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04.09.2012

10:19 Uhr

Porsche-Betriebsrat

Uwe Hück gibt sich kampfbereit

VonLukas Bay, Mark Christian Schneider

In seinen 50 Lebensjahren hat sich Uwe Hück vom Heimkind zum Betriebsratsvorsitzenden bei Porsche hochgearbeitet. Seine Biografie ist eine kämpferische Abrechnung mit alten Freunden, neuen Feinden und der Politik.

Düsseldorf/ZuffenhausenTänzelnd nähert sich der fast zwei Meter große Mann mit dem kahlen Schädel der Zukunft. „Alles, was ich mache, ist nicht geplant“, sagt Porsches Betriebsratschef Uwe Hück. „Ich bin Betriebsrat geworden statt Weltmeister im Thaiboxen, dann Aufsichtsrat und habe mit Porsche-VW einen der größten Wirtschaftskrimis hautnah erlebt.“ Hücks Lehre aus seinem Berufsleben, das ihn 1985 als Lackierer zu Porsche brachte: „Ich weiß nicht, was der Herrgott als Nächstes mit mir vorhat.“

Eine Idee hat der 50-Jährige schon. Wer seine heute erscheinende Autobiografie („Volle Drehzahl“, Campus Verlag) liest, merkt schnell: Hier fühlt sich einer berufen, der als Kind ungerecht behandelt wurde, die Dinge politisch besser zu machen.

Uwe Hück über...

seine schwierige Jugend im Heim

„Türklinken brauchte ich nicht, durch einen gezielten Tritt aus dem Lauf heraus öffneten sich die Türen viel eindrucksvoller. Das Leben im Heim hatte sehr bald einen schwierigen Menschen aus mir gemacht. Aggression, Sonderschule, schwer erziehbar: Es sah nicht gut für mich aus.“

den Wendepunkt seiner Jugend

„Da gab es diesen Lehrer, dessen Name ich leider vergessen habe. In der Schule hatte dieser Lehrer erkannt, dass es Bereiche in meiner Persönlichkeit gab, die nie gefördert worden waren. Endlich sah ich einen Nutzen in dem, was ich tat. Es lohnte sich zu lernen und ich lernte schnell. Ich begriff zum ersten Mal, dass aus Wissen Macht werden konnte.“

den Beginn seiner Lehre

„Ich war frei, endlich! Ich lernte das Gefühl kennen, gebraucht zu werden. Mein Selbstwertgefühl, das im Heim fast zerstört worden war, wurde durch die tägliche Arbeit stärker. Maler und Lackierer – ich war stolz auf meinen Beruf.“

die Idole seiner Jugend

„Je älter ich wurde, desto mehr faszinierten mich Winnetou und Robin Hood. Winnetou, dieser edle, für Gerechtigkeit und Frieden kämpfende Indianer. Robin Hood, dieser Ritter aus dem Sherwood Forest, der den Armen gab, was er den Reichen genommen hat. Ich wollte so werden wie sie, wenn ich eines Tages aus dem Heim rauskommen wollte.“

sein Vergangenheit als Thaiboxer

„Das Bild vom Boxer im Ring, alleine auf sich gestellt, passte besser zu mir als das vom Fußballspieler, der die Bälle abgeben und seine Erfolge immer durch elf teilen muss. Ich lernte die Grundtugenden asiatischer Kampfsportarten kennen. Feste Regeln, an die sich jeder bedingungslos zu halten hatte.“

seine erste Bewerbung bei Porsche

„Ich brauchte Geld, wenn die Weltmeisterschaft in Thailand, von der ich nicht nur heimlich träumte, nicht ein ewiges Ziel bleiben sollte. In der Zeitung fand ich eine Annonce: „Lackierer gesucht“ – Porsche und Zuffenhausen standen darunter. Schon sah ich mich in der lukrativen Nachtschicht, ein paar Monate Geld verdienen, dann ab nach Thailand und Weltmeister werden. Mein Bewerbungsschreiben kam aber bald zurück. 'Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Sie für diese Tätigkeit nicht ausreichend qualifiziert sind.'“

