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08.11.2011

11:45 Uhr

Ostsee-Pipeline

Das Rohr zur Welt

VonDana Heide, Helmut Steuer

Heute nehmen Kanzlerin Merkel und der russische Präsident Medwedjew die Nord-Stream-Pipeline in Betrieb. Doch ob die milliardenteure und äußerst umstrittene Gasleitung sich wirtschaftlich lohnt, ist noch nicht klar.

Ein Mitarbeiter der Firma Bonatti werkelt an der Nord-Stream-Pipeline herum. dapd

Ein Mitarbeiter der Firma Bonatti werkelt an der Nord-Stream-Pipeline herum.

Es ist das derzeit größte Energieprojekt Europas: Die Nord Stream Gasleitung verbindet erstmals Deutschland direkt mit Russland. Die Strecke entspricht ungefähr der Distanz von München nach Barcelona und sie verläuft fast komplett unter Wasser. 7,4 Milliarden Euro hat der Bau gekostet – Geld, das nun wieder erwirtschaftet werden muss. 

Dazu hat das Betreiber-Konsortium die Leitungen für die nächsten 50 Jahre exklusiv an den russischen Energieriesen Gazprom vermietet. An Nord Stream ist der russische Gasmonopolist mit 51 Prozent beteiligt. Die BASF-Tochter Wintershall und die Eon Ruhrgas AG halten je 15,5 Prozent. Jeweils neun Prozent sind im Besitz der niederländischen Gasunie und der französischen GdF Suez.  

Um den Vertrieb kümmert sich Gazprom selbst. Das dürfte nun nicht mehr so leicht wie noch vor ein paar Jahren sein, als das Projekt angestoßen wurde. „Als man die Leitung begann zu planen, sah die Lage auf dem internationalen Markt anders aus, man befürchtete sogar Knappheiten“, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Heute besteht eher ein Überangebot an Gas, auch durch neue Methoden zur Ausbeutung schwer zugänglicher Gasvorkommen, wie etwa das so genannte Fracking. Infolge dessen sank auch der Preis für den Energieträger. Über ihre Renditevorstellungen und wann sich das Projekt amortisiert haben soll, geben die Betreiber keine Auskunft. Energieexpertin Kemfert hält das Projekt jedoch für vielversprechend: „Ich denke, dass es sich nicht um eine Fehlinvestition handelt.“

Der Bau der Ostseepipeline Nord Stream

Die Chronologie

Hier die wichtigsten Ereignisse im Zusammenhang mit dem Bau der Ostseepipeline Nord Stream, die heute in Lubmin bei Greifswald eingeweiht wird.

8. September 2005:

Im Beisein von Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und des russischen Präsidenten Wladimir Putin wird in Berlin der Vertrag zum Bau der Ostseepipeline unterzeichnet.

9. Dezember 2005:

In Babajewo, etwa 800 Kilometer östlich von St. Petersburg, beginnt der Bau einer Zubringerleitung zur Ostsee mit dem Setzen der ersten Schweißnaht.

14. November 2006:

Das internationale Genehmigungsverfahren für den Bau der Leitung durch die Wirtschaftszonen und Territorialgewässer von Dänemark, Deutschland, Finnland, Russland und Schweden beginnt.

25. September 2007:

Die deutsche Firma Europipe in Mülheim an der Ruhr und das russische Röhrenwerk OMK Vyksa erhalten nach weltweiter Ausschreibung den Zuschlag zur Lieferung der Rohrsegmente.

17. Oktober 2007:

Spezialschiffe und Tauchroboter beginnen mit der Erkundung des Trassenkorridors, darunter auch einer mittelalterlichen Wrackkette vor dem Greifswalder Bodden.

13. März 2008:

Die Bahn-Tochter Schenker erhält den Auftrag zum Transport der 150.000 Rohrsegmente. Insgesamt werden ab Mai 2008 dreieinhalb Jahre lang mehr als 1.200 Güterzüge mit über 33.000 Spezialwaggons zum Fährhafen Sassnitz rollen. Weitere 36.000 Rohre wurden per Bahn nach Bremen transportiert und mit 120 Schiffen zu einem zweiten Rohrummantelungswerk im finnischen Kotka gebracht.

