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22.05.2017

14:09 Uhr

Neuer Streit bei Volkswagen

VW-Händler begehren gegen Wolfsburg auf

VonStefan Menzel

Unter den deutschen Volkswagen- und Audi-Händlern rumort es. Der VW-Konzern will angeblich immer stärker in den Direktvertrieb einsteigen und den mittelständischen Händlern Geschäft abnehmen. Das Misstrauen wächst.

Dass die deutschen Volkswagen- und Audi-Händler ihre Sorgen nun nach außen tragen, deutet auf eine bislang unbekannte Klimaverschlechterung im Verhältnis zu Volkswagen hin. dpa

VW-Händler in Hannover

Dass die deutschen Volkswagen- und Audi-Händler ihre Sorgen nun nach außen tragen, deutet auf eine bislang unbekannte Klimaverschlechterung im Verhältnis zu Volkswagen hin.

DüsseldorfDie Wirkung der Dieselaffäre lässt etwas nach, da braut sich im großen Volkswagen-Konzern schon das nächste Unheil zusammen. Dieses Mal sind es die eigenen Händler, bei denen das Murren immer lauter wird. Die mittelständischen Volkswagen- und Audi-Händler begehren auf, sie fühlen sich von der Konzernzentrale übergangen. Der Konzern wolle mehr Geschäft an sich ziehen und übergehe damit die Handelspartner.

Die Kritik am Konzern kommt vom VW- und Audi-Partnerverband, in dem der überwiegende Teil der deutschen Händler zusammengefasst ist. Rund 2000 von insgesamt etwa 2300 mittelständischen Betrieben gehören zu den Mitgliedern des Verbandes, der damit die zentrale Stimme der deutschen Handelsorganisation darstellt. Normalerweise trägt der Verband seine Konflikte mit Volkswagen intern und ohne Öffentlichkeit aus. Dass die deutschen Volkswagen- und Audi-Händler ihre Sorgen nun nach außen tragen, deutet auf eine bislang unbekannte Klimaverschlechterung im Verhältnis zu Volkswagen hin.

Autobauer im Visier der Staatsanwälte: Gefangen in der Volkswagenburg

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Ermittlungen gegen den Chef, ein US-Aufseher mit 50 Mitarbeitern in der Zentrale: VW steckt im Schwitzkasten der Behörden – und das zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Denn der Konzern steht vor großen Veränderungen.

Die Ingolstädter Premiumtochter Audi ist an ihre deutschen Händler herangetreten und drängt auf neue Spielregeln, die wahrscheinlich zum schon zum Jahresende zu neuen Verträgen zwischen dem Hersteller und seinen Händlern sorgen sollen. Danach will Audi bestimmte Teile des Autovertriebs künftig in eigener Regie betreiben – ohne Unterstützung der Händler. So soll etwa der Online-Vertrieb künftig zentral von Ingolstadt aus betrieben werden. Teile des Flottengeschäfts, also der Verkauf an Großkunden, könnten ebenfalls bald zur Angelegenheit allein von Audi werden.

Das sind noch nicht alle geplanten Änderungen. Mit der zunehmenden Digitalisierung des Autogeschäfts entwickeln sich die Fahrzeuge immer stärker zu „Smartphones auf vier Rädern“. In Zukunft wird es auch bei den Autos regelmäßige Sicherheits- und Wartungs-Updates geben, ganz wie bei einem Handy. Außerdem werden die Kunden zusätzliche Extras bestellen können: beispielsweise tageweise 30 PS mehr für die lange Autobahnfahrt an den Urlaubsort.

Die wichtigsten juristischen Baustellen für VW

Aktionärsklagen

Zahlreiche Anleger verlangen von Volkswagen Schadenersatz, weil sie nach dem Bekanntwerden von „Dieselgate“ im September 2015 zunächst hohe Wertverluste bei Aktien und Anleihen hinnehmen mussten. Diese solle ihnen VW erstatten. Ihr Argument: Das Management hätte den Kapitalmarkt deutlich früher über die Probleme informieren müssen, die Ad-hoc-Mitteilung dazu sei zu spät gekommen.

Entsprechende Vorwürfe der Marktmanipulation haben nun auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf den Plan gerufen, sie ermittelt gegen VW-Konzernchef Matthias Müller. Dabei geht es um dessen Amt im Vorstand der Porsche SE, dem Haupteigner von Volkswagen. Auch Müllers Vorgänger Martin Winterkorn sowie der Ex-VW-Finanzvorstand und heutige VW-Chefaufseher Hans Dieter Pötsch sind im Visier. Zuvor hatten schon die Braunschweiger Strafverfolger solche Untersuchungen gestartet – dort außerdem gegen den VW-Kernmarken-Chef Herbert Diess. Volkswagen ist der Überzeugung, alle Regeln eingehalten zu haben.

Das Volumen der bisherigen Anlegerklagen geht bereits in die Milliarden. Am Landgericht Braunschweig soll hierzu ein sogenanntes Kapitalanleger-Musterverfahren laufen, in dem ähnliche Ansprüche aus inzwischen gut 1500 Einzelklagen stellvertretend gebündelt verhandelt werden können. Die Sparkassen-Fondstochter Deka Investment wird dabei Musterklägerin. Das Verfahren könnte sich über Jahre hinziehen.