seinen Einstieg bei Porsche

„Ich schaffte es irgendwie zu dem Absender meiner Absage durchgestellt zu werden. „Wie kommen Sie dazu, aus der Ferne zu beurteilen, dass ich nicht qualifiziert genug bin für diesen Job? Schreiben Sie doch, dass Sie keinen Platz haben oder dass Sie keine Kinder aus dem Heim gebrauchen können! Schreiben Sie irgendwas, aber nicht, dass es mir an Qualifikation fehlt!“ Vom 1. April 1985 war ich Porscheaner. Ich kam in die Nachtschicht, wie ich es gewünscht hatte.“

seine Wahl zum Vertrauensmann

„Wir fanden drei Kandidaten und ich denke gerne an das Ergebnis zurück: Meine Kolleginnen und Kollegen in der Lackiererei schenkten mir 90 Prozent ihrer Stimmen! Ich war jetzt 25 Jahre alt, mein Kampf um die Weltmeisterschaft geriet weiter in den Hintergrund, denn ich fühlte immer deutlicher, dass ich hier gebraucht wurde.“

seinen Karrierebeginn als Gewerkschafter

„Ich war Lackierer und konnte reden, notfalls auch schreien, aber würde das ausreichen, um mit Vorständen an einem Tisch zu verhandeln? Das Eis war dünn, aber ich wagte mich darauf, auch auf die Gefahr hin, auszurutschen oder gar einzubrechen. Mit der Erfahrung meines Sportlerlebens redete ich mir ein, dass es nichts anderes sei als der nächste Kampf.“

die Unternehmenskultur bei Porsche

„Wir können heute auf eine ausgeprägte soziale Kultur in unserem Konzern blicken. Die aber konnte sich nur entwickeln, weil den Arbeitgebern eine sehr selbstbewusste Belegschaft gegenüber stand, bis heute. Schon der kleinste Versuch der Vorstände, an diesen sozialen Errungenschaften zu rütteln, würde unweigerlich in einer Zuffenhausener Revolution enden.“

Hück, der weder eine Geburtsurkunde noch Bilder seiner Eltern besitzt, schildert etwa seine schwierige Jugend, die er in Waisenhäusern verbrachte und seine Konflikte, die er mit seinen strengen Erziehern und Lehrern ausgefochten hat. Er schreibt von seiner Karriere als Thaiboxer und wie er von seinem Manager betrogen wurde. Bildreich beschreibt er auch seinen schwierigen Start bei Porsche, wo er zunächst abgelehnt wurde und dann von einem schwierigen Meister getriezt wurde. Und wie er es trotzdem geschafft hat, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen.

Zwischen den Zeilen wird klar: Hück will zeigen, wie er zum Kämpfer gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens wurde - und er will andere ermuntern, es ihm nachzutun. Sein Buch ist den Kindern gewidmet, die glauben, keine Chance zu haben. Er liebt das Bild des Boxers im Ring, sieht sich als Mann des Volkes, als Working-Class-Hero. Nun scheint der kahlköpfige Hühne an der Spitze des Porsche Betriebsrates einen neuen Kampfplatz für entdeckt zu haben: Die Politik.

„Die Schulpolitik in Deutschland ist falsch“, sagt Hück im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Zustand der Hauptschulen? „Miserabel.“ Die Reichen müssten mehr freiwillig geben, besonders für Bildung. Kinderarmut will er gesetzlich verbieten lassen. Jedem Kind müsse man ein Recht auf Bildung zusichern.

„Ich will nicht über ein Buch in die Politik einsteigen. Die Menschen müssen auf mich zukommen“, sagt Hück, der seit 1982 Mitglied der SPD ist. Doch sein Buch wirkt wie eine Bewerbung - mit ausgezeichneten Referenzen. Ein ganzes Kapitel widmet er seinen politischen Freunden. Hück lässt mehrere Politiker als Fürsprecher in seinem Buch auftreten: Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Ex-SPD-Chef Franz Müntefering und selbst den ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Stefan Mappus. Er schreibt über sein soziales Engagement als Vorsitzender des Sportvereins FSV Buckenberg im Pforzheimer Migrantenviertel Haidach, über seinen Einsatz für Integration und die Liebe zu seiner vietnamesischen Frau. Und er schwärmt von Herbert Wehner und Willy Brandt.

