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16.02.2016

16:09 Uhr

Osram-Hauptversammlung

Siemens scheitert mit Putschversuch gegen Berlien

Siemens hat im Streit über die Ausrichtung von Osram die offene Konfrontation mit dem Chef gesucht. Der Versuch, Olaf Berlien auf der Hauptversammlung die Entlastung zu verweigern, scheiterte allerdings.

Der Osram-Vorstandsvorsitzende stößt mit seiner neuen Strategie auf Widerstand. dpa

Olaf Berlien

Der Osram-Vorstandsvorsitzende stößt mit seiner neuen Strategie auf Widerstand.

MünchenSiemens ist mit seinem Vorstoß zum Sturz von Osram -Chef Olaf Berlien vorerst gescheitert. Auf der Hauptversammlung am Dienstag sprachen sich gut 70,68 Prozent der Stimmen für eine Entlastung des seit rund einem Jahr amtierenden Managers aus.

Der Osram-Aufsichtsrat stellte sich nach der Versammlung demonstrativ hinter Berlien. „Die Umsetzung der Strategie ist im Sinne des Unternehmens, seiner Mitarbeiter und seiner Kunden. Sie ist aus Sicht des Aufsichtsrats alternativlos für eine nachhaltige Zukunft des Unternehmens“, sagte Aufsichtsratschef Peter Bauer.

Ein Siemens-Vertreter hatte zuvor angekündigt, wegen Meinungsverschiedenheiten über die Neuausrichtung des Leuchtmittel-Herstellers, Berlien die symbolisch wichtige Entlastung zu verweigern. Berlien habe mit seinem Strategiewechsel Börsenwert vernichtet und das Risikoprofil des Licht-Konzerns deutlich erhöht, sagte Siemens-Vertreter Christian Bleiweiß auf der Aktionärsversammlung in München. Der Bau einer weiteren LED-Fabrik in Malaysia ergebe ein beträchtliches Klumpenrisiko. Die strategische Hinführung der Investoren auf den Strategiewechsel und die Ankündigung seien mangelhaft gewesen.

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Der Ärger um den Umbau von Osram nimmt kein Ende: Union Investment reduziert als einer der schärfsten Kritiker die Anteile am Lichtspezialisten kurz vor der Hauptversammlung drastisch. Und ein Vorstandsposten wackelt.

Vorstandschef Berlien habe den Konzern nicht mit der notwendigen Vorsicht und Umsicht gelenkt. „Siemens wird gegen die Entlastung von Herrn Dr. Berlien stimmen“, kündigte Bleiweiß an. Siemens hält nach eigenen Angaben noch 17,5 Prozent an Osram, die Mehrheit an der Tochter hat Siemens 2013 an die eigenen Aktionäre verschenkt. Rund 60 Prozent der Stimmen waren auf der Hauptversammlung vertreten, Siemens alleine kam damit auf einen Anteil von knapp einem Drittel. Eine verweigerte Entlastung Berliens hätte rechtlich keine Folgen gehabt, wäre aber ein massiver Reputationsschaden gewesen.

Vor dem Siemens-Vertreter hatten mehrere Fonds und Aktionärsvereinigungen erklärt, sie wollten den Vorstand trotz des Kurssturzes vom Herbst und der umstrittenen neuen Strategie entlasten. Die Vertreterin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Daniela Bergdolt, kritisierte, Berlien habe einen „strategischen Salto mortale“ locker nebenbei verkündet und durch dieses „Kommunikationsdesaster“ die Aktie im November um ein Drittel abstürzen lassen. Aber: „Wir brauchen LED, wir brauchen diesen Bereich, aus meiner Sicht war das eine richtige Entscheidung.“

Deutsche-Bank-Fondsmanager Tim Albrecht lobte: „Heute befindet sich Osram in einer blendenden Verfassung.“ Die Halbleitersparte mache glänzende Profite, der Konzern sei schuldenfrei und der Aktienkurs habe sich besser entwickelt als der MDax. Ob der überraschende Gang aus der Nische richtig sei, „ob es sich um Mut oder Übermut handelt, wird die Zukunft zeigen“. Gut sei, dass Osram aus einer Position der Stärke handle.

Berlien hatte zuvor den Strategiewechsel des Lampenherstellers auf der Hauptversammlung verteidigt. Bei Autolampen sei Osram klar Weltmarktführer – aber sich darauf auszuruhen, hätte die Zukunft des Konzerns in Frage gestellt. Osram werde durch den Bau der LED-Fabrik neue Wachstumspotenziale erschließen. Osrams hochwertige LEDs für Autolampen und die Industrie würden immer schneller von den billigeren Massen-LEDs verdrängt, deshalb müsse das Unternehmen auch dort mitspielen. „Nur wer sich in der dramatisch wandelnden Lichtindustrie konsequent, mutig und schnell bewegt, kann unternehmerisch gewinnen“, sagte der Vorstandschef.

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.

Die Abspaltung des traditionellen Lampen- und Leuchtröhrengeschäfts mit inzwischen nur noch 9500 Mitarbeitern laufe auf Hochtouren, sagte Berlien. Er will die Sparte demnächst verkaufen. Der Einstieg in die Fertigung von LEDs für den Massenmarkt war von Siemens und anderen Investoren hart kritisiert worden. Die Osram-Aktie war im November um ein Drittel eingebrochen, hat sich aber seither erholt.

Berlien hatte sich im Vorfeld der Hauptversammlung betont sorglos gegeben. „Heute ist ein schöner Tag, draußen scheint die Sonne“, sagte er vor Reportern. Die Wolkendecke über München ist seit dem Morgen lückenlos geschlossen.

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