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15.02.2017

13:32 Uhr

Personalabbau nach Peugeot-Übernahme?

Opel droht der große Aderlass

VonStefan Menzel

Sollte Peugeot den deutschen Autobauer Opel schlucken, gäbe es im gemeinsamen Unternehmen plötzlich vieles doppelt. Vor allem die deutsche Seite bekäme wohl die Konsequenzen zu spüren: Opel drohen schwere Einschnitte.

Opel-Beschäftigte müssten nach einem Kauf durch Peugeot einen einschneidenden Stellenabbau befürchten. AP

Große Unsicherheit bei Opel

Opel-Beschäftigte müssten nach einem Kauf durch Peugeot einen einschneidenden Stellenabbau befürchten.

DüsseldorfJetzt kann es schnell gehen: Der US-Autobauer will Opel nach jahrelangen Verlusten an Peugeot verkaufen. GM-Chefin Mary Barra und Opel-Aufsichtsratschef Dan Ammann sind bereits zu Gesprächen mit dem Opel-Team in der Zentrale in Rüsselsheim eingetroffen, erklärte ein Sprecher des Unternehmens. Auch der Chef der französischen Peugeot-Gruppe PSA, Carlos Tavares, plant einem Firmensprecher zufolge Treffen auf oberster Ebene. Dies schließe auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ein.

GM-Chefin Barra warb bereits in einem Brief an die Opel-Belegschaft für einen Verkauf des Autobauers. Zwar gebe es keine Garantie für eine Einigung, ein möglicher Deal würde „die PSA-Gruppe sowie Opel/Vauxhall aufgrund der sich ergänzenden Stärken beider Unternehmen in die Lage versetzen, ihre Position auf dem sich rasch verändernden europäischen Markt zu verbessern“, zitiert die „Allgemeine Zeitung Mainz“ aus dem Schreiben. GM und PSA würden damit ihre jeweiligen strategischen Möglichkeiten voll ausschöpfen. „Wir würden alles daran setzen, bei der Transaktion sicherzustellen, dass die Interessen aller Beteiligten gewahrt werden“, so Barra weiter.

Die Opel-Produktionsstandorte in Europa

Rüsselsheim

Am Opel-Hauptstandort arbeiten 15.040 Beschäftigte, davon gut die Hälfte im Entwicklungszentrum. Die Produktion hat rund 4000 Arbeitnehmer. Sie bauen den Mittelklassewagen Insignia in mehreren Varianten, den Zafira sowie Getriebe und Komponenten.

Kaiserslautern

Der Standort in Rheinland-Pfalz hat 2140 Beschäftigte. Sie produzieren Motoren und Fahrwerkskomponenten.

Eisenach

In Thüringen laufen die Kleinwagen Corsa und Adam vom Band. Im Werk Eisenach arbeiten 1850 Menschen.

Polen

Im polnischen Gliwice sind knapp 3270 Mitarbeiter beschäftigt. Sie bauen den Kompaktwagen Astra und das Cabrio Cascada und den Sportwagen Opel GTC. In Tychy stellen 410 Beschäftigte Motoren her.

Spanien

In Figueruelas bei Saragossa laufen Corsa, der SUV Mokka und bald auch der Stadt-SUV Crossland X vom Band. Der Standort hat 5080 Arbeitsplätze.

Großbritannien

Im Werk Ellesmere Port arbeiten 1830 Beschäftigte. Hier werden ebenfalls Astra-Modelle produziert.

Der Standort Luton nördlich von London hat 1530 Arbeitnehmer und baut den Kleintransporter Vivaro.

Österreich

Im Werk Aspern nahe Wien arbeiten 1390 Menschen. Dort werden Motoren und Getriebe hergestellt.

Ungarn

Motoren und Komponenten produziert auch die Fabrik in Szentgotthard mit 1210 Arbeitnehmern.

Italien

In Turin gibt es noch ein Zentrum zur Entwicklung von Dieselmotoren mit 700 Mitarbeitern.

