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29.10.2012

15:35 Uhr

Ölkonzerne

Bohren bis zur Katastrophe

VonSebastian Ertinger

Nach dem Unglück im Golf von Mexiko rückten BP, Shell, Exxon & Co. von heiklen Projekten ab. Doch mehr als zwei Jahre später nehmen sie die Jagd nach dem Schwarzen Gold wieder ungehemmt auf – alle, bis auf einen.

Proteste von Umweltaktivisten gegen Ölförderung im Eismeer. Reuters

Proteste von Umweltaktivisten gegen Ölförderung im Eismeer.

DüsseldorfMehr als zwei Jahre nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko geht das Rennen um die Erschließung großer Vorkommen nahezu ungehemmt weiter. Fast scheint es, als hätten Energiekonzerne und Politiker keine Lehren aus dem verheerenden Unglück der Ölplattform „Deepwater Horizon“ gezogen.

Unmittelbar nach der Katastrophe hatte die US-Regierung einen sechsmonatigen Stopp von Tiefseebohrungen verhängt. Doch das Moratorium ist längst gekippt. Heute forcieren Staaten wie Konzerne die Suche nach Energiequellen. Dabei schrecken die Ölmultis auch vor Erkundungen in ökologisch hoch empfindlichen Gebieten nicht zurück – von der Tiefsee bis hin zur Arktis.

Welche Grundgüter Deutschland importiert

Deutsche Rohstoff-Einfuhren

Deutschland importierte im Jahr 2010 Grundgüter im Wert von 109,3 Milliarden Euro. Diese teilen sich auf die einzelnen Rohstoffe wie folgendermaßen auf:

Quelle: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR)/Deutsche Rohstoffagentur (DERA)

Rang 9

Auf sogenannte Nichtmetalle entfallen 1,9 Prozent der Rohstoffimporte Deutschlands. Dazu zählen etwa Schwefel, Phosphor oder Edelgase sowie Sauerstoff und Stickstoff.

Rang 8

Eine relativ geringe Bedeutung bei den Rohstoffimporten nimmt Kohle ein. Auf den Rohstoff entfallen 4,3 Prozent der Einfuhren.

Rang 7

Stahlveredler wie Chrom, Cobalt, Mangan oder Molybdän und Wolfram machen 5,2 Prozent der deutschen Rohstoffimporte aus.

Rang 6

Eisen- und Stahlimporte erreichen einen Anteil von 5,9 Prozent der Einfuhren.

Rang 5

Immerhin den fünften Platz der wichtigsten Einfuhren nach Deutschland nehmen Edelmetalle wie Gold, Silber oder Platin ein. Diese werden nicht nur als Schmuck, sondern auch in der Elektroindustrie, der Medizintechnik oder der Autozuliefer-Branche benötigt. Der Anteil von Gold & Co. erreicht 8,5 Prozent der Einfuhren.

Rang 4

Immerhin 13 Prozent der Rohstoff-Einfuhren entfallen auf Energierohstoffe abseits von Öl, Gas oder Kohle. Dazu zählen etwa Kernbrennstoffe wie Uran oder Brennmaterialien für Erneuerbare Energien.

Rang 3

Auf dem dritten Platz der wichtigsten Grundgüterimporte rangieren Nichteisen-Metalle mit einem Anteil von 14,9 Prozent. Dazu zählen etwa Kupfer, Aluminium, Zink, Bronze oder Messing.

Rang 2

Der zweitwichtigste Rohstoff für Deutschland ist Erdgas mit einem Anteil von 21,6 Prozent.

Rang 1

Der wichtigste Rohstoff, den Deutschland importiert, ist Erdöl. Sein Anteil an den Grundgüter-Einfuhren beziffert sich auf 36,4 Prozent.

Bei der Explosion auf der Ölplattform „Deepwater Horizon“ am 20. April 2010 waren elf Arbeiter ums Leben gekommen. Ein Ventil, das die Ölquelle in 1500 Metern Wassertiefe abdichten sollte, versagte. Danach flossen 780 Millionen Liter Rohöl ins Meer, verseuchten den Golf von Mexiko sowie die Küsten rund um das Mississippi-Delta.

Erst im August 2010 konnte die Quelle geschlossen werden. BP gilt als hauptverantwortlich für die weitreichende Umweltverschmutzung. Es war die größte Ölkatastrophe der amerikanischen Geschichte. Die Schäden für die Umwelt sind immens. Die Energiekonzerne fahren dagegen wieder Milliardengewinne ein, sogar BP. Der Konzern legt am Dienstag seine Quartalszahlen vor.

