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02.05.2012

11:34 Uhr

Plagiate aus der Heimat

Deutschland kopiert sich selbst

VonCatrin Bialek

Plagiate kommen längst nicht mehr nur aus Fernost. Das müssen Markenhersteller wie Reisenthel oder Koziol immer wieder feststellen. Denn viele Kopierer sitzen auch in Deutschland - und erweisen sich als sehr geschickt.

Der Schmähpreis „Plagiarius“ vor dem Original-Einkaufskorb von Reisenthel und Fälschungen. picture-alliance/ dpa

Der Schmähpreis „Plagiarius“ vor dem Original-Einkaufskorb von Reisenthel und Fälschungen.

DüsseldorfPeter Reisenthel erstarrte, als er sich durch den Onlineshop des Hamburger Kaffeerösters Tchibo klickte – und einen roten Kühltragekorb entdeckte, samt Textilbespannung, die am oberen Rand den Aluminiumrahmen durchscheinen ließ. Das für 14,95 Euro beworbene Produkt sah dem „carrybag“, einem Verkaufsschlager seines mittelständischen Unternehmens, zum Verwechseln ähnlich. Nur dass modebewusste Konsumenten bei Reisenthel Accessoires für die trendige Weiterentwicklung des biederen Weidenkorbs knapp 40 Euro zahlen müssen.

Immer wieder wird das flotte Design abgekupfert. „Wir wissen von weit mehr als 200 Kopien“, sagt Reisenthel. Das Pikante: China ist zwar noch immer die Nummer eins unter den Nachahmern, doch Reisenthel hat festgestellt, dass die Auftraggeber nicht selten in Deutschland sitzen. „Der Anstoß kommt in aller Regel von den großen Handelsketten“, sagt der Firmeninhaber.

Echt oder falsch?

Fälschungen

Gefälschte Produkte sehen genauso aus wie das Original, sogar das Logo des vermeintlichen Markenherstellers prangt in aller Regel auf ihnen. In Deutschland werden allerdings kaum Fälschungen fabriziert – die meisten Fälle von Produktpiraterie stammen aus Asien. Allein im Jahr 2010 haben europäische Zollbeamte an den EU-Außengrenzen mehr als 103 Millionen schutzrechtsverletzende Waren beschlagnahmt. Der Wert: mehr als eine Milliarde Euro.

Plagiate

Viele Produkte, die eine hohe Ähnlichkeit zu den verkaufsstarken Originalen haben, werden inzwischen in Deutschland hergestellt oder aber in Auftrag gegeben. Plagiate gibt es in fast allen Branchen, beispielsweise Mode, Kinderspielzeug, Haushaltsgeräte oder Badarmaturen. Eine zahlenmäßige Erfassung gibt es nicht.

Deutschland – nicht länger das Land der Tüftler und Entwickler, sondern das Land der Kopierer, Fälscher und Nachahmer? Ist „Made in Germany“ womöglich schon bald nicht mehr nur ein Qualitätsausweis, sondern – wie ursprünglich – auch ein warnendes Zeichen, um deutsche Produkte im Ausland zu brandmarken?

Längst geht es nicht mehr nur um nette, handliche Verbrauchsgüter. Auch in der Maschinenbaubranche wächst der Verdruss über heimische Nachmacher. Ein Viertel aller nachgebauten Maschinen kommt bereits von deutschen Wettbewerbern, kritisierte Hannes Hesse, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VDMA, diese Woche. Damit belegt Deutschland – nach den Chinesen, die für 70 Prozent der Plagiate verantwortlich sind – den zweiten Platz dieses unrühmlichen Rankings. Hesse beklagt einen „Verfall der Sitten“ – auch im Inland. Der Schaden: acht Milliarden Euro allein im Maschinenbau.

Welche Ausmaße das Nachahmertum in Deutschland hat, zeigt seit 2007 das Museum Plagiarius in Solingen. Rund 350 Originale und Fälschungen sind dort ausgestellt – nicht selten stammt beides aus deutschen Landen.

So hat beispielsweise der Rucksack „Punch“ der Marke Bree ein deutsches Imitat an seiner Seite. Jedes Jahr verleiht die Aktion Plagiarius überdies Negativpreise für die dreistesten Kopien in der Warenwelt. Auf diese Weise prangerte Initiator Rido Busse unter anderem eine Kopie der Event-Tasche „Basic“ von Halfar System in Bielefeld an, nachgemacht von Wil Langenberg in Hückeswagen. „Vor allem die großen Discounter, die jede Woche ihre Regale mit neuer Aktionsware befüllen, bieten häufiger Kopien von Produkten kleiner innovativer Firmen an“, sagt Plagiarius-Sprecherin Christine Lacroix. Doch nicht nur das: „Auch der mittelständische Wettbewerber, der nur einige Dörfer weiter sitzt und arbeitet, kupfert durchaus von seinem Konkurrenten ab.“

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