29. April 2009:

In Mukran auf Rügen geht ein modernes Rohrummantelungswerk in Betrieb, in dem die Stahlsegmente mit Beton ummantelt und ab August 2009 zur Verlegung verschifft werden.

20. Oktober 2009:

Als erster Anrainer genehmigt Dänemark den Bau der Leitung. In den nächsten Wochen geben auch Schweden (5.11.), Russland (18.12.), Deutschland (21.12.) und Finnland (12.2.) grünes Licht.

22. Januar 2010:

Das Betreiberkonsortium vergibt den Auftrag zum Bau des zweiten Strangs.

18. Februar 2010:

In Lubmin beginnt der Bau der deutschen Anlandestation.

9. April 2010:

Mit einem Festakt bei Wyborg in Russland wird der offizielle Baustart der Ostseepipeline gefeiert.

23. April 2010:

In Deutschland ziehen die Umweltverbände WWF und BUND ihre Klage gegen den Bau zurück, nachdem sich Nord Stream verpflichtete, zehn Millionen Euro in eine gemeinsame Ostseestiftung einzuzahlen.

21. Juni 2010:

Das Verlegeschiff „Castoro 6“ erreicht das Seegebiet vor Rügen. Gleichzeitig steigt der französische Versorger GDF Suez bei Nord Stream ein.

5. Juli 2010:

Der erste Strang erreicht die deutsche Küste und wird bei Lubmin mit einer Spezialwinde an Land gezogen. 23 Tage später erreicht die Ostseepipeline auch das russische Ufer.

16. Dezember 2010:

Nord Stream meldet, dass die Finanzierung der 7,4 Milliarden Euro teuren Leitung komplett gesichert ist.

 

5. Mai 2011:

Das letzte Segment wird an den ersten Strang gescheißt und vor Gotland abgesenkt.

25. August 2011:

Die Ostseepipeline wird in Lubmin an die Festlandsleitung OPAL angeschlossen.

6. September 2011:

Das erste sibirische Erdgas strömt in die Pipeline. Das symbolische Aufdrehen des Gashahns übernehmen Russlands Regierungschef Wladimir Putin und Ex-Kanzler Schröder, inzwischen Nord-Stream-Aufsichtsratschef, am Startpunkt der Leitung in Portowaja bei Wyborgrd Stream. Fünf Tage später kommt das erste Erdgas in Deutschland an.

Denn Experten erwarten, dass die Nachfrage nach Gas in nächster Zeit anziehen wird. Gaskraftwerke gelten als ideale Ergänzung zu alternativen Energien, weil sie die mit ihnen verbundenen Schwankungen besonders gut ausgleichen können. Zudem sind sie klimafreundlicher als etwa Kohlekraftwerke. „Ich glaube, dass der Anteil unkonventioneller Gasquellen auch in Europa zunehmen wird, aus Umweltschutzgründen aber nicht die steigende Nachfrage wird decken können“, sagt Kemfert. 

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

08.11.2011, 12:28 Uhr

"Ein Mitarbeiter der Firma Bonatti werkelt an der Nord-Stream-Pipeline herum. "
Diese Bildunterschrift sagt alles aus. Der Schreiber des Artikels weiss nicht, worum es geht. Schweisen nennt man dieses Verfahren zur Verbindung von Stahlröhren, und hier wird dafür vorgewärmt.

Aber Hauptsache es wird irgendwas geschrieben....

Account gelöscht!

08.11.2011, 12:43 Uhr

Dem kann ich nur zustimmen. Eine sehr unprofessionelle Äußerung. Die Überschrift passt auch nicht zum Projekt: "Das Rohr für Deutschland" müsste es doch heissen, oder ?

Irfan

08.11.2011, 12:49 Uhr

Und dass auf der Schutzbrille des Mitarbeiters "Hassen" steht is ja auch der Knaller :)

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