Konzerne und Staaten treiben die Suche nach neuen Energievorkommen in ökologisch sensiblen Bereichen wie der Tiefsee oder der Arktis wieder unvermindert voran. So darf der britisch-niederländische Energieriese Shell in den kommenden Monaten im amerikanischen Teil der Arktis vor der Nordküste Alaskas mit Ölbohrungen beginnen.

Mögliche Gefahren werden beiseite gewischt. „Es wird keine Ölpest geben“, sagt etwa US-Umweltminister Ken Salazar. „Ich rechne nicht mit Problemen“, gibt er sich überzeugt. Shell habe nachgewiesen, dass das Unternehmen über die Ausrüstung verfüge, um Ölaustritte ins Meer zu verhindern und im Notfall eine Ölpest einzudämmen.

Kommentare (17)

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atinak

29.10.2012, 17:14 Uhr

Herzlichen Dank für diesen wohltuend differenzierten und gut recherchierten Artikel. Das menschliche Gehirn ist offenbar nicht imstande, die komplexen Folgewirkungen menschlicher Eingriffe zu überschauen. Es ist ähnlich wie mit dem Bienensterben: Erst jetzt erkennt man, welch zentrale Bedeutung diese kleinen, misshandelten Lebewesen für unser Überleben haben. Daher ist ein vorsorgendes Handeln in Form von Verzicht auf weitere massive Eingriffe in die Natur nicht nur klug und weitsichtig, sondern überlebensnotwendig. Welche perfiden Interessen verbergen sich hinter der Streichung der Fördermittel für die sanfteste und umweltfreundlichste Energiegewinnungsform, die Solarenergie? Und warum gibt es keine Vorschriften zur energetischen Nutzung von Abwärme? Und warum sind die meisten Autostrecken nach wie vor Kürzeststrecken, die man mühelos und gesundheitsfördernd (die zunehmende Fettleibigkeit ist ebenso abstoßend wie bedrohlich) zu Fuß oder per Rad erledigen könnte? Jeder von uns kann etwas gegen diesen Wahnsinn tun, etwa, indem er keine Aktien dieser Unternehmen kauft, möglichst viele Wege ohne Auto zurücklegt, vor jedem (Billigst)Flug überlegt, ob er wirklich sein muss, auf Produkte in Plastikverpackungen weitgehend verzichtet und die Politik unter Druck setzt. Letztlich liegt die Lösung in der Abkehr von demokatie- und umweltfeindlichen Gigaunternehmen und Gigastaatsgebilden und in der Rückbesinnung und Stärkung auf und von überschaubaren, regionalen Strukturen, die geschlossene Stoffkreisläufe ermöglichen. Jeder, der Kinder hat, sollte sich dafür einsetzen, dass auch sie noch einigermaßen gesund und unbeschadet leben können. Allerdings habe ich angesichts der Wurstigkeit der meisten Eltern (vermutlich auch wegen der verantwortungslosen finanziellen Animierung von Menschen, die noch nicht mal für sich selbst sorgen können, zum Kinderkriegen) immer weniger Hoffnung, dass die Menschen das tun.

Nils

29.10.2012, 17:31 Uhr

Guter Artikel, der mir allerdings noch nicht weit genug geht... Noam Chomsky behandelt dieses Thema ebenfalls im Zusammenhang mit den US-Wahlen und formuliert meiner Meinung nach noch treffender, wie beschränkt und wenig zukunftsorientiert hier gehandelt wird! Einfach mal lesen - lohnt sich:
http://truth-out.org/opinion/item/11956-noam-chomsky-issues-that-obama-and-romney-avoid

oiler

29.10.2012, 17:42 Uhr

Aus Sicht eines Fachmannes sind Exploration und Produktion von Öl- und Gaslagerstätten sowie der Transport der Kohlenwasserstoffe auch in kalten Regionen sicher zu bewerkstelligen. Aber leider kommt dem Thema Umweltsicherheit in der Branche noch immer viel zu wenig Bedeutung zu (Aktuell: die völlig unnötigen Umweltschäden beim Fracking von US Schiefergaslagerstätten). Praktisch jede Ölpest wäre vermeidbar gewesen, wenn die Ölkonzerne verantwortungsbewußt handelten. Tun sie aber nicht und es siht so aus, als ob die Branche in diesem Aspekt nicht lernfähig ist. Deswegen ist die Position von Total auch aus Sicht eines Erdöltechnikers total richtig. Wenn die Ölcowboys nicht dazulernen und weiterhin auf dem Rücken der Umwelt reiten, werden ihnen bald die Pferde ausgehen.

PS: die Chemiebranche war vor 30 Jahren ähnlich in Verruf. Durch eine Vielzahl von Maßnahmen ist es der Branche gelungen, Chemieunfälle größeren Ausmaßes weitgehend zu vermeiden.

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