Die Politik sorgt sich insbesondere um die Jobs der Autobauer. Denn wenn Opel tatsächlich an Peugeot verkauft werden sollte, droht dem angeschlagenen hessischen Autohersteller ein schwerer Aderlass. Besonders die Belegschaft müsste sich auf einen drastischen Stellenabbau einstellen. Allein am zentralen Opel-Standort Rüsselsheim könnte mindestens ein Drittel der Jobs überflüssig werden. Das erwartet Ferdinand Dudenhöffer, Automobilprofessor an der Universität Duisburg-Essen. In Deutschland hat Opel gut 20.000 Beschäftigte, im restlichen Europa kommen noch einmal rund 16.000 dazu.

Peugeot-Deal mit GM: Opel-Chef wurde von Übernahmeplänen überrascht

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Der mögliche Verkauf von Opel an den Rivalen Peugeot kam für Firmenchef Neumann offenbar überraschend. Er soll ganz andere Pläne für den Autobauer gehabt haben. Die Politik sorgt sich zunehmend um die Arbeitsplätze.

Nach einer Übernahme durch Peugeot gibt es in einem dann fusionierten Unternehmen Vieles doppelt. Das ist das Hauptargument für Dudenhöffer, dass Opel vor schweren Einschnitten stünde. Einkauf, Vertrieb, Marketing – alles würde wahrscheinlich nach Paris abwandern. Noch viel schwerwiegender wiegt der Entwicklungsbereich, den es dann ebenfalls zweimal geben würde. „In der neuen Einheit braucht man aber nur ein Zentrum für Motoren und nicht mehrere“, warnt Dudenhöffer.

Aktuell hat das technische Entwicklungszentrum in Rüsselsheim ungefähr 6000 Mitarbeiter. Eine Zahl, die nach einer Übernahme durch Peugeot mit ziemlicher Sicherheit deutlich schrumpfen dürfte. Die einzige Ungewissheit dürfte sein, wie schnell ein Verlagerungsprozess in Richtung Frankreich von statten gehen würde. „Wie lang der Übergangszeitraum sein wird, kann man schlecht sagen. Bekannt ist nur, das Peugeot-Chef Carlos Tavares aufs Tempo drückt“, sagt Dudenhöffer.

Erschwerend für die Opel-Beschäftigten kommt hinzu, dass sich die Motorentwicklung in Rüsselsheim auf Verbrennungsmotoren beschränkt. Da der Diesel absehbar an Bedeutung verliert, wird es für die Ingenieure in der Opel-Zentrale sowieso schon weniger zu tun geben.

Die Autobauer im Vergleich

General Motors

Der US-Konzern hat im vergangenen Jahr 10.008.000 Autos verkauft. Das waren knapp 50.000 Einheiten mehr als 2015. In Europa stieg das Volumen mit den Hauptmarken Opel und Vauxhall um über 30.000 Fahrzeuge auf 1,207 Millionen Stück.
Der Konzernumsatz in Höhe von 166,4 Milliarden US-Dollar (ca. 155,6 Millionen Euro) übertraf zwar das Vorjahresergebnis um 9,2 Prozent, der Gewinn ging jedoch auf 9,4 Milliarden Dollar (-2,7 Prozent) zurück.
Die Hoffnungen der Opel Group, zu der auch die britische Firmenschwester Vauxhall gehört, nach über 15 Jahren wieder die Gewinnzone zu erreichen, erfüllten sich nicht. Das Ergebnis fiel jedoch um rund 600 Millionen Dollar besser aus als 2015. Unterm Strich verblieb aber noch ein Minus von 257 Millionen Dollar.

Opel und Vauxhall

Der deutsche Autobauer und die britische Schwestermarke haben in Europa im vergangenen Jahr rund 1,16 Millionen Autos verkauft. Das entspricht einem Zuwachs von rund 46.000 Fahrzeugen (+4 Prozent) und ist der höchste Wert seit 2011. Der Marktanteil der beiden Marken blieb nahezu unverändert bei 5,73 Prozent.
Zum Anstieg der europaweiten Verkäufe trug vor allem der neue Opel Astra bei. Er stieg mit über 285.000 Neuzulassungen (+25 Prozent) in den vergangenen zwölf Monaten zum meistverkauften Modell des deutschen Autoherstellers auf.
Zwei neue Modelle von Opel, die in diesem Jahr auf den Markt kommen, stammen aus einer Kooperation mit PSA, unter anderem das SUV Crossland X.

