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12.01.2016

13:41 Uhr

PR-Debakel für VW-Chef Müller

„Das zweite Interview hilft gar nichts“

Das verkorkste Interview von VW-Chef Müller schlägt hohe Wellen. Der Medienberater Martin Wohlrabe glaubt, der Vorfall könnte für den Konzern genauso verheerend sein wie einst der Fall Breuer bei der Deutschen Bank.

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Nach Interview: Kann VW-Chef Müller noch ernsthaft als Aufklärer durchgehen?

Handelsblatt in 99 Sekunden: Nach Interview: Kann VW-Chef Müller noch ernsthaft als Aufklärer durchgehen?

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DüsseldorfMit seinem völlig missratenen Interview beim amerikanischen Radiosender National Public Radio hat VW-Chef Matthias Müller seinen Konzern ohne Not in Bedrängnis gebracht. Müller hatte versucht, den Emissionsskandal herunterzuspielen und ihn als technisches Problem bezeichnet. Das alarmierte die Presseabteilung von VW. Sie zog das Interview zurück und ließ es neu führen. Der Berliner Rechtsanwalt Martin Wohlrabe glaubt, dass das Interview VW noch teuer zu stehen kommen könnte. Wohlrabe betreibt in Berlin eine Medienberatung für Anwälte.

Der Berliner Rechtsanwalt betreibt eine Medienberatung. PR

Martin Wohlrabe

Der Berliner Rechtsanwalt betreibt eine Medienberatung.

Herr Wohlrabe, was genau ist denn missraten an dem Interview von VW-Chef Müller?
Müller ist ohne Not vorgeprescht und hat emotional reagiert. Immer gefährlich, wenn hohe Summen auf dem Spiel stehen. Ein Beispiel für eine Kommunikation, bei der der juristische Horizont nicht sauber abgeklopft wurde, ist das Breuer-Interview: Der Deutsche-Bank-Chef äußerte 2002 Zweifel an der Liquidität der Kirch-Gruppe. Ein böser Rechtsstreit folgte. Das Interview kostete die Bank am Ende fast eine Milliarde Euro und führte zu Strafverfahren gegen Vorstände des Instituts.

Was hätte Müller denn Ihrer Meinung nach tun sollen?
Er hätte sich an die Sprachregelung von Volkswagen halten sollen. VW hat den Verstoß schließlich bereits in vollem Maße akzeptiert. So ein Fass ohne Not aufzumachen, ist unnötig. Wenn man auch sicher einschränkend sagen darf: Bei dem Druck, der gerade auf dem VW-Chef lastet, ist so eine Reaktion menschlich sicher gut nachvollziehbar.

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Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Kann man denn ein Interview so einfach zurückziehen und eine zweite Version anbieten?
Es ist möglich, es hilft aber kommunikativ wenig und juristisch gar nichts. Die Aussagen sind nun einmal in der Welt – Staatsanwälte, Behörden und Sammelkläger werden versuchen, ihren Honig daraus zu saugen. Sie werden beispielsweise den Gerichten zeigen, wes Geistes Kind Volkswagen angeblich ist. Dies wiederum kann böse Folgen haben. Allein in der Zivilklage durch Justizministerium und Umweltbehörde stehen Strafzahlungen in Höhe von bis zu 90 Milliarden Euro auf dem Spiel.

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Hätte Müller das lieber aussitzen sollen?
Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Das Kind war ja bereits in den Brunnen gefallen. Persönlich hätte ich ihm auf jeden Fall auch dazu geraten, die Sache zurechtzurücken. Nur so kann VW etwas die gerade wieder mühsam errichtete Glaubwürdigkeitspyramide retten. Und wie wir wissen, können Reputationsschäden häufig Schadenersatzsummen um ein Vielfaches übersteigen.

Herr Wohlrabe, vielen Dank für das Interview.

Von

mto

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