird allerdings erst in ein paar Jahren jedem wie Schuppen von den Augen fallen. Überheblichkeit war stets die Quelle des anschließenden Untergangs!

Pro-D

01.03.2013, 10:49 Uhr

Eine alte Weisheit sagt, dass Herr Dr. Piech gerne seine besten Männer dort hin schickt, wo er gerade eine Übernahme andenkt.

Opel ist trotz allem ein dt. Werk. Auch wenn damals die Amis über OPEL die LKW's und Hitlers Kriege gebaut haben. Am Ende wird sich Volkswagen nicht seiner dt. Verantwortung entziehen und wird Opel übernehmen, wenn sie wirklich Hilfe brauchen..

So auch geschehen bei Porsche. Auch Porsche war derzeit hoffnungslos am Boder zerstört und kein anderer Investor hätte sich an Porsche heran getraut, da sie mit ihre Mega Fehlspekulation ein tickende Zeitbombe waren.

Ganz anders aber Volkswagen. Dort war man sich der dt. Verantwortung bewusst und hat Porsche übernommen, lange bevor das heraus kam, was die Porsche Manager WIRKLICH angestellt hatten. Ein tötlicher Image Schaden wäre die Folge gewesen.

Rechner

01.03.2013, 11:19 Uhr

In Deutschland ist die Geldentwertungsrate im Februar auf 1,5% gefallen.

Im Januar lagen die Einzelhandelsverkäufe 2,4% über dem Vorjahresmonat.

...

Stabile Preise, anziehende Binnenkonjunktur, ausgeglichener Bundeshaushalt, sinkende Arbeitslosigkeit, sinkende Staatsschuldenquote.

Wenn das 'mal keine erfolgreiche Wirtschaftspolitik ist!

Krugman, Roubini und die Untergangspropheten können einpacken.

Ein ausgeglichener Staatshaushalt und maßvolle Geldmengenausweitungen der Notenbank sind eine solide Basis für nachhaltiges Wachstum.

Uferlose Schuldenpolitik sind es nicht.

...

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