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22.01.2014

20:40 Uhr

Pläne der Bundesregierung

Industrie übt scharfe Kritik an Energiereform

BASF, Bayer und Wacker Chemie kritisieren die Energiereform stark. Die Regierungspläne bedeuten für sie eine stärkere Belastung. Branchen wie die Chemieindustrie müssen fortan tiefer in die Tasche greifen.

Strom aus Kraftwerken auf Basis erneuerbarer Energien wird 70 Prozent der Ökostrom-Umlage fällig. dpa

Strom aus Kraftwerken auf Basis erneuerbarer Energien wird 70 Prozent der Ökostrom-Umlage fällig.

FrankfurtDie Chemiekonzerne BASF, Bayer und Wacker Chemie haben die Regierungspläne für eine stärkere Belastung der Industrie im Zuge der Energiereform scharf kritisiert. Die bisher von der Ökostrom-Umlage befreite Eigenproduktion von Strom soll künftig für die Abgabe herangezogen werden, wie aus der Kabinettsvorlage hervorgeht, die der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch vorlag. Auf Branchen wie die Chemieindustrie kommen nun höhere Kosten zu.

„Für BASF würde diese Regelung pro Jahr zusätzliche Kosten im mittleren bis hohen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich bedeuten“, sagte ein Sprecher des weltgrößten Chemiekonzerns. „Unverständlich ist, dass für die Vergütung erneuerbarer Energien weiterhin Bestandsschutz gelten soll, für die Stromversorgung der Industrie aus bereits bestehenden eigenen Anlagen dagegen nicht.“

Bislang müssen Betriebe auf selbst erzeugten Strom keine Ökostrom-Umlage zahlen. Die Pläne sehen vor, dass Energie aus neuen Anlagen der Industrie künftig mit 90 Prozent der Umlage belastet werden. Auf Strom aus Kraftwerken auf Basis erneuerbarer Energien und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) wird 70 Prozent fällig. „Unsere KWK-Anlagen würden sich, sollten diese Pläne umgesetzt werden, nicht mehr wirtschaftlich betreiben lassen, sowohl die bestehenden als auch die neuen“, sagte ein Bayer-Sprecher.

Ausgewählte Firmen, die von der EEG-Umlage befreit sind

Allgemeines

Insgesamt 1716 Unternehmen sind im Jahr 2013 von der EEG-Umlage ausgenommen. Das enspricht einer begünstigen Strommenge von 95 Terawattstunden – das sind etwa 16 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs in Deutschland. Alleine 2013 blieben den Firmen rund vier Milliarden Euro an Kosten erspart.
Befreit werden können Unternehmen, die mindestens eine Gigawattastunde Strom im Jahr verbrauchen und deren Stromkostenanteil mehr als 14 Prozent beträgt.

Ausblick

Für 2014 haben 2379 Unternehmen eine Befreiung von der EEG-Umlage beantragt. Das entspricht dem zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) zufolge fast 120 Terawattstunden oder 20 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs in Deutschland. Allerdings werden etliche Anträge auch abgelehnt.

allfein Feinkost

Der Geflügelverarbeiter gehört zur PHW-Gruppe, dem größten Geflügelzüchter und -verarbeiter Deutschlands. Dort wird unter anderem für Aldi produziert. Drei allfein-Standorte in Lohne, Dannenberg (beide Niedersachsen) und Zerbst (Sachsen-Anhalt) sind von der EEG-Umlage ausgenommen.

Aurubis

Extrem viel Strom wird in der Metallherstellung benötigt. Der Kupferproduzent Aurubis beziffert die Entlastung durch die Befreiung in den vergangenen drei Jahren auf 102 Millionen Euro.

BASF

Zu den energieintensiven Unternehmen in Deutschland zählen viele Chemiebetriebe. Der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF hat berechnet, dass ein Ende der EEG-Umlagebefreiung allein im Stammwerk jährliche Mehrkosten von mehr als 300 Millionen Euro bedeuten würde.

Bogestra – Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen

Ein Kompromiss mit der EU könnte sich darin andeuten, dass die Befreiung für Unternehmen ausgesetzt wird, die nicht im internationalen Wettbewerb stehen. Dazu zählen etwa Straßenbahnunternehmen – insgesamt 53 sind in Deutschland befreit. Die volle EEG-Umlage zahlen zu müssen würde die Bogestra jährlich 1,28 Millionen Euro kosten.

Lanxess

Der Kautschuk-Hersteller hat in den vergangenen drei Jahren mehr als 100 Millionen Euro gespart durch die EEG-Befreiung. Eine diskutierte mögliche Nachzahlung dürfte das Unternehmen in die Verlustzone drücken.

Storck

Ein Werk des Süßwarenherstellers („Merci“, „Toffifee“ etc.) in Berlin ist von der EEG-Umlage ausgenommen.

Vion

Die Betriebe des Schweineschlachters Vion sind zum großen Teil von der EEG-Umlage befreit. Die Stromkosten müssen mindestens 14 Prozent der Bruttowertschöpfung des Unternehmens ausmachen, um in Frage zu kommen. Gegen Vion wurde etwa in der ZDF-Sendung Frontal der Vorwurf erhoben, durch den Einsatz von Werkverträgen statt Festangestellten unter diese Schwelle zu kommen.

Schwarzwald-Sprudel

Nicht nur Industrieunternehmen sind befreit, auch Lebensmittelbetriebe. Schwarzwald Sprudel gehört der Supermarktkette Edeka.

Der Leverkuser Pharma- und Chemiekonzern Bayer betreibt KWK-Anlagen für sein energieintensives Kunststoff-Geschäft. „Damit ist auch nicht eingelöst, was ursprünglich versprochen wurde, dass nämlich KWK-Anlagen weiter wirtschaftlich betrieben werden können“, sagte der Sprecher. Im Koalitionsvertrag habe es noch geheißen, dass die Eigenstromerzeugung nur sehr moderat belastet werden soll. Insofern würde das gegen den Koalitionsvertrag verstoßen.

Auch Wacker Chemie kritisierte die Pläne. Der Münchner Konzern wäre von Abgaben auf selbst erzeugten Strom betroffen, falls ein solches Vorhaben Gesetz würde, sagte ein Sprecher. „Grundsätzlich halten wir alle Maßnahmen für kontraproduktiv, die die Belastung der energieintensiven Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, weiter erhöht“, fügte er hinzu. Die Schere bei den Stromkosten zwischen deutschen Unternehmen und ihren ausländischen Konkurrenten würde dadurch noch weiter aufgehen. Der Spezialchemiehersteller verbraucht trotz eigener Kraftwerke fast ein Prozent des deutschen Netzstroms.

Von

rtr

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

23.01.2014, 10:07 Uhr

Da hört man sie wieder alle laut aufschreiben. Die Lobbyisten stehen bestimmt schon in den Startlöchern um die Politiker von ihren Plänen abzubringen. Bald bekommen wir auch wieder zu hören, daß deutsche Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen....

Account gelöscht!

23.01.2014, 13:44 Uhr

Irgendwie muß doch der "EXPORTWELTMEISTER"-Deutschland klein zu kriegen sein!

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