Groupe PSA

Der Konzern mit den Marken Citroën, Peugeot und DS hat 2016 Jahr weltweit 3,146 Millionen Autos abgesetzt. Das sind 5,8 Prozent mehr als 2015. In Europa lagen die Verkaufszahlen bei 1,93 Millionen Fahrzeugen (+3,6 Prozent). Peugeot und Citroën steigerten sich dabei um 4,4 bzw. 4,3 Prozent.
2015 hatte PSA erstmals seit fünf Jahren wieder einen Gewinn eingefahren. Der Konzern verbuchte 2015 ein Nettoergebnis von 1,2 Milliarden Euro nach einem Verlust von rund 550 Millionen Euro. Europas zweitgrößter Fahrzeughersteller mit den Marken Peugeot, Citroën und DS verkaufte 2015 Jahr rund drei Millionen Autos.

Nach einer Übernahme durch Peugeot kann bei Opel aber niemand damit rechnen, dass es als Ersatz neue Entwicklungsaufträge für Elektrofahrzeuge geben wird. Der Batterieantrieb gehört künftig zur Kernkompetenz eines Herstellers – und dürfte deshalb ebenfalls ausschließlich in Paris angesiedelt sein.

Doch auch in der Produktion würde sich nach einer Übernahme etwas verändern, das steht außer Frage. Autoprofessor Dudenhöffer sieht schwere Zeiten auf die beiden Opel-Werke in Eisenach und in Kaiserslautern zukommen. „Die Unsicherheiten sind an beiden Standorten über Nacht hochgeschossen“, sagt der Hochschullehrer. Das Grundproblem dabei: In Europa gibt es einfach zu viele Autowerke, beide Fabriken sind vergleichsweise klein. Opel-Modelle könnten sehr wohl auch in Peugeot-Fabriken von den Bändern laufen. In Kaiserslautern fertigt Opel Motoren, Eisenach hat sich tendenziell auf Kleinwagen konzentriert.

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Kommentare (9)

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Herr J.-Fr. Pella

15.02.2017, 14:05 Uhr

Schon wieder haben alle Gewerkschaften und die SPD gepennt. Sie haben europäische Delegierten in allen Gremien und verschlafen alles.
Hauptsache mein eigenes Einkommen stimmt. Pfui Teufel.

Herr Tante Mila

15.02.2017, 15:57 Uhr

Ist schon interessant, was man in einer WIRTSCHAFTSzeitung wie dem Handelsblatt für schwachsinnige Kommentare lesen muss. Da wird einerseits der Brexit bejubelt, andererseits vergisst man dabei die Folgen für Unternehmen wie z. B. Opel, denen eine Vauxhall am Bein klebt. Und dann regt man sich auf, wenn der alte Eigentümer den Verlustbringer endlich abschneiden will. Sehr wirtschaftliche Sichtweise!

Es handelt sich hier um ein chronisch defizitäres Unternehmen, das vom Alteigentümer abgestoßen werden soll. Eine alltägliche Sache in der Wirtschaft. Doppelte Arbeitsplätze fallen weg, ist auch klar. Sowas sind dann die berühmten Synergieeffekte. Warum also die Aufregung? Unrentabele Unternehmen gehen entweder zugrunde oder werden gefressen. Oh weh, es geht um deutsche Arbeitsplätze? Dann fragen Sie doch einmal in den ganzen anderen EU-Ländern nach, von denen Deutschland ständig mehr Wettbewerbsfähigkeit fordert. Tja, nun trifft es halt mal ein deutsches Unternehmen. Pech gehabt!

Frau ida müller

15.02.2017, 15:59 Uhr

Wundert mich nicht. Das habe ich schon gesagt als GM Opel schluckte.
Wenn die Franzosen Opel schlucken, werden sie Opel weiter bluten lassen (womöglich noch auf Kosten dt. Steuerzahler).
Ich könnte wetten: jetzt wird erst Eisenach, dann irgendwann Lautern fallen.

Opel hätte direkt an VW gehen sollen. VW hatte es ja bereits seit 2000 versucht. Vielleicht sogar schon davor. Dann noch mal Ende 2009 und 2011. Letztlich wäre zumindest das Geld und Wissen in DE geblieben. VW hätte viel schneller Elektromotoren in den Autos gehabt usw.

Ach so: Solange GM die korrekten Zahlen inkl. Produktionskosten, Gehälter von Opel nicht veröffentlicht, wird wohl kaum jemand glauben, dass Opel in so tief roten Zahlen steht.

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