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17.02.2017

15:09 Uhr

Opel-Arbeiter in Rüsselsheim

„Noch kein Grund für Weltuntergangsstimmung“

VonLukas Bay

Die Opel-Mitarbeiter sind Hiobsbotschaften gewohnt. Während der Verkauf des Autobauers immer wahrscheinlicher wird, übt sich die Belegschaft in Zweckoptimismus. Ein Stimmungsbild vom Opel-Stammsitz.

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RüsselsheimMittagspause in Rüsselsheim: Die Opelaner, die sich an diesem Freitag durch den Nieselregen von Rüsselsheim in Richtung Kantine bewegen, üben sich in Zweckoptimismus. Viele Mitarbeiter des Opel-Stammwerks kommen gerade von einer Versammlung, bei der sie über die Verkaufsverhandlungen zwischen dem Mutterkonzern General Motors und dem Konkurrenten PSA Peugeot Citroën informiert wurden. Viele hatten auf Klarheit gehofft, sind aber nicht wirklich klüger geworden.

Eine Dreiviertelstunde berieten die Arbeitnehmer. Die Stimmung ist keinesfalls aggressiv wie bei vergangenen Betriebsversammlungen. Auch Opel-Chef Karl-Thomas Neumann ist nicht dabei, berichten mehrere Teilnehmer. Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug übernimmt die Aufgabe, den Opelanern zu erklären, wie er in die Verhandlungen gehen will. „Offen und konstruktiv" wolle die Arbeitnehmervertretung die Verhandlungen mit PSA führen und diese „schnellstmöglich zu einem Ergebnis bringen“. Für die Mitarbeiter ist entscheidend, dass die Beschäftigungs- und Investitionszusagen eingehalten werden, darauf habe man sich mit den Kollegen der europäischen Arbeitnehmervertretungen geeinigt.

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Die Arbeitnehmer sehen im Vorstoß von Peugeot-Citroën auch eine Chance. Denn PSA hat unter der Führung von Carlos Tavares ein paar Pluspunkte zu bieten. Derweil droht ein politischer Streit zwischen Berlin und Paris.

Opel hat rund 38.200 Mitarbeiter in Europa, davon mehr als die Hälfte in Deutschland. Es gibt Werke in Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern. PSA und Opel arbeiten bereits seit 2012 in verschiedenen Projekten in Europa zusammen.

Um die Opel-Standorte zu retten, üben die Gewerkschafter den Schulterschluss – anders als in der Krise 2009, als sich die Gewerkschafter der verschiedenen Standorte gegenseitig beharkten, um ihren jeweiligen Standort zu verteidigen. Wie in Rüsselsheim fanden am Freitag auch in Kaiserslautern und Eisenach Betriebsversammlungen statt.

„Wir erwarten, dass alle Tarifverträge im Falle eines Kaufs ihre Gültigkeit behalten, dass alle Standorte und Arbeitsplätze gesichert bleiben", erklärte Jörg Köhlinger, IG Metall-Bezirksleiter Mitte. Nach seiner Darstellung sind die fast 20.000 Opel-Beschäftigten in Deutschland bis Ende 2018 vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt, während die Investitionszusagen sogar bis ins Jahr 2020 reichen und auch für die Zeit danach ihre arbeitsplatzerhaltende Wirkung entfalten. „Es geht nicht nur um technische Prozesse, es geht auch um die Menschen.“ In der Zusammenarbeit mit PSA lägen auch viele Chancen, etwa bei der Nutzung gemeinsamer Plattformen, zusätzlichen Absatzchancen und Skaleneffekten etwa im Einkauf.

Das Zittern um Opel-Jobs beginnt

Was würde ein Zusammengehen von PSA und Opel bringen?

Branchenexperten sind skeptisch. Die beiden Hersteller haben ein ähnliches Markenportfolio, beide sind vor allem bei Klein- und Mittelklassewagen stark – also im vergleichsweise renditeschwachen „Massengeschäft“. Und sie sind ausschließlich (Opel) oder vorwiegend (PSA) in Europa aktiv. Der europäische Markt gilt aber als weitgehend gesättigt und gleichzeitig hart umkämpft. PSA könnte im Vergleich zu Wettbewerbern wie dem VW-Konzern oder der Renault-Gruppe aber deutlich an Masse zulegen – und dadurch Kosten bei Forschung und Entwicklung sowie beim Einkauf sparen, wie etwa NordLB-Analyst Frank Schwope sagte. Aber eigentlich hat PSA-Chef Carlos Tavares den globalen Markt im Blick, für den Opel nicht viel mitbringt.

Wie eng arbeiten die Unternehmen bereits zusammen?

Die 2012 vereinbarte Kooperation umfasst die Entwicklung und Produktion von drei Modellen. Die neuen Opel-Modelle Crossland und Grandland entsprechen den Peugeots 2008 und 3008. Die ersten Autos rollen gerade von den Bändern in den spanischen Städten Saragossa und Vigo sowie am Peugeot-Stammsitz Sochaux. Auch der nächste Zafira soll PSA-Gene tragen. Angeblich werden mit der Kooperation 1,2 Milliarden Dollar im Jahr gespart.

Warum denkt General Motors jetzt an einen Verkauf?

