Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.10.2013

16:51 Uhr

Pharmasparte

Merck setzt auf Schwellenländer

Der Darmstädter Pharmakonzern Merck richtet sich künftig vermehrt auf Schwellenländer aus. Damit soll das teilweise schwache Geschäft gestärkt werden. Ein Problem werden künftige Patentabläufe sein.

Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck KGaA passt seine Strategie an. dpa

Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck KGaA passt seine Strategie an.

FrankfurtMerck will seiner Arzneimittelsparte durch Wachstum in Schwellenländern neuen Schub verleihen. Ein stärkerer Fokus auf Länder wie China, Russland und die Türkei soll dafür sorgen, dass die Pharmasparte Merck Serono auch in der aktuellen Umbauphase Wachstumsgelegenheiten nicht verpasst, wie die Leiterin von Merck Serono, Belen Garijo, Reuters im Interview sagte. „Fruchtbarkeitsmedizin und Onkologie bieten erhebliche Chancen in den Schwellenländern. Diese Märkte expandieren sehr schnell”, sagte die Managerin am Firmensitz in Darmstadt. Arzneien gegen Unfruchtbarkeit wie Gonal-f und Krebspräparate wie Erbitux sind zwei der Kerngebiete von Merck Serono. Bislang sorgten in den Schwellenländern vor allem die älteren Allgemeinarzt-Medikamente des Konzerns für Wachstum. „Wir versuchen das neu auszubalancieren, indem wir Fertilität und Onkologie hineinbringen”, sagte die Merck-Serono-Chefin.

Merck Serono setzte 2012 in Schwellenländern 1,74 Milliarden Euro um - 29 Prozent des Merck-Serono-Gesamtumsatzes. Der Konzern hatte seiner Pharmasparte nach Rückschlägen in der Arzneiforschung eine Rosskur verordnet, um deren Schlagkraft zu erhöhen und die Entwicklung neuer Wirkstoffe zu beschleunigen. Denn der Medikamentennachschub ist aktuell spärlich bestückt - zudem drohen ab Mitte des Jahrzehnts Patentabläufe.

Garijo zufolge will sich Merck Serono mit dem stärkeren Fokus auf Schwellenländer Wachstum sichern, bis dann langsam eigene Neuentwicklungen auf den Markt kommen. Ergänzt werden soll die Pharmapipeline durch den Kauf von Wirkstoffen von anderen Firmen. „Wir schauen uns sehr aktiv nach Gelegenheiten für Einlizenzierungen um,” sagte Garijo.

Ältere Allgemeinarzt-Medikamente, die bislang von Partnern in den Schwellenländern vertrieben wurden, will Merck Serono künftig wieder mehr in Eigenregie vertreiben. „Wir repatriieren das Portfolio, da wir sehen, dass einige der Verträge auslaufen. Wir nutzen dann unsere interne Organisation in diesen Ländern”, sagte die Managerin. So hatte beispielsweise bislang der US-Pharmariese Bristol-Myers Squibb das lukrative Diabetes-Präparat Glucophage in China vermarktet, nun geht es wieder auf Merck Serono über. Glucophage mit Umsätzen von zuletzt 400 Millionen Euro ist nach wie vor eine wichtige Stütze für Merck Serono, obgleich der Wirkstoff Metformin mittlerweile patentfrei ist - und damit Nachahmer bekommt. In manchen Schwellenländern ist Diabetes stark auf dem Vormarsch - entsprechend steigt dort die Nachfrage nach den Arzneien.

Pharmabranche an der Patentklippe

Wichtige Patente laufen aus

Die Pharmabranche steht vor schwierigen Zeiten: Nach Einschätzung des Beratungsunternehmens Accenture werden bis zum Jahr 2015 rund 50 Blockbuster ihren Patentschutz verlieren – das sind Arzneien, die für mindestens eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr sorgen. Die Originalprodukte verlieren nach Patentablauf in der Regel massiv Marktanteile an die deutlich preisgünstigeren Nachahmer-Produkte der Generikahersteller.

Cholesterinsenker und Blutverdünner

Betroffen sind die Medikamente etlicher Pharmakonzerne. Etwa der Cholesterinsenker Lipitor, mit dem Pfizer einst mehr als 12 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr machte. Oder der Blutverdünner Plavix, der Sanofi und Bristol-Myers Squibb 2011 mehr als neun Milliarden Dollar in die Kassen spülte. Auch das Asthma-Mittel Singulair von Merck verliert seinen Schutz.

Generikahersteller profitieren

Von Ablauf der Patente profitieren die Hersteller von Generika: Sie dürfen die Arzneien kopieren und zu günstigen Preisen verkaufen. Das dämpft die Kosten – auch die Patienten profitieren davon.

Probleme mit dem Nachschub

Der Pharma-Industrie fällt es immer schwere, neue Blockbuster-Medikamente zu entwickeln. Das hat mit den strikteren Zulassungsbedingungen und den schärferen Kontrollen der Behörden zu tun. Ein Beispiel: Der deutsche Hersteller Merck stoppte das Multiple-Sklerose-Medikament Cladribin, weil es in mehreren Ländern keine Zulassung bekam.

Zusätzlichen Schwung verspricht sich Garijo von neuen Studien, die dem umsatzstarken Darmkrebspräparat Erbitux Vorteile im Vergleich zum Konkurrenzmittel Avastin von Roche bescheinigen. „Wir haben immer noch Raum zu wachsen, bei Darmkrebs aufgrund unseres personalisierten Kras-Ansatzes”, sagte Garijo. Erbitux wirkt bei Darmkrebs-Patienten, deren Tumor dem so genannten Kras-Wildtyp entspricht - das sind rund 60 Prozent aller Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs. Von den Studienergebnissen, die Erbitux im Vergleich zu Avastin in dieser Patientengruppe eine höhere Wirksamkeit attestieren, erhofft sich Garijo Argumente für die Vermarktung des Präparats.

Nachahmermittel für Erbitux - so genannten Biosimilar-Generika - befürchtet die Managerin vorerst nicht. „Wir rechnen für mehrere Jahre nicht damit, dass wir ein Biosimilar sehen”, sagte Garijo. Merck besitzt die Rechte an Erbitux außerhalb der USA und Kanada. In Nordamerika liegen sie bei den US-Pharmafirmen Eli Lilly und Bristol-Myers Squibb. Analysten hatten zuletzt prognostiziert, dass Erbitux in Europa schon ab 2015 Nachahmer-Konkurrenz drohen könnte. Von Thomson Reuters Pharma befragte Analysten schätzen, dass Erbitux im Jahr 2014 einen Spitzenumsatz von 1,25 Milliarden Dollar erreicht, der dann bis 2018 auf 1,1 Milliarden Dollar zurückgeht. 2012 setzte Merck mit Erbitux 887 Millionen Euro (1,20 Mrd. Dollar) um.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×