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18.02.2016

19:55 Uhr

Porsche-Prozess

Staatsanwalt fordert Haftstrafen für Wiedeking und Härter

Wendelin Wiedeking und Holger Härter müssen sich wegen der VW-Übernahmeschlacht 2008 vor Gericht verantworten. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft fordert für die beiden Ex-Porsche-Manager harte Strafen.

Das Verfahren ist eine Art Rückblick auf die heiße Phase der VW-Übernahmeschlacht 2008. dpa

Prozess gegen ehemalige Porsche-Vorstände

Das Verfahren ist eine Art Rückblick auf die heiße Phase der VW-Übernahmeschlacht 2008.

StuttgartDie Stuttgarter Staatsanwaltschaft fordert für Ex-Porschechef Wendelin Wiedeking und seinen Finanzvorstand Holger Härter wegen ihrer Rolle in der VW-Übernahmeschlacht 2008 harte Strafen. Laut Plädoyer der Ankläger vom Donnerstag soll Wiedeking eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten bekommen, das Strafmaß für Härter soll bei zwei Jahren und drei Monaten liegen. Hinzu sollen Geldbußen von je einer Million Euro kommen. Den Angeklagten wird vorgeworfen, den Markt manipuliert haben. Die beiden bestreiten das, die Verteidigung pocht auf einen Freispruch.

Die Dachgesellschaft Porsche SE, deren Chefs Wiedeking und Härter damals waren, soll 807 Millionen Euro Strafe zahlen, schließlich habe die Firma durch die Marktmanipulation Verluste vermieden, so die Ankläger. Das Urteil in dem Prozess soll am 4. März gefällt werden.

Das Verfahren ist eine Art Rückblick auf die heiße Phase der VW-Übernahmeschlacht 2008. Porsche wollte damals drei Viertel von Volkswagen übernehmen und mit einem Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag ans Steuer rücken beim Branchenriesen. Doch die Pläne gingen schief, die Porsche SE verschuldete sich stark und musste ihre Autoproduktion schließlich an VW verkaufen – 2009 räumten Wiedeking und Härter ihre Posten. Durch Kursschwankungen der VW-Aktie verloren Hedgefonds damals Milliarden, aus deren Sicht waren Marktmanipulationen von Wiedeking und Härter der entscheidende Grund.

Porsche Holding und VW – ein kompliziertes Verhältnis

Porsche und Volkswagen

Das Verhältnis zwischen Porsche und Volkswagen ist komplex. 2005 sicherte sich Porsche zunächst 20 Prozent der VW-Stammaktien und baute den Anteil in den Folgejahren sukzessive auf 50,73 Prozent aus. 2008 verkündete der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, den Anteil bei VW auf 75 Prozent aufstocken zu wollen. Doch kurze Zeit später musste der Sportwagenbauer seine Pläne begraben. Zu dem Zeitpunkt hatte Porsche 11,4 Milliarden Euro Schulden angehäuft.

Quelle: dpa

Die Porsche Automobil Holding SE

Die Porsche Automobil Holding SE wurde 2007 gegründet, um das Sportwagengeschäft der Porsche AG von der Beteiligungsverwaltung SE zu trennen. SE steht für Aktiengesellschaft auf Europaebene (Societas Europaea). Das operative Geschäft mit den Autos ist seither in der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG - kurz Porsche AG - gebündelt. Zunächst war die Porsche AG eine Tochter der Porsche Holding.

Der integrierte Konzern

Nach dem gescheiterten Übernahmeversuch einigten die Familien Porsche und Piëch sich darauf, einen integrierten Autokonzern zu bilden. Volkswagen übernahm Teile des Sportwagenbauers Porsche AG. 2012 wurde der Sportwagenbauer komplett an VW verkauft. Die Porsche-Holding wurde als VW-Mehrheitseigner das Dach des Gebildes.

Wer hat das Sagen?

Die auf der Hauptversammlung wichtigen, weil stimmberechtigten, Stammaktien der Porsche-Holding liegen seit dem Ausstieg des Emirats Katar allein in der Hand der Familien Porsche und Piëch. Die Vorzugsaktien halten institutionelle Anleger und Privatanleger.

Der Verteidiger von Wiedeking, Walther Graf, schüttelte nach dem Plädoyer der Ankläger den Kopf. „Die Forderung der Staatsanwaltschaft ist in keinem Fall nachvollziehbar, sie gibt das Ergebnis der Beweisaufnahme überhaupt nicht wieder.“ Die Staatsanwälte beriefen sich nur auf Indizien, die sie bewusst missverstünden, sagte Graf.

Tatsächlich hatte Staatsanwalt Aniello Ambrosio eingeräumt, dass die Zeugen in dem Verfahren die Anklagepunkte nicht untermauern konnten. Er hält Wiedeking und Härter dennoch für schuldig und verweist dabei auf E-Mails, Präsentationen und Protokolle. Knackpunkt ist die Frage, wann der Beschluss zur 75-Prozent-Übernahme von VW fiel – laut Staatsanwaltschaft Anfang März 2008, laut Wiedeking und Härter erst Ende Oktober desselben Jahres. Zwischen den beiden Zeitpunkten hatte Porsche in Pressemitteilungen und Statements mehrfach beteuert, VW nicht beherrschen zu wollen. Eine Verschleierung, so die Ankläger.

