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26.07.2012

13:46 Uhr

Preispolitik

Fiat-Chef wirft VW ein „Blutbad“ vor

Die Fronten zwischen den europäischen Autobauern verhärten sich. In einem Interview attackiert Fiat-Chef Sergio Marchionne Volkswagen für seine Preispolitik. Seine Wortwahl dabei ist harsch.

Fiat-Chef Sergio Marchionne findet deutliche Worte für die VW-Preispolitik. Reuters

Fiat-Chef Sergio Marchionne findet deutliche Worte für die VW-Preispolitik.

Marchionne wirft dem deutschen Konzern eine rücksichtslose und zerstörerische Preispolitik vor. „Bei der Preisgestaltung gibt es ein Blutbad. Das ist ein Blutbad bei den Margen“, zitiert ihn die „New York Times“. Indem die Wolfsburger aggressive Rabatte gewährten, nutzten sie die Krise, um Marktanteile zu gewinnen.

Als Hintergrund der Äußerungen von Fiat-Chef Marchionne gelten die Absatzprobleme des italienischen Autobauers. Der Fahrzeugmarkt in der EU ist seit Monaten auf Talfahrt, vor allem in den Euro-Krisenländern Spanien und Italien, aber auch in Frankreich. Dies trifft vor allem die Hersteller hart, die von Europa abhängig sind - neben der europäischen Nummer zwei, PSA Peugeot Citroën, sind dies auch Opel und Fiat. Sie kämpfen mit Überkapazitäten.

Im Europageschäft fuhren die Italiener im ersten Quartal einen Verlust von 273 Millionen Euro ein. Nur die Gewinne der US-Tochter Chrysler halten Fiat noch in den schwarzen Zahlen.

Fiat-Chef Sergio Marchionne will darum nicht nur das Wachstum in den USA vorantreiben. Der Italiener, der auch Präsident des Branchenverbands Acea ist, fordert die Politik aber vor allem die Konkurrenz zum Handeln auf.  Zuletzt appellierte er an die EU-Kommission in Brüssel, den angeschlagenen europäischen Autobauern finanzielle Hilfe zu gewähren, um die notwendigen Abbau von Überkapazitäten voranzutreiben.

Zuletzt hatte der Fiat-Chef angekündigt, als Reaktion auf den Absatzschwund die Investitionen in Europa um eine halbe Milliarde auf sieben Milliarden Euro zusammenzustreichen. Der lange erwartete Kleinwagen Grande Punto solle später auf den Markt kommen.

Die größten Autohersteller in Europa

Platz 10

Nissan - 239.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Im Vergleich zum Vorjahr büßen die Japaner Marktanteile ein. Die Zahl der Neuzulassungen schrumpfte um drei Prozent.

Platz 9

Toyota - 295.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Weltweit gehören die Japaner zu den größten Autokonzernen. In Europa stagnieren die Absätze allerdings. Im Vergleich zum Vorjahr wurden ein Prozent weniger Neuwagen verkauft.

Platz 8

Daimler - 349.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Der deutsche Premiumhersteller kann sich freuen: Als einziger Hersteller in der europäischen Top Ten verkauften die Stuttgarter mehr Autos als im Vorjahr. Die Verkäufe legten um ein Prozent zu.

Platz 7

BMW - 421.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Trotzdem kann BMW die Premiumkrone auch in Europa behaupten. Die Münchner verkauften zwar ein Prozent weniger Neuwagen als im Vorjahr - doch das ist immer noch besser als die Konkurrenz.

Platz 6

Fiat - 456.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Die Sorgenfalten von Fiat-Chef Sergio Marchionne dürften zunehmen. Mit einem Minus von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr befinden sich die Italiener in einer der tiefsten Absatzkrisen der Unternehmensgeschichte.

Platz 5

Ford - 533.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Auch für den US-Autobauer, dessen größtes Werk in Europa nördlich von Köln liegt, sind die Verkäufe in Europa eingebrochen. 11 Prozent weniger Fahrzeuge wurden an den Mann gebracht.