Uwe Hück über...

Politische Idole

„Aus Bewunderung für Politiker wie Herbert Wehner und Willy Brandt war ich schon ein paar Jahre zuvor in die SPD eingetreten. Wehner, dieser geniale angriffslustige Redner, der mit einem halben Satz eine ganze Debatte beenden konnte. Brandt, dieser große Mann des Ausgleichs, der immer für Versöhnung kämpfte. Sie waren die Idole meiner späten Jugend.“

Integration

„Ich kein Verfechter einer deutschen Leitkultur, aber bei mir wird Deutsch gesprochen! Ich sage es immer wieder, denn ich glaube fest daran, dass es jeder in Deutschland packen kann, ob Heimkind, Migrant oder Aussiedler. Wer in Deutschland leben und arbeiten will, muss Deutsch lernen. Das ist eine Grundvoraussetzung. Das heißt aber nicht, seine Wurzeln oder seine Herkunft zu verleugnen.“

hohe Managergehälter

„Ich habe nichts gegen hohe Gehälter, im Gegenteil. Als vor ein paar Jahren die Bezüge von Dr. Wiedeking an die Öffentlichkeit gerieten, war ich der Erste, der die – zugegebenermaßen  stattliche – Summer von circa 50 Millionen Euro verteidigte. Ich habe immer hohe Gehälter für unsere Wirtschaftsführer gefordert, solange sie unternehmerischen Erfolg und soziale Kompetenz einbrachten.“

Politikergehälter

Deutschland braucht nichts weniger als eine Neiddebatte, aber es ist höchste Zeit, die bestehenden Verhältnisse zu korrigieren. Warum nicht weg mit den Pfründen und Privilegien der Vergangenheit? Warum nicht erfolgsabhängige Managergehälter für Politiker?

Umverteilung

Ich forderte eine Börsenumsatzsteuer, damit das Kapital zur sozialen Gerechtigkeit beitragen konnte und hatte damit eine unerwartet positive Resonanz in den Medien. Robin Hood war wieder da.

In der Kanzlerfrage scheint Hück sich festgelegt zu haben. „Ich glaube, dass dieses Land wieder einen sozialdemokratischen Bundeskanzler braucht“. SPD-Parteichef Sigmar Gabriel lobt er als wortgewandt, ehrlich und bescheiden. Auf den letzten Seiten seines Buches veröffentlicht er sogar eine Rede, die der SPD-Chef zu seinem 50. Geburtstag gehalten hat. Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück werden in seinem Buch nicht erwähnt. „Wenn jetzt die Gelegenheit kommen sollte, und es heißt: Uwe, rede nicht nur, übernimm Verantwortung, dann mache ich es“, sagt Hück.

Kommentare (3)

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Kapturak

04.09.2012, 10:39 Uhr


Lieber Herr Hück, früher war die SPD mal eine Arbeiterpartei. Arbeit bedeutet, man tut etwas, das anderen nützt. Heute ist das eine Partei von linken Schmalspurintellekuellen, für die Arbeit und Wirtschaft etwas völlig fremdes ist. Unter Solidarität versteht die SPD, dass das, was die Bevölkerung erarbeitet, an befreundete Regierungen und deren Banken weiterverschenkt wird - ohne Gegenleistung versteht sich.

Und da wollen Sie als wackerer Arbeitsmann mitmachen ?

alibori

04.09.2012, 10:50 Uhr

Wackerer Arbeitsmann? Arbeiterbürokrat wäre besser.

Account gelöscht!

04.09.2012, 11:53 Uhr

Betriebsräte leben wie die Maden im Speck von der Arbeit ihrer (ehemaligen) Kollegen. Sie sind inzwischen sogar zu Antreibern und Aufsehern mutiert.

Da ist mir der Kapitalist mit Zylinder, Zigarre und Zeigefinger weitaus lieber.
Herr Hück, wenn sie soviel draufhaben: Unternehmer werden, und zeigen, was sie können. Und wenn das nicht Ihr Ding ist: Politiker, auch recht. Aber nicht Bonze bei den Sozis, davon haben wir genug und ob gute oder schlechte Parteibonzen, das ist auch ganz Wurst. Gehn Sie zu den Piraten!

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