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20.06.2015

18:49 Uhr

Pharmakonzerne

Der griechische Patient

VonSiegfried Hofmann

Konkrete Sorgen lassen die Unternehmen bisher nicht erkennen: Die Pharmabranche gibt sich gelassen mit Blick auf eine mögliche Griechenland-Insolvenz. Aber das Volumen der offenen Forderungen steigt offenbar wieder an.

Die Pharmabranche dürfte die Situation in Griechenland genau verfolgen: Einer Zahlungsunfähigkeit des Landes könnte schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Doch die Unternehmen bleiben noch gelassen. Reuters

Griechenland

Die Pharmabranche dürfte die Situation in Griechenland genau verfolgen: Einer Zahlungsunfähigkeit des Landes könnte schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Doch die Unternehmen bleiben noch gelassen.

FrankfurtGriechenland trägt nur unbedeutende Anteile bei zum Geschäft der großen Pharmakonzerne. Dennoch dürfte die Branche die Krise in dem südeuropäischen Land besonders intensiv verfolgen. Denn ebenso wie in den meisten anderen Ländern werden auch in Griechenland die Arzneimittelkosten ganz überwiegend von den staatlichen Krankenversicherungen getragen. Und im Falle einer Zahlungsunfähigkeit des Landes könnte es sich die Branche aus moralischen Gründen kaum leisten, ihre Lieferungen von wichtigen Medikamenten einzustellen.

Nach Aussagen des Generalsekretärs des europäischen Pharmaverbandes Efpia, Richard Bergström, gegenüber der Agentur Reuters haben sich die Außenstände der Pharmabranche in Griechenland in den letzten Monaten auf rund 1,1 Milliarden Euro erhöht. Das entspricht gut 27 Prozent des griechischen Marktvolumens und deutet auf einen überdurchschnittlich hohen Forderungsbestand der Branche in dem Land. Weltweit wiesen die großen Pharmafirmen zuletzt im Schnitt Kundenforderungen von rund 19 Prozent eines Jahresumsatzes in ihren Bilanzen aus.

Bayer-Chef Marijn Dekkers warnte im Interview mit der „Bild-Zeitung“ davor, dass der aktuelle Zustand nicht länger anhalten dürfe. Mit Blick auf die griechische Schuldenkrise forderte er eine Entscheidung, „die auch für Jahre tragbar ist." Allerdings hatte der Bayer-Chef dabei vor allem die generelle politische Entwicklung mit Blick auf Griechenland im Auge und offenbar nicht die konkrete Situation für die Pharmaindustrie.

Die Branche zeigt sich vielmehr relativ entspannt. Konkrete Sorgen vor einem größeren Ausfall an Forderungen und Geschäft lassen die Pharmafirmen bisher jedenfalls nicht erkennen. Das gilt auch für Bayer. Es gebe mit Blick auf das Pharmageschäft in Griechenland keinen Grund zu besonderer Aufregung oder Dramatisierung, sagte ein Sprecher des Leverkusener Pharma- und Chemiekonzerns. „Wir beliefern Griechenland so wie immer.“ Die Außenstände hätten sich in jüngerer Zeit nicht dramatisch verändert und seien geringer als 2012 und 2013. Auch bei den meisten anderen Pharmafirmen waren Wertkorrekturen auf Griechenland-Außenstände in jüngerer Zeit kein Thema.

Mit einem Volumen von insgesamt knapp vier Milliarden Euro auf Basis von Fabrikabgabepreisen gehört Griechenland zu den kleineren Pharmamärkten in Europa. Fast alle wichtigen Arzneimittel müssen importiert werden, und knapp zwei Drittel der Arzneimittelkosten werden vom staatlichen Gesundheitssystem bestritten.

Zum Vergleich: In Deutschland setzt die Pharmabranche Medikamente im Wert von jährlich etwa 30 Milliarden Euro ab und erzielt zudem einen Exportüberschuss von mehr als 20 Milliarden Euro. Für die meisten großen Pharmakonzerne, so auch Bayer, spielt das Griechenlandgeschäft daher nur eine ganz untergeordnete Rolle, mit fast durchweg weniger als einem Prozent der Gesamterlöse.

Boehringer Ingelheim, die Nummer zwei der deutschen Pharmabranche, beziffert ihren Griechenlandumsatz auf 83 Millionen Euro, was 0,6 Prozent des Konzernumsatzes entspricht. Als einziger multinationaler Pharmakonzern betreibt Boehringer auch eine eigene Produktionsstätte in Griechenland. Größere Forderungsausfälle hat es in jüngerer Zeit nach Angaben einer Sprecherin nicht gegeben. Was die Folgen eines Grexits angehe, heißt es nur: „Grundsätzlich verfolgen wir landesspezifische Risiken aufmerksam, um rechtzeitig auf Veränderungen reagieren zu können.“

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