Nach der Bekanntgabe der Pläne Ende Oktober 2008 schnellte der VW-Kurs von etwa 200 auf gut 1000 Euro in die Höhe. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war dies Absicht, weil Porsche wegen der Übernahmepläne bei VW in finanziellen Schwierigkeiten war – für einen Bankenkredit wurden wegen des zuvor sinkenden VW-Kurses hohe Nachschusspflichten fällig. „Die Summe, die für Porsche auf dem Spiel stand, war gigantisch“, sagte Staatsanwalt Heiko Wagenpfeil.

Hedgefonds vs. Porsche

Worum geht es?

Wegen des gescheiterten Übernahmeversuchs bei Volkswagen im Jahr 2009 hat die Porsche Automobil Holding SE (Porsche SE/PSE) als Dachgesellschaft des Sport- und Geländewagenbauers schon diverse Rechtsstreitigkeiten am Hals. Auch im aktuellen Fall geht es um den spektakulären Wirtschaftskrimi: Mehrere Hedgefonds fühlen sich rückblickend getäuscht und wollen deswegen Geld zurück, das sie damals an der Börse verloren haben. Insgesamt geht es noch um fast 1,2 Milliarden Euro. Die PSE hält die Forderung für unbegründet.

Wie lautet die Begründung der Hedgefonds

Im Mittelpunkt stehen Pressemitteilungen der PSE aus dem Jahr 2008. Damals hatte die Holding zunächst bestritten, ihren Anteil am VW-Konzern auf 75 Prozent aufstocken zu wollen. Einige Monate später gab sie dann aber bekannt, genau diesen Plan zu verfolgen. Die Aktienkurse schossen nach oben – Anleger, die auf fallende Kurse gewettet hatten, verloren viel Geld. Sie werfen der PSE vor, die Öffentlichkeit über ihre wahren Absichten bewusst im Unklaren gelassen zu haben.

Wie sieht die PSE die Sache?

Ganz anders: Die Holding habe ihre Pläne stets nach bestem Wissen und Gewissen kundgetan, heißt es dort. Erst zum Zeitpunkt der endgültigen Pressemitteilung sei die Entscheidung, den viel größeren VW-Konzern übernehmen zu wollen, gefallen. Eine Haftung für die darauffolgenden heftigen Kursreaktionen lehnt die PSE ab.

Welche Rechtsstreitigkeiten hat die Porsche SE deswegen noch?

So einige. Schauplätze sind Braunschweig, Stuttgart, Hannover oder auch Frankfurt. Manche Klagen wanderten von einem Gericht zum anderen, weil die Zuständigkeiten umstritten waren. Der aktuelle Prozess wechselte etwa von New York nach Deutschland. Die PSE hatte stets darauf gepocht, dass der Fall vor deutschen Gerichten verhandelt werden müsse, weil sie hier auch ihren Sitz habe.

Gibt es schon Entscheidungen?

Nur in kleineren Fällen. Das Landgericht Stuttgart hat die Klage der Hedgefonds zudem bereits abgewiesen. Die Fonds wehrten sich jedoch dagegen, so dass der Streit nun vorm Oberlandesgericht weitergeht. Im Zusammenhang mit dem Versuch der VW-Übernahme wurde auch Porsches früherer Finanzchef Holger Härter bereits wegen Kreditbetrugs zu einer Geldstrafe verurteilt. Um Anleger, die sich falsch informiert fühlten, ging es dabei jedoch nicht.

Was hat der Sport- und Geländewagenbauer Porsche damit zu tun?

Beim Namen Porsche denken die meisten zuerst an die Stuttgarter Sport- und Geländewagenschmiede. Diese hat mit den Klagen aber nicht direkt etwas zu tun. Die Vorwürfe richten sich gegen die Dachgesellschaft Porsche SE, zur Zeit der Übernahmeschlacht gehörte das operative Porsche-Geschäft aber noch zu dieser Holding. Neben der Porsche AG war die Holding auch damals schon an Volkswagen beteiligt. Um den Ausbau dieser VW-Beteiligung geht es im aktuellen Streit.

Wie ging die Geschichte damals aus?

Es lief für die Stuttgarter nicht nach Plan. Die Porsche SE verhob sich bei dem Versuch, sich die Macht bei VW zu sichern. Am Ende kam es daher anders: Im August 2012 drehte Volkswagen den Spieß um und verleibte sich das Porsche-Geschäft, das bis dahin unter dem Dach der Porsche SE war, komplett ein. Die Porsche SE selbst ist seitdem ausschließlich an Volkswagen beteiligt – profitiert darüber aber letztlich noch immer von den Erfolgen der Sportwagenschmiede.

Durch die Mitteilung, in der wesentliche Informationen verschwiegen worden seien, habe Porsche den VW-Kurs und damit einen Dax-Wert manipuliert. Wiedeking und Härter dürften nicht ungeschoren davonkommen, warnte Wagenpfeil. „Das könnte ein Freibrief für alle Marktmanipulateure sein, die bisher nur bei Pennystocks tätig waren.“

Das geforderte Strafmaß für Ex-Finanzchef Härter ist etwas niedriger, weil für ihn eine Verurteilung wegen Kreditbetrugs 2013 – ebenfalls wegen seiner Rolle in der VW-Übernahmeschlacht – angerechnet wurde. Damals musste er 630.000 Euro Strafe zahlen.

Von

dpa

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