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13.01.2009

15:00 Uhr

Porzellan-Hersteller

Das weiße Gold verliert den Glanz

VonChristoph Schlautmann

Die Rosenthal-Pleite zeigt, wie groß die Probleme der deutschen Porzellan-Hersteller inzwischen sind. Absatzschwierigkeiten und Überkapazitäten schnüren den Unternehmen die Luft ab. Die Sterbewelle in der traditionsreichen Industrie geht weiter.

Geschirr aus Porzellan findet nur noch wenige Käufer. Foto: dpa dpa

Geschirr aus Porzellan findet nur noch wenige Käufer. Foto: dpa

DÜSSELDORF. 550 Kilometer ist sie lang. Durch den Oberpfälzer Wald, das Fichtelgebirge und die Fränkische Schweiz verbindet Deutschlands "Porzellanstraße" solch abgelegene Städtchen wie Selb, Coburg-Rödental, Arzberg und Vohenstrauß. 90 Prozent des heimischen Porzellans entstanden hier einst in den Brennhöfen meist mittelständischer Betriebe, die im Nordosten Bayerns und Teilen Thüringens eine fast 200-jährige Industriekultur prägten.

Doch die Idylle ist dahin. Ursprünglich für Touristen geplant, hat sich die Route längst zu einer Tour der Leiden gewandelt. Statt Sommerfrischler lockt die reizvolle Gegend zunehmend geschäftige Insolvenzverwalter. "Die Lage bei den deutschen Porzellanherstellern ist trübe", berichtet Klaus-Peter Teipel von der Kölner Beratungsfirma BBE. "Die Produktionskapazitäten sind einfach zu hoch."

Dabei bildet der am Freitag eingereichte Insolvenzantrag der börsennotierten Rosenthal AG beim Amtsgericht Hof nur einen vorläufigen Höhepunkt. Schon nach dem Wende-Boom begann 1995/96 die erste Sterbewelle unter den deutschen Porzellanherstellern. Die damals prominenteste Pleite legte die Porzellanfabrik Winterling im Fichtelgebirge hin. Zusammen mit dem ebenfalls insolventen Wettbewerber Eschenbach ging Winterling daraufhin im Jahr 2000 an den Konkurrenten Triptis in Thüringen.

Eine Rettung aber blieb aus. Auch Triptis musste 2004 den Weg zum Insolvenzgericht antreten, um ein Jahr später von der thüringischen Frowein-Gruppe übernommen zu werden.

Doch die Pleitewelle rollte weiter. 2004 meldete sich die Porzellanfabrik Mitterteich in der Nähe von Selb zahlungsunfähig, im September 2008 die Porzellan-Manufaktur in Ludwigsburg. Kurz darauf traf es den Hummelfiguren-Hersteller Goebel im oberfränkischen Rödental, der zum Jahreswechsel die Produktion seiner geschmacklich umstrittenen Porzellan-Sammelartikel einstellte.

Selbst der saarländische Rosenthal-Konkurrent Villeroy & Boch verlängerte wegen Absatzschwierigkeiten die Weihnachtsferien um einige Tage. Eine Anfrage dazu blieb unbeantwortet.

Auch wenn sich für Goebel die Übernahme durch einen deutschen Porzellanhersteller abzeichnet, wie das Handelsblatt aktuell erfuhr, ist von einer Konzentration in der Branche wenig zu spüren. "Es gibt einfach zu viele unprofilierte Hersteller und Marken", bestätigt BBE-Experte Teipel.

Hinzu kommt: Galten früher zwölfteilige Service als beliebtes Hochzeitsgeschenk, hat hochwertiges Porzellan bei Eheschließungen an Attraktivität verloren. Weil Familien immer kleiner werden, tut es inzwischen auch ein sechsteiliges Set.

Und immer öfter liefert es Ikea oder ein branchenfremder Discounter: Nach dem Wegfall der Kontingentierung vor fünf Jahren exportierte China im vergangenen Jahr genau so viel billiges Porzellan nach Deutschland, wie die heimische Industrie in ihren Öfen brannte. Weil Hersteller wie Rosenthal oder WMF ihre Ware nicht mehr über den üblichen Fachhandel los wurden, stellten sie ihre Überproduktion für Treuebonus-Aktionen von Rewe oder Real zur Verfügung - nicht ohne Schaden für Ertrag und Image.

Das Absatzplus, das sich die deutschen Hersteller 2007 erstmals nach vielen mageren Jahren erarbeitet hatten, ging 2008 nach ersten Schätzungen wieder komplett verloren. "Wir hoffen, dass wir zumindest im laufenden Jahr das Umsatzniveau halten können", zeigt sich Thomas Grothkopp vom Bundesverband für den Gedeckten Tisch bescheiden.

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