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22.09.2012

10:12 Uhr

Paulaner-Chef Tobias

„Gibt in Deutschland keinen nationalen Markt“

VonMarkus Fasse, Joachim Hofer

Der Paulaner-Chef verrät, wie man zwei Wochen Oktoberfest übersteht und warum eine Maß fast zehn Euro kostet. Im Interview erklärt er außerdem, warum deutsches Bier viel gelobt, aber weltweit wenig erfolgreich ist.

Roland Tobias, Sprecher der Geschäftsführung (CEO) der Brau Holding International, einem Unternehmen der Schörghuber Gruppe. Thomas Einberger / Argum für Handelsblatt

Roland Tobias, Sprecher der Geschäftsführung (CEO) der Brau Holding International, einem Unternehmen der Schörghuber Gruppe.

MünchenHandelsblatt: Herr Tobias, Hand aufs Herz: Gehen Sie gerne aufs Oktoberfest?

Roland Tobias: Natürlich. Allerdings muss ich gestehen: Wenn Sie jeden Tag dort sind, dann spüren Sie das nach einer Woche schon.

Sie sind wirklich jeden Abend in einem Ihrer Zelte?

Fast. Das ist die wichtigste Veranstaltung des Jahres, um unsere Geschäftspartner einzuladen.

Wie halten Sie das durch, zwei Wochen lang jeden Abend Bier und Schweinshaxe?

Erstens trinke ich nicht nur Oktoberfestbier, sondern oft auch unser alkoholfreies Bier. Und zweitens hat uns der Betriebsarzt schon mit einer Überlebenspackung an Vitaminen versorgt.

Wie bitte, Sie trinken alkoholfreies Bier auf der Wies'n? Wie passt das denn zusammen?

Wenn ich jeden Abend so richtig bei unserem Oktoberfestbier zulangen würde, dann ginge das vielleicht drei Tage. Dann müsste ich aufgeben. Aber ich versichere Ihnen: Unser alkoholfreies Bier schmeckt und ist inzwischen akzeptiert auf dem Oktoberfest.

Dieses Jahr kostet die Maß fast zehn Euro, ein enormer Preis. Im Supermarkt gibt's dafür einen ganzen Kasten.

Die Kosten für das Bier selbst sind ja nur ein Teil der Kalkulation. Der riesige Aufwand zum Beispiel für die Logistik und die Sicherheit muss da auch mitberücksichtigt werden. Und der Besucher bekommt Livemusik geboten.

Das Publikum scheint der Preis ohnehin nicht zu schrecken. Jedes Jahr kommen mehr Leute.

Stimmt, aber wir stoßen an Grenzen. Vor allem bei der Logistik. In den immer kürzeren Anlieferzeiten können Sie kaum mehr genug Bier an die Schänken schaffen. Deshalb haben wir in inzwischen drei Zelten jeweils eine Ringleitung mit einem zentralen Tank gelegt.

Entwicklung der Bierpreise auf der „Wiesn“

1970

Vor gut 40 Jahren war die Maß noch, nach heutigen Maß-stäben, spottbillig: 2,65 DM kostete der Humpen damals. Das wären gerade einmal 1,35 Euro.

1980

Vor 30 Jahren sah das Ganze schon etwas anders aus: Zwischen 4,80 und 4,90 DM kostete das Oktoberfest-Bier damals. 2,45 bis 2,50 Euro würde das heute machen.

1990

Die Preissteigerungen verliefen lange Zeit regelmäßig: grob zwei DM alle zehn Jahre - Tendenz steigend. 1990 waren 6,95 DM bis 7,55 DM pro Maß, also zwischen 3,55 Euro bis 3,86 Euro.

1995

Fast außer der Reihe ging es Mitte der 90er recht sprunghaft nach oben. 1995 kostete das Oktoberfest-Bier zwischen 9,50 DM und 10,40 DM - schon 5,32 Euro in der Spitze.

2000

Zum Jahrtausendwechsel ging es noch einmal knapp zwei DM aufwärts, wenn auch in nur noch fünf Jahren. 11,20 DM bis 12,60 DM waren damals fällig, zwei Jahre vor Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung also bis zu 6,44 Euro.

2005

Fünf Jahre später waren es zwischen 6,80 Euro und 7,25 Euro. In der Spitze wurde in diesem Zeitraum die Preise um nicht einmal einen Euro erhöht, kosteten ab diesem Zeitpunkt mehr, als 1990 noch in DM.

2008

Jahr für Jahr wird das Hopfenkaltgetränk teurer, 2008 waren es bereits zwischen 7,80 Euro und 8,30 Euro.

2009

30 bis 50 Cent mehr gab es auch im Folgejahr, von 8,10 Euro bis 8,60 Euro waren 2009 als Preis ausgerufen.

2010

Im vergangenen Jahr bewegte sich die Preisspanne zwischen 8,30 Euro und 8,90 Euro.

2011

2011 steigen die Preise für die Maß auf 8,70 Euro bis 9,20 Euro. Das entspricht einer Steigerung von 3,6 Prozent gegenüber Vorjahr. Und ungefähr dem Siebenfachen, was vor 40 Jahren fällig gewesen wäre. Tendenz weiter steigend...