Platz 4

General Motors - 573.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Die Zahlen sind besorgniserregend. So besorgniserregend, dass zuletzt auch Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke gehen muss. In Europa brachen die Verkäufe des US-Riesen im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent ein.

Platz 3

Renault - 583.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Noch schlimmer trifft es den französischen Autoriesen Renault. Satte 17 Prozent weniger Autos konnten die Franzosen im ersten Halbjahr absetzen. Die Regierung denkt bereits über Staatshilfen für die angeschlagene heimische Autoindustrie nach.

Platz 2

Peugeot/Citroën - 827.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Auch der größte französische Autobauer klagt über Absatzprobleme und kündigte zuletzt an, 8000 Stellen streichen zu wollen. Im ersten Halbjahr schrumpften die Verkäufe um 14 Prozent.

Platz 1

Volkswagen - 1,66 Millionen Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Es ist einsam an der Spitze: Die Wolfsburger deklassieren die Konkurrenz um längen. Im schwierigen europäischen Massenmarkt verliert Volkswagen zwar ein Prozent - doch insgesamt nehmen die Marktanteile zu.

Mit seinen Forderungen nach staatlicher Hilfe steht Marchionne in Europa allerdings weitgehend alleine da. Doch die Branche, die in Europa zwölf Millionen Beschäftigte zählt, ist uneins über den Ruf nach Staatshilfe. Besonders aus Deutschland bekommen die Italiener Gegenwind.  Volkswagen  und die deutschen Premiumhersteller Audi, BMW und Daimler, lehnen jegliche Staatshilfe ab.

Auch der koreanische Hyundai-Kia-Konzern und die amerikanische Opel-Schwestermarke Chevrolet, die ihre Autos in Korea produziert, agieren so erfolgreich in Europa, dass sie keine staatliche Unterstützung benötigen.

Marchionne fordert von der EU-Kommission Geld für die Schließung von Werken und verlangte er Einfuhrzölle für asiatische Konkurrenten.

Was bedeuten die CO2-Vorschläge der EU-Kommission?

Was bedeuten die Pläne für Autofahrer?

Kritiker warnen vor steigenden Verkaufspreisen, Befürworter werben mit sinkenden Spritkosten. „Das 95-Gramm-Ziel [wird] nicht ohne erhebliche Mehrkosten zu erreichen sein“, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Die EU-Kommission geht davon aus, dass ab dem Jahr 2020 neue Pkw 1100 Euro mehr kosten. Die Einsparungen beim Spritverbrauch lägen jedoch ungleich höher: Zwischen 2900 und 3800 Euro ließen sich über die Betriebsdauer eines Autos an der Tankstelle einsparen. Das Durchschnittsauto hätte laut Greenpeace dann einen Spritverbrauch von 3,7 Liter pro 100 Kilometer.

Werden deutsche Hersteller benachteiligt?

Die Vorgaben verlangen besondere Anstrengungen von den Produzenten schwerer Pkw. In diesem Segment ist Deutschland besonders stark vertreten. Gerade VW ging laut EU-Diplomaten deshalb dagegen an. Im Verhältnis zum Gewicht sollen allerdings alle gleich viel einsparen - und zwar 27 Prozent an Kohlendioxid pro Kilometer mehr als bei der geltenden Vorgabe von 130 Gramm. Die deutsche Autoindustrie hatte schwere Wagen weniger stark belasten wollen.

Was müssen die einzelnen Hersteller erreichen?

Damit die gesamte europäische Pkw-Flotte 2020 auf einen Durchschnittswert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer kommt, müssen die Hersteller noch zulegen. Nach Angaben von EU-Diplomaten müsste Daimler dann auf 98,8 Gramm kommen, BMW auf 100 Gramm und Fiat auf 87 Gramm - vorausgesetzt, das Fahrzeuggewicht ändert sich nicht. Hier ist nach Ansicht von Experten aber auch noch Luft für Einsparungen.

