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09.01.2009

12:10 Uhr

Pharmabranche

Impfstoff-Hersteller bleiben begehrt

VonSiegfried Hofmann

In der Impfstoff-Industrie bahnt sich offenbar die nächste Übernahme eines Newcomers aus dem Biotechbereich an. Der US-Pharmakonzern Wyeth bemüht sich nach Informationen der Nachrichtenagentur „Bloomberg“ um eine Übernahme der niederländischen Crucell. Der Vorstoß von Wyeth folgt nur wenige Monate nach der Übernahme des Impfstoffspezialisten Acambis durch Sanofi-Aventis.

Der Impfstoffmarkt zeichnete sich in jüngerer Zeit durch überdurchschnittliche Wachstumsraten aus. Foto: ap ap

Der Impfstoffmarkt zeichnete sich in jüngerer Zeit durch überdurchschnittliche Wachstumsraten aus. Foto: ap

FRANKFURT. Bei Crucell handelt es sich um ein relativ junges Biotechunternehmen, das in den letzten Jahren durch eigene Entwicklungen und verschiedene Zukäufe ein rund 250 Mio. Dollar großes Impfstoffgeschäft aufgebaut hat. Der Kaufpreis könnte Agenturberichten zufolge rund 1,35 Mrd. Dollar betragen, was von den beiden Unternehmen aber nicht bestätigt wird. Crucell räumte am Donnerstag lediglich ein, man führe Gespräche mit einem potenziellen Käufer.

Der Vorstoß von Wyeth folgt nur wenige Monate nach der Übernahme des britischen Impfstoffspezialisten Acambis durch den französischen Konzern Sanofi-Aventis. Er bestätigt die generell hohe Bereitschaft von Pharmakonzernen zu Biotech-Akquisitionen und zeigt zugleich das deutlich wachsende Interesse an Impfstoffen. Letzteres gilt vor allem für jene Konzerne, die bereits ein etabliertes Geschäft in diesem Bereich mitbringen und in jüngerer Zeit dessen Vorzüge wieder schätzen lernten.

Mit weltweit etwa 16 bis 18 Mrd. Dollar Umsatz spielen Impfstoffe im globalen Pharmamarkt (mit gut 700 Mrd. Dollar Umsatz) zwar nur eine untergeordnete Rolle. Das Segment zeichnete sich in jüngerer Zeit aber durch überdurchschnittliche Wachstumsraten aus und gilt auch für die kommenden Jahre als aussichtsreich. Beim Marktführer Merck & Co ist es derzeit fast der einzige Lichtblick in einem ansonsten eher schrumpfenden Geschäft. Auch bei Sanofi und Glaxo-Smithkline lieferte das Impfstoff-Geschäft überdurchschnittliches Wachstum.

Der britische Konzern Glaxo verstärkte sich in dem Arbeitsgebiet vor zwei Jahren durch die Übernahme der kanadischen ID Biomedical für rund 1,8 Mrd. Dollar. Novartis, heute die Nummer Fünf in der Branche, fand Zugang zum Impfstoffgeschäft durch die Komplettübernahme ihrer US-Beteiligung Chiron im Jahr 2005 und erweiterte die Aktivitäten seither durch eine Reihe von Forschungskooperationen. Unter anderem besiegelte Novartis eine umfangreiche Allianz mit dem österreichischen Forschungsunternehmen Intercell, das an einer ganzen Reihe neuartiger Impfstoffe arbeitet. Intercell seinerseits erwarb im vergangenen Jahr die amerikanische Biotechfirma Iomai.

Das Geschäft mit Impfstoffen erlebte in den 80er und 90er Jahren eine Art Dornröschen-Schlaf, was etliche Pharmakonzerne zum Rückzug aus diesem Segment veranlasste. In den letzten Jahren gab es aber eine Renaissance, die vor allem von zwei Faktoren angetrieben wird: Zum einen sorgten neue Infektionskrankheiten wie SARS und die Angst vor Bio-Terrorismus für neues Interesse an präventiven Medikamenten. Zum anderen eröffneten die Fortschritte in der Genom- und Biochemie-Forschung Möglichkeiten für neuartige Produkte. Paradebeispiel ist etwa der gegen den krebsauslösenden HP-Virus gerichtete Impfstoff Gardasil, der dem US-Konzern Merck & Co zwei Jahre nach der Markteinführung bereits Milliardenumsätze beschert. Auch die Hoffnung auf sogenannte therapeutische Impfstoffe, die das Immunsystem gegen Krebszellen aktivieren, hat die Investitionsbereitschaft beflügelt.

Diese Entwicklung schlägt sich letztlich auch in den Bewertungen nieder. Bestätigen sich die Spekulationen um den Preis für Crucell, wird Wyeth immerhin mehr als das Vierfache des Umsatzes für ein Unternehmen zahlen, das jüngst gerade einmal seinen ersten Quartalsgewinn verbuchen konnte und für das Gesamtjahr 2007 noch 46 Mio. Euro Verlust ausgewiesen hat.

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