Zivilklagen

Auch viele Autobesitzer wollen Entschädigung. In den USA erreichte der Konzern für Hunderttausende betroffene Dieselautos einen Vergleich - allein für die 2,0-Liter-Wagen kostet VW das 14,7 Milliarden Dollar. Händler und US-Bundesstaaten klagten ebenfalls. Zum Vergleich für die größeren 3,0-Liter-Motoren (1,2 Milliarden Dollar) kündigte der zuständige US-Richter seine Zustimmung an.

In Deutschland entschieden verschiedene Gerichte: Die Manipulationen bedeuten keine Pflicht zur Kaufpreis-Erstattung. Doch es gibt auch andere Urteile. Hintergrund ist die Frage, ob die Fälschungs-Software ein so großer Mangel ist, dass Kunden vom Kauf zurücktreten können. Berichten zufolge gibt es landesweit weit über 1000 Einzelklagen.

In zahlreichen Fällen kann es laut Verbraucherschützern problematisch werden, einen konkreten Schaden zu beziffern und ihn zu beweisen. Unabhängig davon gibt es Forderungen, dass VW den Kunden auch in Europa stärker entgegenkommen müsse, etwa aus der EU-Kommission.

Weitere Ermittlungen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt außerdem wegen des Verdachts auf Betrug, allein hier geht es - einschließlich eines Verfahrens gegen Winterkorn - um 37 Beschuldigte. Gegen 6 weitere laufen Untersuchungen im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Hinzu kommen Ermittlungen gegen einen Mitarbeiter, der zum Löschen von Daten aufgerufen haben soll. Anklagen gibt es bisher nicht.

In den USA bot ein vom FBI erarbeitetes „statement of facts“ im Januar die Grundlage für einen 4,3 Milliarden Dollar schweren Vergleich in strafrechtlichen Fragen. Unabhängig davon geht es dort aber weiter auch um die Schuld oder Unschuld einzelner Personen. Ein VW-Manager sitzt in Haft, ein langjähriger Ingenieur hat sich in einem Verfahren schuldig bekannt, fünf weitere Mitarbeiter sind angeklagt - darunter der Ex-Entwicklungschef der Marke VW, Heinz-Jakob Neußer. Auch in anderen Ländern laufen Untersuchungen.

Solche Änderungen am Auto werden künftig beim Hersteller geordert und per Software-Update aufgespielt – ganz ohne Händlerbeteiligung. Der VW- und Audi-Partnerverband warnt davor, dass schon diese Neuerung zu Umsatzverlusten bei den Händlerbetrieben führen wird.

Was die Händler erst recht aufbringt, ist die Forderung von Audi, dass sie dem Hersteller dafür die Daten ihrer Kunden unentgeltlich zur Verfügung stellen sollen. Außerdem soll nicht mehr jedes Audi-Modell bei jedem Audi-Händler im Schauraum stehen. Audi wolle künftig entscheiden, welcher Händler welches Modell verkaufen darf.

Kommentare (3)

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Herr Christian Albert

22.05.2017, 14:48 Uhr

Dann wird wenigstens den Inkompeten & Unfreundlichen Händlern in Nordhessen eine Lektion erteilt !!! Wobei ich diese Vorgehensweise generell nicht vertrete und eine Gespräch vor Ort das bessere Verkaufsgespräch darstellt. Leider geht der Weg immer mehr zu digitalen Medien, wo die direkte Kommunikation keinen Platz findet. Da kann man nur hoffen, dass der Kundenservice von VW eine 2000%ige Verbesserung mitbringt ☹️

Frau Edelgard Kah

22.05.2017, 15:28 Uhr

Die Banken haben es vorgemacht. Sie haben zahlreiche Filialen geschlossen und dadurch Personalkosten eingespart. Aber entlassene Mitarbeiter können eben keine Kunden betreuen. Und die Kunden lieben es nicht besonders, ins Stadtzentrum zu fahren um dort die letzte verbliebene Bankfiliale aufzusuchen. Da suchen sich die Kunden lieber eine andere Bank.

Eine Ausdünnung des VW-Werkstattnetzes hat die gleiche Wirkung. Für mich als VW-Fahrer sind die zahlreichen über alle Regionen verteilten VW-Werkstätten der wichtigste Kaufgrund. Dass ich unweit meines Wohnortes mehrere kompetente VW-Werkstätten finde, ist aus meiner Sicht unverzichtbar. Ich habe nicht die Absicht, bei jeder kleinen Reparatur eine Weltreise zu unternehmen. Lieber suche ich mir eine andere Marke, die in der Gegend meines Wohnortes Werkstätten hat.

Herr leon löwe

22.05.2017, 16:12 Uhr

VW + Tochtergesellschaften haben eine unheimliche Arroganz und diese wird auch von den Mitarbeitern/innen im Umgang im Privaten Bereich gelebt.
Für mich hat sich eine Modellauswahl bei VW & Co schon lange erledigt.

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