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05.11.2015

17:24 Uhr

Porsche-Prozess

„Es wird im Nachhinein nirgendwo so viel gelogen wie am Kapitalmarkt“

Tag vier im Porsche-Prozess gegen Ex-Branchen-Star Wiedeking und Ex-Finanzchef Härter: Die Manager sollen bei der Übernahmeschlacht um VW mit verdeckten Karten gespielt haben. Nun scheint ein Gutachten sie zu entlasten.

Ein Gutachten hat dem angeklagten Ex-Porsche-Chef vor Gericht den Rücken gestärkt. Reuters

Wendelin Wiedeking

Ein Gutachten hat dem angeklagten Ex-Porsche-Chef vor Gericht den Rücken gestärkt.

StuttgartEs ist der eher zähe Teil des Gerichtsverfahrens. Wirtschafts-Professor Hans-Peter Burghof macht am vierten Verhandlungstag den Saal 1 des Stuttgarter Landgerichts stundenlang zum Vorlesungsraum über Kapitalmarkttheorie. Der Gutachter soll einen zentralen Punkt der Anklage klären: Konnten die fraglichen Mitteilungen von Porsche den Börsenkurs der VW-Aktie in der Übernahmeschlacht 2008 beeinflussen und haben sie das auch tatsächlich getan.

Der einst bestbezahlte deutsche Topmanager und seine hochdotierten Staranwälte müssen stundenlang lauschen, wie Erstsemester in Betriebswirtschaftslehre. Aber sie machen das ohne ein Mucken, denn sie wissen, was der Professor zum Besten gibt, nutzt der Verteidigung. Wiedeking nickt bei den Ausführungen des Professors. Burghof zieht seine Schlüsse mit Hilfe der Kapitalmarkttheorie. Eine Befragung von Zigtausenden Anlegern sei mit vertretbarem Aufwand nicht möglich, und es seien auch keine ehrlichen Antworten zu den Handelsmotiven zu erwarten, erklärte er. „Es wird im Nachhinein nirgendwo so viel gelogen wie am Kapitalmarkt.“

Burghof nahm fünf von sechs Verlautbarungen von Porsche aus dem Jahr 2008 unter die Lupe. Den sechsten Fall, die Bekanntgabe des Porsche-Plans einer völligen Kontrolle von VW von Ende Oktober 2008, will Burghof erst am Freitag behandeln. Für die ersten fünf Firmenmitteilungen konnte Burghof aber keine Einwirkung auf den VW-Börsenkurs feststellen.

„Das ist der zweite Sargnagel für die Anklage der Staatsanwaltschaft“, sagte Wiedeking-Verteidiger Walther Graf in einer Prozesspause. Der erste Sargnagel sei, dass die Mitteilungen ja gar nicht falsch gewesen seien. Und der Starverteidiger verwendet ein Bild. „Hier ist kein Schuss gefallen. Und selbst unter der Annahme, es wäre einer gefallen, hat er nicht getroffen“, sagte Graf.

Das ist Wendelin Wiedeking

Vor Gericht

Anstatt am Steuer eines Sportwagens muss Manager Wendelin Wiedeking in den kommenden Monaten zumindest zeitweise auf der Anklagebank Platz nehmen. Für den einstigen Porsche-Chef ist das ein lästiges Kapitel, das er schnell wieder schließen will. Wer ist der Mann, der einst Deutschlands bestbezahlter Manager war?

Quelle: dpa

Porsches Lichtgestalt

Wendelin Wiedeking war in der Autobranche lange Zeit eine Art Lichtgestalt: Irgendwie war er stets auf der Überholspur. Als der Maschinenbauer 1992 an die Spitze des Sportwagenbauers Porsche berufen wurde, liefen die Geschäfte mau. Der gebürtige Westfale schaffte es, Überkapazitäten in der Produktion sowie im Personalbereich am Stammsitz Stuttgart-Zuffenhausen abzubauen und Porsche zum profitabelsten Autobauer der Welt zu machen.

Alphatier und Lebemann

Der heute 63-Jährige wurde der bestverdienende angestellte Manager Deutschlands. Medienberichten zufolge soll das machtbewusste «Alphatier» im Geschäftsjahr 2007/08 sage und schreibe 100,6 Millionen Euro für seine Tätigkeit beim PS-starken Unternehmen eingestrichen haben. 2009 musste Wiedeking nach der verlorenen Übernahmeschlacht mit VW seinen Chefsessel räumen. Er trat stets selbstbewusst auf, im edlen Zwirn und mit dicken Zigarren genoss er seinen Erfolg.

Unternehmer mit vielen Steckenpferden

Eine Rückkehr in die Chefetage eines großen Konzerns hat Wiedeking nach seinem Porsche-Abgang ausgeschlossen - er will sein eigenes Ding machen als Unternehmer. Sein Vermögen hat Wiedeking auch in zahlreiche Firmen investiert, etwa in die Italo-Restaurantkette Tialini. Auch Internet-Reiseportale und einen Schuh-Hersteller nennt er sein Eigen. Im Privaten setzt er auf Konstanz: Seine Frau und er sind seit Schulzeiten ein Paar, die beiden haben zwei Kinder.

Die komplette Vorstellung des Gutachtens soll noch morgen weitergehen. Die Staatsanwaltschaft hatte bereits zuvor Kritik an einer Vorfassung des Gutachtens geübt, aus ihrer Sicht ist die Analyse schlicht ungeeignet für das Verfahren. „Es fehlt eine klare Aussage“, sagte Staatsanwalt Heiko Wagenpfeil. Er wird versuchen, das vom Gericht in Auftrag gegebene Gutachten zu erschüttern. Wenn ihm das nicht gelingt, wird es für die Anklage immer schwerer.

Der Prozess gibt einen Rückblick auf die Übernahmeschlacht zwischen VW und Porsche 2008/2009. Damals hatte der relativ kleine Sportwagenbauer Porsche seinen Anteil an Volkswagen - Europas größtem Autohersteller - schrittweise erhöht. Doch auch wegen der Finanzkrise überhob sich die hoch verschuldete Stuttgarter Autobauer, VW drehte am Ende den Spieß um und machte den Luxusauto-Hersteller seinerseits zur Tochterfirma.

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