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05.07.2012

16:47 Uhr

Preisabsprachen

Thyssen-Krupp muss für Schienenkartell teuer büßen

Im Verfahren gegen die „Schienenfreunde“ bestraft das Bundeskartellamt vor allem Thyssen-Krupp. Der Konzern muss wegen der illegalen Preisabsprachen einen dreistelligen Millionenbetrag berappen.

Züge stehen vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main. dapd

Züge stehen vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main.

DüsseldorfDas Bundeskartellamt hat Thyssen-Krupp und drei weitere Unternehmen wegen Preisabsprachen auf dem Schienenmarkt zu einem Bußgeld von insgesamt 124,5 Millionen Euro verdonnert. Die mit Abstand größte Strafe von 103 Millionen Euro brummte die Behörde der Essener Thyssen-Krupp-Tochter GfT Gleistechnik auf.

Auch der österreichische Stahlkonzern Voestalpine kam nicht ungeschoren davon, obwohl er sich als Kronzeuge angedient hatte. Zwei Voest-Töchter müssen zusammen 8,5 Millionen Euro berappen. Die seit 2010 zum Bahntechnikkonzern Vossloh gehörende Firma Stahlberg Roensch muss 13 Millionen Euro zahlen.

Für die Firmen ist die Sache aber noch nicht erledigt. Das Kartellamt will prüfen, ob neben der Bahn weitere Kunden geprellt wurden. Zudem ermitteln die Wettbewerbshüter gegen weitere Firmen und die Deutsche Bahn fordert Schadenersatz in dreistelliger Millionenhöhe.

Mit den nun erfolgten Bescheiden stehe zweifelsfrei fest, „dass die Deutsche Bahn über Jahre systematisch betrogen wurde“, erklärte der für Konzernsicherheit zuständige Bahn-Vorstand Gerd Becht. Von den beteiligten Firmen erwarte das Unternehmen einen „vollständigen Ausgleich“ des Schadens. Ansprüche auf Schadensersatz werde die Deutsche Bahn notfalls auch vor Gericht durchsetzen.

Die Preisabsprachen seien von 2001 bis 2008 und teilweise sogar bis 2011 praktiziert worden. „Die Schienenlieferanten haben sich gegenseitig über viele Jahre nahezu konstante Quoten am Auftragsvolumen der Deutschen Bahn zugesichert“, erläuterte Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Die Firmen hätten die Einhaltung der Quoten überwacht, die Projekte einander zugeordnet und Schutzpreise vorgegeben, um die Auftragsvergaben zu steuern.

Mit den Bußgeldbescheiden sei lediglich ein erster Teil des Verfahrens abgeschlossen. Das Bundeskartellamt werde den Schwerpunkt der Ermittlungen nun auf weitere Bereiche verlagern. Dazu gehörten unter anderem Schienen und Weichen für regionale und lokale Nachfrager. „Der Fall zeigt erneut, dass auch die Auftraggeber gerade bei Ausschreibungen im öffentlichen Bereich besonders wachsam sein sollten.“

Kommentare (3)

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Bodo

05.07.2012, 13:27 Uhr

Na, dieses Bußgeld ist doch ein Schnäppchen.
Da werden über viele Jahre hinweg Kunden massiv über den Tisch gezogen (alleine die Deutsche Bahn AG beziffert den Schaden auf 500 Millionen Euro) und dann merht die VOEST, dass das Kartell undicht wird und meldet sich schleunigst als Kronzeuge. Und jetzt wird es spannend. Thyssen-Krupp hat selbst keine Schienenproduktion und ist "nur" mit der Tochter GFT am "Geschäft beteiligt. Europas größter Schienenproduzent - die VOEST - mit rund 1,5 Mio Tonnen Jahresproduktion und der Initiator des Kartells bekommt eine Geldstrafe im einstelligen Mio-Bereich; man ist ja schließlich "Kronzeuge". Absurder geht es wohl nicht.
Man möge sich dieser Logik mal auf andere Rechtsvergehen übertragen sehen.
Die Kartellbehörde hat sich hiermit zum Clown des Wettbewerbes geoutet. Unterm Strich haben sich alle Beteiligten, nach Abzug der Bußgelder, Dumm und dämlich verdient. Glückwunsch und Aufforderung an andere Sparten ebenso zu verfahren.

Steffi

06.07.2012, 23:34 Uhr

Und wieso hat die Deutsche Bahn - trotz des bekannten Betrugs - die zur Zeit laufenden Rahmenverträge über Weichenlieferungen und auch Schwellenlieferungen erneut mit den gerade frisch bestraften Unternehmen geschlossen?? Meines Erachtens hätten diese Firmen für eine gewisse Zeit von der Teilnahme an den Ausschreibungen ausgeschlossen werden müssen. Es gibt doch noch genug Q1-zertifizierte Weichenwerke und Schwellenwerke!

Steffi

06.07.2012, 23:50 Uhr

Ich hatte noch etwas vergessen: ThyssenKrupp hat den Großteil der betreffenden Vertriebsmitarbeiter freigesetzt. Aber die haben schon wieder neue Positionen bei neu gegründeten Handelsunternehmen und sind wieder mit den gleichen Kunden wie zu Kruppzeiten in Auftragsverhandlungen. Also ist es doch offensichtlich, dass die "Kundschaft" genauso tief drin steckt.
Das ist alles so scheinheilig. Als der Betriebsrat von VW schlechte Presse hatte, wurde darüber täglich berichtet. Aber dass im schienen-, Gleis- und Weichengeschäft genauso in entsprechenden Etablissements die Auftragsverhandlungen abgehalten werden, wird unter den Tisch gekehrt.

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