Wie reagieren Umweltverbände auf die Pläne?

Den Umweltverbänden gehen die Vorgaben nicht weit genug. Grüne, WWF, NABU, Greenpeace und Verkehrsclub Deutschland forderten einen strengeren Grenzwert von 80 Gramm pro Kilometer bis 2020. Dies sei technisch machbar, ökologisch geboten und ökonomisch sinnvoll. Zudem wollen sie eine Vorgabe für das Jahr 2025. Unzufrieden sind sie auch mit Ausnahmen für „verbrauchsarme“ Fahrzeuge wie Elektroautos. Hier dürfen sich Hersteller für jedes produzierte Auto 1,3 Wagen anrechnen lassen.

Was ist mit Kleintransportern?

Sie müssen nur einen Zielwert von 147 Gramm CO2 pro Kilometer erreichen. Die EU-Experten sagen, man wolle nicht schon wieder an erst vergangenes Jahr beschlossenen Regeln für leichte Nutzfahrzeuge rütteln. Das könne aber noch einmal überprüft werden.

Wie ist denn die Lage in der Autobranche derzeit?

Unterschiedlich. In der EU ist der Autoabsatz angesichts der Schuldenkrise seit Monaten auf Talfahrt. Vor allem in Spanien, aber auch Frankreich sind die Verkäufe eingebrochen. Der deutsche Automarkt dagegen steht noch gut da. Insgesamt steuert die Branche auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu. Konzerne wie Peugeot-Citroën, Opel, Fiat, die vom schwachen europäischen Markt abhängig sind, stecken in einer tiefen Krise und kämpfen gegen Überkapazitäten. Autoexperten erwarten Werksschließungen.

Können weltweite Exporte die Misere abmildern?

Konzerne, die weltweit gut aufgestellt sind, machen in der Tat die Schwäche in Europa durch das Wachstum vor allem in China und den USA mehr als wett. Unter den europäischen Herstellern zählen dazu neben dem breit aufgestellten VW-Konzern auch die Oberklasse-Hersteller Daimler und BMW. Neben den Klimaschutz-Vorgaben müssen die Hersteller aber Milliarden in neue Antriebstechnologien wie Elektro investieren.

Ist alles schon beschlossene Sache?

Nein. Die Mitglieder der EU-Kommission haben nun eine gemeinsame Position vorgestellt. Über diese verhandeln nun die EU-Länder und das Europaparlament.

Kommentare (26)

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audi

26.07.2012, 14:07 Uhr

Volkswagen wurde so erfolgreich, weil dort fähige- und technik-versessene Menschen (Ferdi und Wiko) an der Konzernspitze sind. Jedes Detail an technischen Neuerungen wird von diesen Herren persönlich abgenommen. Und wehe dem Konstrukteur, der der Konzernleitung dann schlampige Arbeit vorlegt oder nicht 150% sattelfest zum Thema ist.

In der Folge kam VW an die Weltspitze, weil dem Kunden ein Optimum an neuester Technik, Preis und Qualität geliefert wird.

FIAT dagegen lebt schon immer von direkten und indirekten staatlichen Subventionen. Und nun versiegt der staatliche Subventions-Regen. Kein Wunder, das FIAT rot sieht.

FIAT wäre ohne staatliche Zuschüsse schon lange pleite.

Account gelöscht!

26.07.2012, 14:28 Uhr

Dann baut doch Autos die nicht beim ersten Angucken auseinanderfallen!!!!

Rene

26.07.2012, 14:36 Uhr

Fiat, das ist Marktwirtschaft.

Wie unfähig sind Unternehmen und deren Manager, wenn sie ihr Unternehmen nur mit Steuergelder und Protetionismus am Leben halten können?

Das es Herrn Marchionne nicht peinlich ist, diese Aussagen überhaupt zu tätigen.

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