2012

2012 haben die Bierpreise natürlich wieder angezogen. Zwischen 9,10 Euro und 9,50 Euro kostet das Kaltgetränk in diesem Jahr.

2013

Jahr für Jahr näherten sich die Preise immer mehr der 10 Euro Grenze. 2013 liegt der Preis schon zwischen 9,40 Euro und 9,85 Euro.

2014

2014 war es dann das erste Mal so weit: Der Preis stieg auf über 10 Euro. So zahlt man je nach Standort zwischen 9,70 Euro und 10,10 Euro.

2015

Während man 2005 bei 6 Euro pro Maß die Nase gerümpft hätte, würde man sich mittlerweile drüber freuen. Schließlich kostet sie mittlerweile zwischen 10 Euro und 10,30 Euro.

2016

Die Bierpreise bleiben ihrer Linie treu und haben auch dieses Jahr ein Rekordhoch. So zahlt man zwischen 10,40 Euro und 10,70 Euro. Wie wohl die Prognose für die Zukunft aussieht?

Wie wichtig ist denn das Oktoberfest für Ihr Unternehmen?

Es sorgt für unglaubliche Aufmerksamkeit und ist damit für die Münchener Brauer unbezahlbar. Vom Umsatz her hält sich die Bedeutung in Grenzen, es steht für etwa ein Prozent unserer Verkäufe.

Ist es eigentlich noch zeitgemäß, nur Münchener Biere auf dem Oktoberfest zuzulassen?

Das Oktoberfest ist seit jeher ein Münchener Bierfest. Wo wollen Sie denn sonst die Grenze ziehen? Alles andere wäre willkürlich.

Das Oktoberfest ist rund um die Erde bekannt, die deutschen Brauereien hingegen spielen auf dem Weltmarkt kaum eine Rolle. Komisch, oder?

Das liegt daran, dass die deutschen Brauer angesichts der zersplitterten Branche stets mit sich selbst und den benachbarten Konkurrenten beschäftigt waren. Sie haben lange viel zu wenig über den Tellerrand hinaus geblickt und versäumt, Allianzen zu bilden.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

22.09.2012, 15:10 Uhr

Ein interessantes Interview, zeigt es doch symptomatische Haltungen der Parteien. Hier der betriebswirtschaftlich denkende Fragesteller, dort der erstaunlich lokal denkende erfolgreiche Unternehmer.
Das ganze ist auch eine Fragestunde, warum die Globalisierung bei den deutschen Brauereien nicht durchschlägt. Diese Tatsache ist vielleicht die schönste Nachricht, denn von der Globalisierung profitieren in erster Linie Aktionäre, Manager und Banken. Der Normalverbraucher bekommt meistens schlechtere Ware im Vergleich zu heimischen Produkten, die mehr und mehr verschwinden. Zusätzlich werden Arbeitsplätze bei uns vernichtet und Arbeits-Sklaven in anderen Ländern gehalten, der Verbraucher wird über die Herkunft der Waren teilweise noch betrogen - Ananas aus Hawaii kommen aus den Philippinen, Amerikanische, Finnische und koreanische Handys "made in China" werden in Wirklichkeit in Vietnam und den Philippinen hergestellt, weil es dort noch billger ist zu produzieren.
Verkauf ist zum grossen Teil eine Sache der Reklame, gerade bei food und Getränken kann so viel kaschiert werden mit Chemikalien. Man wäre schlecht beraten das in Deutschland angebotene chinesische Bier zu trinken angesichts von Vorfällen des tödlichen chinesischen Babyfood, den mit x Chemikalien vollgepressetn chinesischen Backwaren einschliesslich unserer "frischen Brötchen" von Aldi und Lidl usw.
Den Produzenten in Asien, die für die Verbraucher anonym sind, die ständig die Politiker unter Druck setzen mit Globalisierung = Fortschritt - diesen Leuten geht es zum Teil in verbrecherischer Art nur um Profit und nochmals Profit. Expansion, Effizienz, Eroberung der Märkte hat direkt nichts mit Qualität zu tun, sondern nur mit Geld.

Nachwuchs

22.09.2012, 19:07 Uhr

Fortschritt? Ist ein wirklich ein Fortschritt , wenn kleine Brauereien verschwinden und wir nur noch 1 Brauerei haben mit nur einem geschmackslosen Bier, aber 100.000 verschiedene Etiketten auf den Flaschen?

Account gelöscht!

22.09.2012, 23:40 Uhr

"Der Normalverbraucher bekommt meistens schlechtere Ware im Vergleich zu heimischen Produkten, die mehr und mehr verschwinden."

Aha...
da es allerdings kaum ein rein deutsches Produkt mehr gibt, können sie aber wohl auch kein Beispiel anführen wo es wirklich so ist, oder wollen sie etwa den rein in Deutschland produzierten VW aus den 30ern mit dem aus internationalen Beständen produzierten VW von heute vergleichen?

Die Qualität meines bestimmt 10 jahre alten Funkweckers aus International, ist auch nicht wirklich schlecht..eigentlich sogar sehr gut.
Erst die dritte Batterie drin und trotz Schüsse mit einer Soft Air auf sein Display, immernoch voll funktionstüchtig und zuverlässig...
Von schwindender Qualität durch Globalisierung merk ich herzlich wenig und ich bin Verbraucher.
(Und dies ist jetzt nur ein Beispiel)

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