Das ist das große Rätsel. General Motors hatte sich vor acht Jahren nach langem Ringen dazu entschlossen, Opel nicht zu verkaufen und den Autobauer selbst zu sanieren. Opel schreibt zwar immer noch rote Zahlen, hat aber zuletzt deutliche Fortschritte gemacht. „Man hat zehn Jahre lang saniert, und kurz vor dem Durchbruch trennt man sich von der europäischen Sparte“, sagte Schwope. Das mache wenig Sinn. Aber: Für GM-Chefin Mary Barra in Detroit sei Ertragskraft wichtiger als Größe, analysierte das „Wall Street Journal“. Die „Amerika zuerst“-Politik Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump – Barra berät ihn in Wirtschaftsfragen – helfe GM außerdem auf dem Heimatmarkt: niedrigere Steuern und eine regulatorische Entlastung bei Umweltstandards. GM hat bereits zusätzliche Milliardeninvestitionen in den USA angekündigt.

Welche Nachteile könnten GM bei einem Opel-Verkauf entstehen?

Ohne Opel und die britische Schwestermarke Vauxhall wäre GM nicht mehr in Europa vertreten, einem immer noch wichtigen und technologisch führenden Markt, der für mehr als 10 Prozent der weltweiten GM-Verkäufe steht. Außerdem spielt Rüsselsheim eine wichtige Rolle im Konzern-Entwicklungsverbund von General Motors. Dieser müsste bei einem Opel-Verkauf neu organisiert werden.

Wie steht PSA derzeit da?

Der Konzern PSA, in den 70er-Jahren entstanden nach der Übernahme von Citroën durch Peugeot, hat in den vergangenen Jahren eine harte Sanierung durchgemacht. Das Geld für einen Opel-Kauf wäre bei dem staatlich gestützten Unternehmen vorhanden: Laut Anleiheexperten der Commerzbank haben die Franzosen ein Liquiditätspolster von mehr als 16 Milliarden Euro - lautet die Strategie also: Wachstum durch Zukäufe? Der Konzern mit den Marken Peugeot, Citroën und DS ist derzeit im Vergleich zu den Branchenriesen wie VW, Toyota, aber auch Renault-Nissan eher klein. Mit Opel würde PSA deutlich zulegen.

Und Opel?

Der Autobauer hat zwar auch durch Kostensenkungen Fortschritte gemacht. Beim Absatz ging es bergauf, auch wegen der preisgekrönten Kampagne „Umparken im Kopf“. Opel hat es allerdings nicht geschafft, wieder schwarze Zahlen zu schreiben, auch weil viele Wagen mit hohen Preisnachlässen in den Markt gedrückt wurden. Seit 1999 hat die Adam Opel AG als GM-Europatochter keinen Gewinn mehr gemacht. 2016 betrug der operative Verlust für 2016 rund 257 Millionen US-Dollar (241 Millionen Euro), nach einem Verlust von 813 Millionen Dollar Verlust im Jahr zuvor. Das Unternehmen musste zuletzt den Wegfall des kompletten russischen Marktes wie auch die Folgen der Brexit-Entscheidung für den größten Einzelmarkt Großbritannien verkraften. Ein Gewinn war nun erst für 2018 geplant.

Welche Folgen könnte eine Übernahme für die Opel-Standorte haben?

Opel produziert in mehreren europäischen Ländern und hatte Ende 2016 rund 38.200 Mitarbeiter, davon mehr als die Hälfte in Deutschland - an den Standorten Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach. Im Falle einer Übernahme wird ein Jobabbau befürchtet - wenn Einkauf, Produktionssteuerung oder Vertrieb und Marketing zentral aus Paris geführt werden, wären Stellen „doppelt“. Besonders stark könnte der Stammsitz Rüsselsheim getroffen werden – hier arbeiten allein 8000 der 15.000 Beschäftigten in der Entwicklung. Es wäre nach Einschätzung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer die Zukunft für Opel, nach einer Übergangszeit vollständig in den PSA-Produktionsverbund eingegliedert zu werden. Ob noch ein Motorenwerk in Kaiserslautern und eine vergleichsweise kleine Montage in Eisenach gebraucht würden, sei schwer zu sagen.

Was tut die Politik?

Sofort nach Bekanntwerden der Pläne brachten sich bereits die Landesregierungen der Opel-Länder Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen in Stellung – und warnten vor Jobverlusten. Auch die Bundesregierung, die sich von den Plänen überrascht zeigte, schaltete sich ein. Ziel ist der Erhalt von Jobs. Viel mehr als Einfluss auf Paris zu nehmen, kann die Bundesregierung aber kaum. Und ein Autobauer ist kein Rüstungskonzern – bei Fragen der nationalen Sicherheit etwa kann die Regierung über das Außenwirtschaftsgesetz ein Veto gegen Übernahmen einlegen. Und es geht auch nicht wie der Opel-Krise 2008/2009 um Staatshilfen.

Die wenigen Opelaner, die überhaupt mit der Presse sprechen wollen, beschreiben die Atmosphäre als „entspannt“. Das ist angesichts der jüngsten Meldungen über einen Opel-Verkauf schon bemerkenswert. Doch die Opelaner haben in den vergangenen zehn Jahre gelernt, mit Hiobsbotschaften gelassen umzugehen.

„Wir wissen noch gar nicht, was jetzt passieren wird“, sagt ein altgedienter Mitarbeiter aus der Entwicklungsabteilungen. Seinen Namen verrät er nicht, dafür aber seine Gefühllage. „Noch ist kein Grund für Weltuntergangsstimmung.“ Andere üben sich in Sarkasmus. Wie man die eigene Lage sehe? „Es war nie besser“, sagt ein Opelaner - und lacht in sich hinein.

Kommentare (1)

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Herr Franz Paul

17.02.2017, 16:17 Uhr

Arme Trottel.

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