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12.12.2014

09:25 Uhr

Opel-Betriebsrat Einenkel

Sein letztes Gefecht

VonLukas Bay

Zehn Jahre stand Rainer Einenkel an der Spitze des Opel-Betriebsrats in Bochum. Bis zuletzt wehrte er sich gegen die Schließung seines Werks. Vergeblich. Nun will er GM noch ein letztes Mal die Stirn bieten.

Abgang mit erhobenem Haupt: Betriebsrat Rainer Einenkel klagt gegen Opel. dpa

Abgang mit erhobenem Haupt: Betriebsrat Rainer Einenkel klagt gegen Opel.

BochumEs geht nicht mehr darum, das Werk zu retten. Die Produktionshallen sind längst ausgefegt, der letzte Zafira lief vergangene Woche vom Band, zum Ende des Jahres ist Opel in Bochum Geschichte. So viel steht fest. Rainer Einenkel hat den Kampf, der die letzten zehn Jahre seines Lebens bestimmte, damit verloren. Nun will der 58-Jährige wenigstens Recht behalten.

Vor dem Landgericht in Darmstadt ging am heutigen Freitag ein Prozess in die Verlängerung, den Einenkel in Gang brachte, kurz nachdem ihm und seinen 3000 Kollegen mitgeteilt worden war, dass ihr Werk geschlossen werden würde. Er sei als Aufsichtsrat nicht korrekt informiert worden, die Produktivitätsvergleiche der Werke, die der Vorstand in Umlauf gebracht habe, seien nachweislich falsch gewesen. Es sind Formfehler, mit denen Einenkel dem großen GM-Konzern die Stirn bieten will. Ein letztes Mal.

Einenkel fühlt sich verraten, von der Geschäftsführung, aber auch von den Kollegen im Gesamtbetriebsrat in Rüsselsheim. Ausgerechnet die Rüsselsheimer. Acht Monate hatte sie mit der Geschäftsführung um einen „Deutschlandplan“ verhandelt. „Sie haben Bochum geopfert, um selbst zu überleben“, so sieht es Einenkel. Denn nach dem Plan sollten die Opelaner in Bochum bis 2016 weiter produzieren – bis zum Auslaufen der Zafira-Reihe. Für diese Bestandsgarantie sollten 700 Mitarbeiter gehen, die anderen auf Lohn verzichten – und danach wäre die Produktion eingestellt worden. Einenkel stimmte als einziger im Betriebsrat dagegen und bekam dafür Gegenwind von anderen Arbeitnehmervertretern.

Auslastung der Opel-Werke

Saragossa (Spanien)

In seinem spanischen Werk produziert Opel den Corsa und den Meriva. Bald soll auch noch der Kompakt-SUV Mokka hier gebaut werden. Mit einer Kapazität von 480.000 Fahrzeugen und einer Produktion von 300.000 Fahrzeugen ist das Werk zu zwei Dritteln ausgelastet und beschäftigt derzeit rund 5.800 Mitarbeiter.

Rüsselsheim (Deutschland)

Im Stammwerk von Opel werden der Insignia und der Astra gebaut. Mit dem Modellwechsel im kommenden Jahr soll der Astra allerdings nach Polen wandern, dafür kommt der Zafira aus dem Werk in Bochum. Die Auslastung muss dann dringend steigen. Denn derzeit liegt die Kapazität des Werks bei 280.000 Fahrzeugen - und die wird nur zu 54 Prozent ausgelastet.

Eisenach (Deutschland)

Das Werk mit seinen 1.600 Mitarbeitern ist die Kleinwagen-Hochburg von Opel. Hier werden der Corsa und der Adam gebaut. Was die Auslastung betrifft steht kein Opel-Werk derzeit besser da. Die Kapazität von 170.000 Fahrzeugen wird zu 71 Prozent ausgenutzt.

Bochum (Deutschland)

Das Werk soll zum Ende des Jahres schließen - noch arbeiten rund 3.200 Opelaner am Standort und bauen den Zafira und den Astra. Ausgelastet wird die Kapazität von 180.000 Fahrzeugen nur zu 52 Prozent.

Gliwice (Polen)

Das polnische Werk mit seinen 3000 Angestellten soll einer von zwei Standorten für die neue Astra-Generation werden - und muss dringend besser ausgelastet werden. Derzeit liegt die Auslastung bei mageren 43 Prozent bei einer Kapazität von 208.000 Fahrzeugen.

Ellesmere Port (Großbritannien)

Der zweite große Astra-Standort ist das Werk in Großbritannien, wo Opel derzeit 1.180 Mitarbeiter beschäftigt. Die Auslastung ist auch hier noch unprofitabel. Bei einer Kapazität von 188.000 Fahrzeugen liegt sie bei 43 Prozent.

Statt über die Zukunft von Opel zu verhandeln, habe Einenkel „mit Verdrängung und Verschwörungstheorien“ agiert, warf Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug seinem Bochumer Kollegen in einer Pressemitteilung vor.

Einenkel wehrte sich auf seine Art: er stellte sich stur. Auch wenn Opel drohte, dass man das Werk in diesem Fall schon Ende 2014 schließen würde – das Todesurteil des Werks in Bochum wollte Einenkel nicht unterschreiben. GM werde schon sehen, man werde kreativ protestieren. Ein Streik sei möglich, drohte er.

Mit dem Protest kennen sie sich aus in Bochum. Konzernintern war das Werk immer schon bekannt für seine Kampfeslust.

In seinen 40 Jahren bei Opel hat Einenkel miterlebt, wie die Belegschaft von 20.000 Angestellten auf 3.300 zusammenschrumpfte. Im Jahr 2004, kurz bevor er zum Chef des Betriebsrats gewählt wurde, stand er mit vor dem Werkstor, als die Opelaner mit einem sechstägigen, wilden Streik gegen die Sparpolitik von GM protestierten. Weil Teile aus dem Presswerk in Bochum fehlten, standen die Bänder von Opel europaweit still.

Kommentare (8)

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Herr jochen voss

12.12.2014, 10:05 Uhr

......und wenn die sturheit des herrn einenkel z.B. teile der produktion auszulagern, anpassungen immer erst nach langen streiks, permanente angriffe des managements ( auch mit antiamerkanischen ressentiments) die schließung überhaupt erst provoziert hätte?

Herr Marc Tom

12.12.2014, 10:18 Uhr

Warum soll ich als Eigentümer (GM und die Aktionäre) in ein Werk investieren, dass für seine Streikfreudigkeit bekannt ist, noch dazu teurer und komplexer produziert als die Kollegen aus GB, Rüsselsheim oder sonst wo?
Sehr schade um die Arbeitsplätze - aber leider unausweichlich

Herr Gerd St

12.12.2014, 10:39 Uhr

Ja, prima Kommentare bis jetzt ! So was kann nur von Leuten kommen, um deren Arbeitsplatz es nicht geht. Da wäre ich mal gespannt, wie das Geheule losgehen würde, wenn man selbst davon betroffen ist.
Es zeigt auch deutlich wie die Mentalität heutzutage ist : Hauptsache ich, der Rest ist mir egal.
Herr Einenkel ist wirklich einer der letzten in diesem Land, der uneigennnützig (und gem. seinem Auftrag)arbeitet und wirklich noch Rückgrat hat. Solche guten Leute fallen in unserer heutigen "scheißegal" Gesellschaft schon unangenehm auf.

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