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19.08.2015

08:20 Uhr

Pink Viagra

Mehr Sex durch Pillen?

VonAxel Postinett

Trotz aller Kritik ist die „Sex-Pille für die Frau“ jetzt in den USA zugelassen. Ist das ein Segen für die gleichberechtigte Frau oder nur ein gigantisches Geschäft mit einer Modepille ohne echten Nutzen?

Umstrittene Sex-Pille „Pink Viagra“

Mit dieser Pille soll die weibliche Lust gesteigert werden

Umstrittene Sex-Pille „Pink Viagra“: Mit dieser Pille soll die weibliche Lust gesteigert werden

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San FranciscoFür Janet Woodcock ist die Sache klar: „Mit der heutigen Entscheidung bekommen Frauen, die mit ihrem Sexualleben unzufrieden sind, eine zugelassene Therapie-Option“, erklärt die Chefin der Abteilung Medikamentenforschung und Überprüfung der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA. Gemeint ist „Addyi“, eine Pille, die - wenn täglich eingenommen - für Frauen die Lust auf Sex steigern soll.

Fälschlicherweise wird sie auch als „Viagra für die Frau“ oder „Pink Viagra“ bezeichnet, was so aber nicht stimmt. Viagra behandelt das klar diagnostizierte physische Krankheitsbild der Erektionsstörung durch gezielte Steigerung der Durchblutung im Genitalbereich. Der Wirkstoff „Flibanserin“ in Addyi soll dagegen im Kopf der Frau sozusagen einen emotionalen Schalter umlegen. Flibanserin senkt den Spiegel des lusthemmenden Hormons Serotonin und veranlasst die Ausschüttung der Glückshormone Dopamin und Noradrenalin. Das soll die Lust auf Sex steigern.

Umsätze in der Branche steigen: Die Pharmariesen sind zurück

Umsätze in der Branche steigen

Premium Die Pharmariesen sind zurück

Jahrelang stagnierten die Umsätze in der Pharmabranche, nun wächst das Geschäft wieder, und zwar deutlich. Dabei kommen viele neue Medikamente erst noch auf den Markt. Hinter der Wiederbelebung stecken zwei Effekte.

Für den Hersteller Sprout ist die abschließende Zulassung durch die FDA, die Food and Drugs Administration, ein Meilenstein und vielleicht die Lizenz zum Gelddrucken. Milliarden von Dollar winken, wenn das Produkt auf den Markt kommt. Die Chancen sind gut, dass es nicht nur Frauen für sich kaufen, sondern genug Männer ihre Frauen und Partnerinnen dazu drängen werden.

Möglich wäre dann ein vergleichbarer Erfolg wie ihn Pfizer mit Viagra, der Pille gegen Erektionsstörungen für Männer, erzielt hat. Seit 2003 erwirtschaftet der Pharmariese damit pro Jahr konstant zwischen 1,6 und zwei Milliarden Dollar. Eingeführt wurde Viagra 1998. Die größten Konkurrenten sind heute Cialis von Ely Lilly und Levitra von Bayer.

Sprout, gegründet von Cindy und Robert Whitehead, hätte aber heute, so wie Pfizer damals, den Vorteil, den Markt zunächst alleine zu beherrschen, da es bislang keine ähnlichen Mittel wie Addyi gibt. Wann und ob das Produkt nach Deutschland kommen wird, ist noch nicht klar.

Fragen und Antworten zur neuen Lustpille für die Frau

Wie funktioniert die Pille?

Addyi mit dem Arzneistoff Flibanserin wirkt ähnlich wie Antidepressiva auf Neurotransmitter im Gehirn ein, die etwa den Gemütszustand und Appetit regeln. Addyi war ursprünglich auch als Mittel für die Behandlung von Depressionen gedacht, bevor es zu einem Medikament für die Förderung der Libido umfunktioniert wurde.

Wer wird das Medikament einnehmen?

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat Addyi für Frauen vor den Wechseljahren zugelassen, die an sexueller Hypoaktivität leiden, also einem mangelnden Geschlechtstrieb, der auch zu seelischer Belastung führt.

Warum war die Zulassung umstritten?

Der Weg zur Zulassung des Medikaments war lang und umstritten. Die FDA hatte Addyi zwei Mal abgelehnt. Über Jahre stritten zwei gegnerische Lager über das Schicksal dieser Pille. Auf der einen Seite argumentieren Arzneimittelhersteller und einige medizinische Experten, dass Frauen von der FDA zugelassene Medikamente bräuchten, um sexuelle Störungen zu behandeln, die sie als ernste medizinische Probleme betrachten. Auf der anderen Seite sehen Verfechter der Verbrauchersicherheit die Nebenwirkungen von Addyi als zu riskant ein. Zudem bezweifeln einige Psychologen, das eine schwache Libido als Krankheit einzustufen ist.

Der Konzern Sprout Pharmaceuticals warb außenstehende Politiker und Frauengruppen an, um sich dafür einzusetzen, dass die FDA das Medikament zulässt.

Funktioniert das Medikament?

Experten beschreiben die Wirkung von Addyi in der Regel als mäßig. In Unternehmensstudien berichteten Frauen, die Flibanserin einnahmen, von einem leichten Anstieg sexuell befriedigender Ereignisse jeden Monat. Ihre Antworten auf separaten Fragebögen deuteten darauf hin, dass sie eine geringfügige Zunahme der Lust und einen geringen Rückgang von Stress erlebten.

Während Wissenschaftler der FDA diese Wirkungen als klein beschreiben, waren sie signifikant genug, um FDA-Wirksamkeitsstandards zu erfüllen.

Was sind die Nebenwirkungen?

Rund zehn Prozent der Patientinnen in den Studien von Sprout Pharmaceuticals erlebten die am häufigsten auftretenden Probleme Schwindel, Müdigkeit und Übelkeit. Das Medikament wird mit einer Warnung kommen, dass Frauen keinen Alkohol trinken oder bestimmte andere Arten von Medikamenten wie Arzneimittel zur Behandlung von Pilzinfektionen einnehmen sollten, da eine Wechselwirkung möglich sei, die zu niedrigem Blutdruck und Ohnmacht führen könnte.

Wie viel wird die Pille kosten?

Nach Angaben von Sprout Pharmaceuticals bezahlen Frauen, die eine Krankenversicherung haben, zwischen 30 und 75 Dollar für einen einmonatigen Vorrat an Addyi.

Warum hat die FDA Addyi diesmal zugelassen?

Als die FDA Addyi 2010 ablehnte, verwies die Behörde darauf, dass das Medikament ein wichtiges Ziel nicht erreicht habe - Lust zu steigern, basierend auf täglichen Protokollen von Patientinnen. Aufgrund dieser fehlenden Wirksamkeit, würden die negativen Nebenwirkungen der Pille ihre Vorteile überwiegen, hieß es.

Seitdem führte Sprout eine weitere Studie zu sexueller Lust durch, bei der eine andere Methode angewandt wurde, die statistische Signifikanz erreichte. Das Unternehmen führte auch mehrere Sicherheitsstudien durch, um die Risiken des Medikaments genauer bestimmen zu können, die in den Warnhinweisen erläutert werden.

Die FDA muss jegliche Entscheidung basierend auf der Wissenschaft treffen. Doch glauben Kritiker, dass auch von Sprout bezahlte Lobbyisten eine Rolle bei der Zulassung von Addyi gespielt haben.

Wann wird das Medikament erhältlich sein?

Sprout will das Medikament Mitte Oktober auf den Markt bringen.

Denn der Weg zur US-Zulassung der kleinen rosa Pille war schon hart, steinig und umstritten genug. Der Wirkstoff war bereits zweimal abgelehnt worden, beim ersten Mal 2010 als die Rechte noch beim deutschen Pharmakonzern Boehringer Ingelheim lagen, der Flibanserin ursprünglich entwickelt hatte. Sprout sicherte sich dann alle Rechte an der umstrittenen Glückspille, scheiterte 2013 erneut und startete den nächsten Anlauf. Diesmal mit Erfolg.

Kommentare (2)

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Herr Teito Klein

20.08.2015, 08:54 Uhr

Viagra für die Frau
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Jetzt gibt es die Sexpille für Frauen.
„Ja, tiefer, härter, schneller: arg! Das ist geil!“.
Ich brauche gleich eine Klinikpackung!

Frau sandra meyer

20.08.2015, 11:36 Uhr

Alter Hut

Denken die Amis wirklich, sie sind die ersten, die ein "Potenzmittel" für die Frau auf den Markt bringen?? Dann irren sie sich aber ganz gewaltig, gibt es in Deutschland schon lange, wissen nur noch nicht alle: Lissilust.
Besser, denn pflanzlich und somit ohne Nebenwirkungen.
Soll die USA doch ihren chemischen Kram behalten!!

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